Home
http://www.faz.net/-gqz-73ydq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.10.2012, 10:14 Uhr

Zum Tod Hans Werner Henzes Er suchte die Schönheit und den Glanz der Wahrheit

Ein unangepasster Einzelgänger, ein scheuer, bockig-schillernder Regent in seinem eigenen Reich: Hans Werner Henze isolierte sich vom Rest der Avantgarde, weil er nie aufgegeben hat, um das allgemein Verständliche zu ringen.

© Barbara Klemm Marino, im Jahr 2001: Hans Werner Henze in seinem Haus in den Albaner Bergen

Erst wurde der Genosse Komponist elegant aufgespießt in seinem gesellschaftlichen Widerspruch, dann für bessere Zeiten vereinnahmt. Damals, in der heroischen Zeit. Es war im Dezember 1968, da mischte sich Rudolf Augstein ein in die Debatte, kurz nachdem Hans Werner Henzes Oratorium „Das Floss der Medusa“ in Tumulten untergegangen war. Es sei, schreibt er, einem solchen Künstler unbenommen, einerseits sich einzubilden, für „die Weltrevolution zu agieren“, andererseits weiterhin „eingängige, das Gemüt streichelnde, keineswegs avantgardistische“ Stücke zu schreiben, die auch ein „pelzbesetztes Bürgertum“ reibungslos konsumieren könne.

Eleonore Büning Folgen:

Und Rudi Dutschke, der zu diesem Zeitpunkt auf dem Henzeschen Landsitz bei Rom die Folgen seiner Attentatsverletzung auskurierte, dröhnt zurück: Jawohl, Henze sei ein „Musiker des neuen Anfangs“, seiner Zeit weit voraus. Und, „ja, Henze spricht tatsächlich von der Notwendigkeit der Weltrevolution“, denn die stehe jetzt oder vielmehr bald auf der Tagesordnung, schon „kracht es an allen Ecken und Enden“.

Die Schubladen klemmen

Im Rückblick hat diese Kontroverse aus Kiesingerdeutschland etwas Rührendes. Wie konnte man sich so irren! Dutschke täuschte sich in der Zukunft, Augstein täuschte sich in Henze. Nur Henze, der war sich selbst und seiner Musik treu. Er ist darin stets der nämliche geblieben: Henze schrieb sein Leben lang Henze-Musik, in all ihrer produktiven Polyvalenz.

Hans-Werner Henze - Der Komponist, der zu den bedeutendsten Komponisten der Gegenwart gehört, spricht im Sommersaal des Bach-Museums in Leipzig mit Michael Rennicke. Hans Werner Henze 1926 - 2012 © Gyarmaty, Jens Bilderstrecke 

Man hat später oft versucht, den enorm vielgestaltigen Schaffensreichtum dieses erfolgreichsten deutschen Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts zu sortieren, auch chronologisch: Erst ist da der Wirtschaftswunder-Henze, gesegnet mit vielen gutdotierten Auftragswerken, mit einem neoklassisch orientierten Concerto-Grosso-Stil, mit prächtigen Balletten, lyrischen Opern. Dann die Wandlung zum homo politicus, der auf die richtige Seite der Geschichte hinüberwechselt und fortan Agitprop-Musik komponiert. Schließlich der Gereifte, Geläuterte, der das Leben genießt und seine Meisterschaft auslebt, das Avancierte mit dem Einfachen auf höherer Ebene neu versöhnend. All das geht aber nicht so recht auf, die Schubladen klemmen.

Steckt nicht schon in Henzes frühen Werken, zum Beispiel in der zwölftönigen Walt-Whitman-Kantate „Whispers from heavenly death“ aus dem Jahr 1948, eine oppositionelle Grundbefindlichkeit? Sind nicht schon die Figuren in der „Elegie für junge Liebende“ (1959) konturenscharf geschnitten, wie Abziehbilder einer falschen Welt? Und weder mit Blick auf den sardonischen Witz der „Englischen Katze“ noch auf das Pathos der gewaltigen Neunten (den „Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus“ gewidmet) ließe sich im Ernst behaupten, Hans Werner Henze hätte eines Tages zu einfachsten Formen „zurück“ gefunden oder sich sonstwie korrigiert. Umgekehrt sind viele seiner aus dem kurzen Flirt mit der Studentenbewegung hervorgegangenen Stücke äußerst komplex konstruiert und avantgardistisch.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Münchner Konzertsaal Wie Bayerns Regierung ein Gutachten verfälschte

Es sollte so schön sein: ein Konzertsaal in München mit Klenzes altem Marstallgebäude als Foyer. Doch das Kunstministerium täuschte die Öffentlichkeit über den Inhalt eines Gutachtens. Was steht wirklich drin? Das erfahren Sie hier exklusiv. Mehr Von Patrick Bahners

26.01.2016, 19:06 Uhr | Feuilleton
Flüchtlingskrise Österreich macht sich für Grenzsicherung stark

Die europäische Grenzschutzagentur Frontex soll nach dem Willen des österreichischen Ministerpräsidenten Werner Faymann Flüchtlinge direkt in die Türkei zurückschicken. Mehr

07.02.2016, 18:27 Uhr | Politik
Dirigentin Gražinytė-Tyla Endlich sind wir so weit

Die Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla ist noch keine dreißig Jahre alt und tritt jetzt in die Fußstapfen berühmter Kollegen wie Simon Rattle und Andris Nelsons – als künftige Chefdirigentin in Birmingham. Ein Gespräch. Mehr Von Eleonore Büning

06.02.2016, 13:35 Uhr | Feuilleton
Pertti Kurikan Nimipäivät Behinderte Punker wollen den ESC rocken

Sie haben alle verschiedene geistige Beeinträchtigungen, aber vor allem lieben sie Punk-Musik: Die vier Musiker der finnischen Gruppe Pertti Kurikan Nimipäivät wollen den Eurovision Song Contest rocken – und gewinnen. Vor ihrem Auftritt beim ersten Halbfinale hat Bassist Sami Helle über ihre Vorliebe für raue Musik und ihre Fans gesprochen. Mehr

01.02.2016, 13:43 Uhr | Gesellschaft
Ifo-Index Stimmung deutscher Manager wird schlechter

Die deutsche Wirtschaft blickt erschrocken ins neue Jahr, sagt der scheidende Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Der Geschäftsklimaindex seines Instituts ist das zweite Mal in Folge gesunken. Mehr

25.01.2016, 11:12 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Köln verspielt sein Potential

Von Andreas Rossmann

Eine historische Stadt wird zur Beute der Events, der Wildpinkler und Vergnügungssucht. Dass ausgerechnet Köln zum Paradefall für den Verlust an Urbanität geworden ist, entbehrt nicht tragischer Ironie. Ein Kommentar. Mehr 431

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“