Wenn Marcia Haydée und Richard Cragun John Crankos „Der Widerspenstigen Zähmung“ tanzten, dann verfolgte nicht nur das Publikum jede ihrer Bewegungen mit atemloser Gespanntheit. Was die Zuschauer nicht sahen, war, wie das gesamte Ensemble in den Gassen stand, um das Paar zu beobachten. Haydée und Cragun tauchten so tief ein in ihre Rollen, sie gingen so auf in Crankos Stil, dass sie beginnen konnten, mit ihren Partien zu experimentieren. Es war diese Unverbrauchtheit, diese Risikobereitschaft, die ihren Auftritten die Spannung verlieh: Das Gefühl, tänzerisch jeden Abend alles zu wagen, übertrug sich als vibrierende Energie auf das ganze Theater.
Der Ruhm dieses Paares verbreitete sich schnell um die Welt.
Tänzer in London oder New York, die eigentlich selbst in phantastischen Compagnien engagiert waren, sahen Cragun und Haydée und beschlossen, Mitglied des Stuttgarter Balletts zu werden. Seit 1962 war Richard Cragun, der am Montag in Rio de Janeiro im Alter von siebenundsechzig Jahren gestorben ist, bei John Cranko in Stuttgart engagiert. Seine Bühnenpartnerschaft mit Marcia Haydée, mit der er sechzehn Jahre lang verheiratet war, ähnelte in ihrer Magie und Leuchtkraft der von Antoinette Sibley und Anthony Dowell oder auch dem Paarzauber von Margot Fonteyn und Rudolf Nurejew.
Von Kalifornien über Kanada und London nach Stuttgart
Cragun wusste den Bruchteil einer Sekunde im Voraus, was Haydée gleich tun würde, er antizipierte jede ihrer Gewichtsverlagerungen und hielt und führte sie mit einer lässigen Sicherheit, die ihren instinktgeleiteten Tanz ideal vor allen Gefährdungen bewahrte, ohne sie ihrer Freiheit und Souveränität zu berauben. Kein pur klassischer Tänzer, war dieser ideale Partner großer Ballerinen ein echter Showman; „old school“, war er auch ein fabelhafter Stepptänzer.
Nicht nur Cranko vertraute ihm die größten Rollen an. Auch Kenneth MacMillan, Maurice Béjart, John Neumeier, William Forsythe und Jií Kylián arbeiteten gern mit ihm.
Am 5. Oktober 1944 im kalifornischen Sacramento geboren, vielseitig ausgebildet an der Banff School of Fine Arts in Kanada, an der Royal Ballet School in London und bei Vera Volkova in Kopenhagen, sollte Cragun dreißig Jahre in Stuttgart bleiben – bis Marcia Haydée schließlich die Ballettleitung dort niederlegte. Cragun übernahm dann von 1996 bis 1999 die Ballettdirektion der Deutschen Oper Berlin. Mit dem Choreographen Roberto de Oliviera ging er anschließend nach Brasilien. Von 2002 bis 2005 versuchte er, aus dem Ballett des Theatro Municipal in Rio de Janeiro eine Compagnie internationalen Zuschnitts zu machen. Mit der ideellen und finanziellen Unterstützung alter Kollegen arbeitete er entschlossen daran, jungen Tänzern – zum Teil aus den Favelas herausgeholte und von Grund auf ausgebildete Jugendlichen – etwas von dem Ethos beizubringen, das seine eigene Karriere geprägt hatte.
Am Ende gab er auf. Die Schwierigkeiten künstlerischen Arbeitens in dem Land, das Marcia Haydée ihn zu lieben gelehrt hatte, wurden zu groß. Manchmal musste Cragun Vorstellungen absagen, weil die neuen Spitzenschuhe nicht rechtzeitig bestellt worden waren. Das war ermüdend für einen, dessen professionelle Laufbahn auf Fleiß und Disziplin aufgebaut war. Richard Cragun besaß eine ungeheuer sensible und energiegeladene Bühnenpersönlichkeit. Sein Charisma vermittelte sich jedem, der ihn tanzen sah. Mit seinem Tod verliert die Tanzwelt einen großen Protagonisten jener Generation, die das Ballett sexy und cool aussehen ließ – in Werken, die neben jenen aller anderen Gattungen mit größter Selbstverständlichkeit bestehen konnten.