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Zum Tod Philip Langridges Mehr als eine schöne Stimme

09.03.2010 ·  Er war ein Sänger für schwierige Aufgaben: für die Darstellung komplexer Charaktere. Sein Repertoire war umfangreicher als das aller seiner Fachkollegen: Zum Tod des großen englischen Tenors und Charakterdarstellers Philip Langridge.

Von Jürgen Kesting
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Ein englischer Tenor? Das ist ein Widerspruch in sich, jedenfalls für den italienisch gebildeten - oder verbildeten - Geschmack. Wie viele seiner britischen Kollegen brachte auch Philip Langridge nicht die „bella voce“ für die schmachtenden Jünglinge der italienischen Opernromantik oder die virilen Helden in den Werken Webers und Wagners mit. Er war ein Sänger für andere, schwierigere Aufgaben: für die Darstellung komplexer Charaktere. Sein Repertoire - von Bach zu Britten und Birtwistle, von Händel zu Henze, von Rameau zu Berlioz - war umfangreicher als das aller seiner Fachkollegen.

Als der in Hawkhurst in der Grafschaft Kent geborene Langridge nach dem Geigenstudium am Royal College of Music, einer Gesangsausbildung bei Bruce Boyce und Celia Bizony (1962 bis 1964), Lehrjahren im John Alldis Choir und im Chor des Glyndebourne Festival seine ersten größeren Rollen sang, stand er zunächst vor dem Problem, nicht so zu klingen, wie englische Tenöre damals klingen mussten: nämlich so wie der von der Aura des „Orpheus Britannicus“ umhüllte Peter Pears.

Keine Gefahr

Zunächst in vielen sogenannten „bit parts“ eingesetzt, debütierte er 1964 als Monsieur Taupe in Strauss' „Capriccio“ beim Glyndebourne Festival, für das er später den Don Ottavio, Idomeneo und Titus sowie den Laca in Janáceks „Jenufa“ sang. Unter Nikolaus Harnoncourt und der Regie von Jean-Pierre Ponnelle sang er 1977 in der Zürcher Produktion die Titelpartie in Mozarts „Lucio Silla“.

Zu seinen Rollen an der English National Opera und bei verschiedenen englischen Festivals in Brighton, City of London, Edinburgh und anderen gehörten Peter Quint in Brittens „Turn of the Screw“, Zivny in Janáceks „Osud“, die Titelpartie in der Uraufführung von Harrison Birtwistles „The Mask of Orpheus“ (1986), Gregor in „Die Sache Makropulos“ und Strawinskys Oedipus Rex. Schier endlos ist die Liste seiner Ur- und Erstaufführungen: Dorian Gray in Hans Kox' gleichnamiger Oper (Amsterdam 1977), die Titelpartie in Thomas Wilsons „Confessions of a Justified Sinner“ (Scottish Opera, 1977) oder die erste englische Aufführung von Hans Werner Henzes „Elegie für junge Liebende“. Dem Risiko, über seine stimmlichen Mittel hinauszugehen, hat er sich selbst in Partien wie Florestan, Hüon, Aeneas in Berlioz' „Les Troyens“ oder Peter Grimes nicht ausgeliefert.

Eine nationale Institution

Ebenso wenig hat er den Fehler begangen, gebrochene Figuren wie Nerone in „L'Incoronazione di Poppea“ (Salzburg, 1993), Don Basilio im „Figaro“ oder Schuisky in „Boris Godunow“ (Salzburg, 1994) karikierend zu entstellen. Unter der Ägide von Gerard Mortier in Salzburg exzellierte er weiter als Skuratow in Janáceks „Aus einem Totenhaus“ und als Edrisi in Szymanowskis „König Roger“.

Zu Langridges gesangsdarstellerischen Großtaten gehörten seine Porträts des Aron in Arnold Schönbergs „Moses und Aron“, den er 1987 in Salzburg als Einspringer sang, und des Mark in Michael Tippetts „Midsummer Marriage“ mit ihrem auf das Gelingen des Unmöglichen angelegten Lerchengesang.

An der Mailänder Scala war er als Schuisky, Tom Rakewell, Idomeneo und als Hauptmann im „Wozzeck“ zu erleben. An der Met hat er seit 1985 Ferrando in Mozarts „Così fan tutte“, Loge in „Rheingold“, Vere in „Billy Budd“ und Peter Grimes, Aron und nicht zuletzt die Hexe in „Hänsel und Gretel“ gesungen. Wie Peter Pears - dessen Nachfolger er schließlich doch wurde, weil er nie die Rolle des Nachahmers übernahm - war Philip Langridge, geehrt als Commander of the British Empire, eine nationale Institution. Am 5. März ist er im Alter von siebzig Jahren gestorben.

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