26.12.2008 · Seine Rechthaberei war legendär, wobei man sie als den Versuch charakterisieren könnte, den Zweifeln und Unsicherheiten der menschlichen Existenz eine Antwort abzupressen. Zum Tod des britischen Dramatikers Harold Pinter.
Von Gina ThomasAls Harold Pinter vor nicht allzu langer Zeit verkündete, dass er keine Stücke mehr schreiben werde, wollte ihm kaum jemand glauben. Man hielt die Aussage für Koketterie und machte sich über seine Eitelkeit lustig, schließlich hatte es schon früher Perioden gegeben, in denen er große Mühe hatte, fürs Theater zu schreiben. Aber die Skeptiker müssen jetzt Abbitte leisten. Pinter hat Wort gehalten, womöglich weil er immer schon überaus rechthaberisch war. Und das nicht nur in politischen Fragen, sondern auch auf dem Tennisplatz und dem Cricket-Feld, wo er, wie seine Spielpartner bezeugen, stets mit äußerster Verbissenheit auftrat. Er, der ein großer Poet der Ungewissheit war und als einzige Gewissheit den Tod anerkannte, hat jetzt sozusagen mit der Nachricht von seinem Ableben zum letzten Mal recht behalten.
Im Grunde war seine ganze Rechthaberei ein Versuch, den Zweifeln und Unsicherheiten der menschlichen Existenz eine Antwort abzupressen. Dieser Zweifel sitzt im Kern aller seiner Stücke. Er lag auch seinem stacheligen Wesen zugrunde. Oft schaue er in den Spiegel, hat Pinter einmal gesagt, und frage: „Wer zum Teufel ist das?“ Seine Figuren wissen nicht, wer sie sind, woher sie kommen und wohin sie gehen könnten. Sie sitzen vereinsamt in geschlossenen Räumen, geben Rätselhaftes von sich, sind von Ahnungen und Ängsten geplagt und hausen in einer Atmosphäre, in der die Grenzen zwischen banaler Alltäglichkeit und albtraumhaftem Schrecken verschwommen sind – so warten sie auf ein Unheil, das jeden Augenblick hereinbrechen kann.
Kindheit im Schatten Hitlers
Dieses Unheil erfüllt sich immer. Sei es, dass einer der Herr ist und die anderen sich untertan macht, sei es, dass Fremde überraschend hereindringen und alles durcheinanderbringen: Machtkämpfe, die in allen Pinter-Dramen unter der Oberfläche brodeln. Alle Konversation ist bei Pinter immer Gefecht, jedes Wort eine Waffe. Es geht um Spannungen in den menschlichen Beziehungen, um Misstrauen und unbekannte Bedrohungen, um trügerische Erinnerungen an „alte Zeiten“ und ewig unerfüllte Sehnsüchte, um Wahrheit und Lüge, um Eroberung und Unterdrückung.
Seine von Beckett und Kafka geprägte und dennoch ureigene Stimme hat Pinter schon in seinem ersten Stück, „The Room“ gefunden, das er 1957 als siebenundzwanzigjähriger Schauspieler in einer wandernden Truppe in vier Tagen schrieb. Motive, die in seinen berühmteren Werken wie „Die Geburtstagsfeier“, „Der Hausmeister“, „Die Heimkehr“ und „Betrogen“ oder auch in den offenkundig politischen Dramen der späteren Jahre wie „Noch einen Letzten“ und „Bergsprache“ bis hin zur „Party Time“ immer wiederkehren, sind in Pinters Debüt-Stück bereits vorhanden: die unklare Identität, die beunruhigende Verflechtung von Phantasie und Wirklichkeit, eine absurde Komik und eine unterschwellige Gewalt, der beziehungslose Dialog von Menschen, die sich auseinandergelebt haben – und dann der Fremde, der Eindringling.
Die existentiellen Ängste, die Pinters Werk von Anfang an kennzeichnen, kann man auf dessen eigene Erfahrungen als Sproß jüdischer Einwanderer im Londoner East End zurückführen, auf eine Kindheit im Schatten Hitlers. Später, in den unmittelbaren Nachkriegsjahren, bekam er es auch mit den faschistischen Rowdies zu tun, die dort ihr Unwesen trieben. Die bösen Überraschungen und bedrohlichen Gestalten, die wie aus dem Nichts die Szene betreten, empfinde er keineswegs als surrealistisch oder seltsam, bemerkte Pinter 1960 und verwies auf das fremde Klopfen an der Tür, das im Europa der letzten zwanzig Jahre allzu vertraut gewesen sei. Der Zorn, der Pessimismus und die Entfremdung, die sein ganzes Œuvre durchziehen, angefangen mit der frühen Lyrik bis hin zu den affektgeladenen Tiraden gegen den „amerikanischen Imperialismus“, wurzeln in seiner Wahrnehmung der eigenen Herkunft und der daraus abgeleiteten Identifikation mit dem Schicksal der Opfer von Terror und Unterdrückung.
Untrügliches Ohr für Schnitzer
Pinter hat von sich behauptet, er sei insofern kein erfindungsreicher Autor, als er technische Kunstgriffe, wie sie andere Dramatiker, etwa Brecht, zelebrierten, nicht beherrsche. „Ich kann die Bühne nicht so nutzen wie er, mir fehlt diese Art von Phantasie, und so bleibe ich mit diesen Figuren hängen, die entweder sitzen oder stehen, und sie müssen entweder aus der Tür hinaustreten oder durch eine Tür hereinkommen, und das ist in etwa alles, was sie tun können.“ Seine Stücke leben denn auch von der eigenwillig lakonischen Sprache mit ihren verzerrten mundartlichen Fetzen, den Wortwiederholungen, dem sarkastischen Witz und den Pausen, mit denen er nach eigenem Bekunden versuchte, die „erkennbare Absurdität unseres Tuns, Betragens und Sprechens einzufangen“.
Er hatte ein untrügliches Ohr für die Schnitzer der Cockneys, in deren Umgebung er aufgewachsen war, und für die Gemeinplätze des satten Bürgertums, das er mit sardonischer Schärfe karikierte. Sosehr er sich der internationalen Anerkennung erfreute, ist Pinter ein durch und durch englischer Dramatiker gewesen. Seine Figuren sind englische Prototypen, sie bewegen sich in einer englischen Welt und sind auf trockene, englische Weise geistreich. In „Niemannsland“ schwelgen Spooner und Hirst sogar in Erinnerungen an ein „bukolisches Leben“ auf dem englischen Lande, mit englischem Tee auf englischem Rasen.
Mit der Sprache ging Pinter äußerst pedantisch um. Überhaupt liebte er als Schriftsteller wie auch als Regisseur die Präzision. Jede Pause, jedes Komma, jeden Punkt setzte er mit geradezu besessener Genauigkeit. Die Satzzeichen sind bei ihm wie musikalische Notierungen, und nicht ohne Grund hat man seine Manuskripte mit Partituren verglichen. Der Regisseur Peter Hall erzählte, wie Pinter ihn einmal anrief, um eine Änderung vorzunehmen. Er bat ihn, Seite 37 aufzuschlagen und kennzeichnete eine Pause, die er streichen wollte. Hall meinte, eine gewisse Selbstironie in Pinters Stimme vernommen zu haben, dennoch sei dieser todernst gewesen. Er machte eben einen peniblen Unterschied zwischen einem durch drei Punkte markierten Zögern, der berühmten „Pause“ und dem tiefsinnigen „Schweigen“.
Wahrheit und Unwahrheit
Bei Proben zu einem Stück soll er Michael Hordern, den großen Schauspieler der alten Schule, einen Zettel überreicht haben, auf dem stand: „Michael, Ich habe Punkt, Punkt, Punkt geschrieben, und Sie geben mir Punkt, Punkt“. Für die mehrdeutige, bedrohliche Stimmung, die Pinter mit diesen Mitteln beschwor, ist der Begriff pinteresk schon früh geprägt worden. Er selber hat ihn verabscheut und geklagt, er wisse gar nicht, was er bedeute, wie er denn überhaupt behauptete, seine eigenen Stücke nicht interpretieren zu können. Er sprach von seinen eigenen Schöpfungen wie von Fremden.
Im Jahre 1958 hat Harold Pinter geschrieben: „Es gibt keine genaue Unterscheidung zwischen der Wirklichkeit und dem Unwirklichen. Auch nicht zwischen dem, was Wahrheit und Irrtum ist. Eine Sache ist nicht notwendigerweise wahr oder unwahr; sie kann das eine und zugleich das andere sein.“ Diese Sätze hat Harold Pinter an den Anfang der Stockholmer Nobelpreisrede gestellt, die er, von Krankheit gezeichnet, in einem Londoner Fernsehstudio aufnahm. Er hat sich ausdrücklich zu diesen Gedanken bekannt und dazu bemerkt, sie lägen der Erkundung der Welt durch die Kunst zugrunde. Als Schriftsteller halte er daran fest, als Bürger dagegen sehe er sich immer vor die Frage gestellt, was die Wahrheit sei und was die Unwahrheit. Als Bürger komme man um eine Entscheidung nicht herum.
Harold Pinter hat mit dieser Maxime Ernst gemacht und sich als poltisches Wesen immer wieder entschieden. Damit hat er sich eine Freiheit genommen, die er seinen Figuren nicht zuerkennen wollte. Sie müssen sich mit der Ungewissheit abfinden. Und oft gehen sie eben daran zugrunde. Vor zehn Tagen erschien Pinter noch bei einer Festlichkeit, zäh entschlossen, die Gebrechen, die seine letzten Jahre trübten, zu bekämpfen. Er sei durch das Tal der Todesschatten gewandert, sagte er, nachdem er das erste Krebsleiden überstanden hatte. Dieses Mal ist er nicht von dort zurück gekehrt. An Heiligabend ist Harold Pinter im Alter von achtundsiebzig Jahren in London gestorben.