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Zum Tod von Rolf Boysen : Ein Aufklärer kann ruhig dunkel bleiben

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Rolf Boysen als Dionysos in Dieter Dorns Inszenierung der „Bakchen“ im Oktober 2005 Bild: picture-alliance /

Auf der Bühne machte er aus Staubkörnern Goldkörner, funkelnde Glanzpunkte, in deren Widerschein er sein ganz Eigenes gespiegelt fand: Zum Tod des Schauspielers Rolf Boysen.

          Bevor er die Szene betrat am Abend, kam er schon früh ins Haus, ging auf die dunkle Bühne, schaute in den leeren Zuschauerraum und ließ auf sich wirken, dass, wie er einem Gesprächspartner einmal gestand, „alle Kollegen, die hier gespielt haben, die längst schon unterm Rasen sind, aber die alle schon ihre Empfindungskraft und ihre Sprachkraft dagelassen haben“, nun nicht verloren und verweht und vergangen seien, sondern dablieben in allem, was durch sie erlitten und erlebt und geliebt worden ist, „in jedem Staubkorn auf diesem Boden“.

          Rolf Boysen wirkte nie, als hätte er seine Rollen an den Augenblick verloren, als ginge er im Bewusstsein ganz auf, dass Theater immer nur heute stattfinde. Er wirkte immer, als trage gerade er würdevoll schwer, aber doch mit einer unvergleichlichen Erhabenheitsgrandezza an dem, was seine jüngeren Kollegen gar nicht erst an sich heranlassen: die Geschichtlichkeit einer Figur – das, was andere schon in sie investiert hatten an Herzblut, Geheimnis, Extremen. Ohne dass er auch nur irgendein Fitzelchen davon imitierte. Aber es in sich spürte und mitvibrieren ließ: bewusst unbewusst. So machte Rolf Boysen aus Staubkörnern Goldkörner, funkelnde Glanzpunkte, in deren Widerschein er sein ganz Eigenes gespiegelt fand.

          Was gefühlt wurde, musste ausgesprochen werden

          Gäbe es – bitte: nur hypothetisch – einen jüngeren Schauspieler, der diese höchst gescheite Empfindung von etwas längst Gewesenem besäße, das zu einem erst noch zu Werdenden umzuformen, umzuspielen, umzufühlen wäre, und ließe sich dieser jüngere Schauspieler von Boysens hinterlassenem Goldstaub faszinieren – was könnte er von ihm erben? Das er nun nicht als etwas Altes kopieren, sondern das er wiederum nutzen könnte für sein jüngeres Eigenes?

          Rolf Boysen, 1920 - 2014

          Zum Beispiel den Wesenskernpunkt bei Boysen. Dessen typische Geste bestand ja darin, seinen rechten Arm von der Mund- oder Herzgegend zur Stirn hochzuwuchten, die Hand leicht nach außen verdreht, wobei die Hand für einen kurzen Moment auf der Stirn ruhen blieb. Das war bei ihm mehr als Geste, vielmehr Ausdruck dessen, was da kurzgeschlossen wurde: Hirn, Herz und Mund. Und ein Zeichen dafür, dass das, was gedacht und gefühlt wurde, auch ausgesprochen werden musste – und umgekehrt. Davon könnten Jüngere lernen.

          Ein Theater der Wortvertrauer

          Denn wenn Rolf Boysen auftrat, schuf er sofort Platz für die Sprache. Sie bekam von ihm Körper, Gestalt, Wucht, Melodie, Tragik, Sehnsucht, Hochmögenheit, Sturmgebraus und Dunkelruhe. Bei ihm wurden Worte zu Figuren. Seine Münchner Lesungen aus dem Homer oder aus Kleists Novellen waren Ereignisse, ausverkauft wie große Theaterabende. In seinem Essay-Band „Nachdenken über Theater“ schrieb Boysen: „Der Genuss eines Kommas, die Überraschung eines Doppelpunkts, das Atemholen eines Gedankenstriches: das sind Erlebnisse, die weitergegeben werden müssen. Wer die Sprache hinter sich lässt, wer klüger ist als ein Komma, ein Doppelpunkt, ein Gedankenstrich, ist öde, leer und uninteressant.“

          Im September 1999 bei Proben zur Schönberg-Oper „Moses und Aron“ an der Deutschen Oper Berlin

          Boysen gehörte zum Theater der Kortner, der Noelte, der Lietzau, der Dorn, dem Theater der skrupulösen Wort-, Dramen- und Literaturvertrauer. Die die alten Texte dadurch ehrten, dass sie diese bis zum letzten Doppelpunkt umdrehten und von allen Seiten betrachteten und ihnen so lange alle Sicherheits- und Konventionsböden unter den Sprachfüßen wegzogen, bis diese manchmal ihr Geheimnis preisgaben. Er war darin einer der erregendsten Sprechgestenspieler.

          Platz für den ungeheuren Verlust

          So, wie er zum Beispiel in den Münchner Kammerspielen als Artist Karl durch die himmlische Hölle von „Der Schein trügt“ kroch, eine Nagelfeile suchte, mit einem Kanarienvogel sprach. Der alte Mann aber war selbst ein schwirrender schwarzkomischer Vogel Kolibri überm Abgrund. Oder wie er im „Prinzen von Homburg“ den Kurfürsten als einsamen Vater gab und als König Lear glaubte, er könnte Vater bleiben in einer Welt, in der nur Könige und Narren zählen.

          1984 mit Sunnyi Melles in Thomas Langhoffs Inszenierung von Lessings „Emilia Galotti“ an den Münchner Kammerspielen

          Oder so, wie er im Münchner Residenztheater, in das Dieter Dorns Kammerspiele-Ensemble fast komplett übersiedelte, Shakespeares Shylock nahekam und diesen grausam verletzlichen und verletzten Juden, der auf seinem Pfund Fleisch besteht, zu schneiden aus seines christlichen bankrotten Gläubigers Brust „nah dem Herzen“, zunächst ganz sanft, fast träumerisch bei den furchtbaren Worten nahm, aber im christlichen Judenhasser, gespielt vom großen Boysen-Partner Thomas Holtzmann, nur eigentlich den Bruder suchte. Und als dieser gedemütigte Alte am Ende geächtet und verstoßen ward, machte er nicht Platz für die Wut, die Klage und Anklage, sondern allein Platz für den ungeheuren Verlust. Der anderen. Für das, was sie an ihm verloren.

          Ein Schlüsselschauspieler

          So war Rolf Boysen ein spielender Aufklärer. Der mit seiner herben, melodisch geriebenen norddeutschen Stimme, dem typischen Kapitänsbass, seiner leicht unterm Schnurrbart gebeugten zart eleganten Gestalt das große Dunkle seiner tragischen Figuren (die komischen umging er oder machte sie zu tragischen) erhellte. Und in ein Licht des Leidens, der Demut, auch des Aufbegehrens rückte. Mit unnachahmlich sanfter Wucht.

          Der gebürtige Flensburger, der nach dem Krieg ohne große Schulumwege im Theater vorsprach und gleich genommen wurde, gelangte über Kiel, Hannover und Bochum rasch nach München an die Kammerspiele, die er zwar für ein paar Jahre in Berlin, Hamburg und Düsseldorf verließ, die dann aber von 1979 an seine künstlerische Heimat wurden und blieben. Dort war er ein Schlüsselschauspieler, der den tragischen Figuren Kontur und Licht und Luft und Platz gab, die eine ganze Welt auf sich nehmen, sie zerbrechen oder an ihr zerbrechen.

          Er drang zu ihren Kernen vor, den vergänglichen aus Staub, den unvergänglichen aus Gold: Danton, Othello, Faust, Holofernes, Ajas, Odoardo, Ödipus, Orsino, Nathan, Dorfrichter Adam. Jüngere könnten viel von ihm lernen. Wenn sie sich getrauten, an ihn zu denken. An diesem Freitag ist Rolf Boysen im Alter von vierundneunzig Jahren in München gestorben.

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