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Veröffentlicht: 23.06.2015, 18:16 Uhr

Zum Tod von Helmuth Lohner Vom Werden und Wesen eines Wiener Doppelkopfs

Er war ein Boulevardier mit Trauerrand, Dämon und Kellner, Feuerfuchs und Schwieriger: Jetzt ist der Schauspieler Helmuth Lohner mit 82 Jahren gestorben.

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© dpa Helmuth Lohner 1933 - 2015

Er hatte das zweite Gesicht. Das heißt, dass er in tragischen Rollen, die ihn sowieso nicht häufig aufsuchten, ein charmant bonvivanthaftes, in komischen Rollen ein melancholisch aggressives G’schau mitlieferte. Ein zutiefst österreichischer mimischer Doppeladlerkopf mit seinem bis ins höhere Alter sanft gegen den Strich gebürsteten jungenhaften physiognomischen Gefieder. Er wirkte auf der Bühne oft so, als könne er Becher süßester Galligkeit mit Häubchen von Schlagobers abschmecken, die er dann dem Publikum servierte, das ihm aus der Hand fraß beziehungsweise soff. Der Wiener Publikumsliebling par excellence absolvierte das mit dem müd alerten Eleganzschwung eines Kellners, der in sich die Erregungen eines Dämons mit der praktischen Vernunft eines Schlawiners versöhnte, das ewige Bubengesicht in hundert edelalte Schmerzensfalten zerlegt, umflort vom Abendlandschein mild-grotesker Ironie.

Als Helmuth Lohner in der legendären Salzburger Festspielaufführung von Nestroys „Talisman“ 1976 den Titus Feuerfuchs spielte, den aus der Gesellschaft wegen seiner roten Haare ausgestoßenen Kerl, den eine schwarze Perücke (sein Talisman) in höchste erotische und wirtschaftliche Sphären avancieren lässt, sah man einen Anarchisten, der in der asozialen Hängematte eines Hochstaplers wahnwitzig rotierende Aufschwungübungen vollzog. Einen Schwindler, der sich selbst schwindlig spielt.

Helmuth Lohner died at 82 © dpa Vergrößern Mit Elisabeth Trissenaar in Heiner Müllers „Quartett“

Lohner war prädestiniert für Nestroy-Rollen, für die toll Zerrissenen wie für die rasend Resignierten. Aber noch als Gigerl ein Dandy – und als Dandy nie den Wurstel vergessend, aus dessen Theaterhaut er sich den wie angegossen passenden Frack hat schneidern lassen. Oder die gestreiften Hosen, in denen er Horváths Strizzis und Liebestöter gab, gefährlich und bös und gierig, aber unendlich einsam. Ein Boulevardier mit Trauerrand. Tauglich in seiner Doppelkopfnatur auch fürs Filmgewerbe: In Kurt Hoffmanns „Wirtshaus im Spessart“ (mit Liselotte Pulver und Wolfgang Neuss) gab der ganz junge Lohner einen Handwerksburschen in Mädchenkleidern – dem man das Mädchen nicht ganz ansah, aber ganz glaubte.

Als er Mitte der neunziger Jahre den Jedermann auf dem Salzburger Domplatz gab, trat da ein offenbar missgelaunter, tief geschmerzter, wie von irgendwelchen Bürofurien sanft gehetzter mittlerer aristokratischer Angestellter im Staubmantel auf. Der reiche Mann, den Lohner spielte, musste hier weniger sterben, sondern ließ die Zinsen seiner theatralischen Unsterblichkeit mit müd gelächeltem Augenzwinkern dem Hofmannsthalschen Konto gutschreiben.

Martin Lüttge und Helmuth Lohner © Picture-Alliance Vergrößern Martin Lüttge mit Helmut Lohner in Tom Stoppards „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ (Münchner Werkraumtheater, 1968)

Er konnte den größten Schurken spielen, wie „Richard III.“, den er zweimal gab, bei Stroux in Düsseldorf und bei Wekwerth in Zürich, aber so schurkig gar nicht sein, als dass da das tragische Marterholz, an das dieser Bluthund sich selbst nagelte, bei Lohner nicht auch wieder sofort zur eleganten Gehhilfe für den krüppeligen König geworden wäre.

Als Kortners und Schillers Ferdinand in „Kabale und Liebe“, von deren Probe in den Münchner Kammerspielen es eine eindrucksvolle Filmstudie Hans-Jürgen Syberbergs gibt, war er 1965 der rasende Jüngling, der minutenlang gegen seinen „Möööörrrrdavaaata!“ wild, mutig, besinnungslos und tollwütig den Offiziersdegen schwingt, aber den Kuss für Luise zaghaft wie ein schüchterner Abiturient auf Christiane Hörbigers Luisen-Lippen drückte – doch auf Kortners vom Regiestuhl aus geknarzten Befehl „Läääängrrrr küssssn!“ sich mit einem Handkuss bei seiner Partnerin für seine Zaghaftigkeit entschuldigte.

FOTOPROBE THEATER IN DER JOSEFSTADT: JOHN GABRIEL BORKMAN = © Picture-Alliance Vergrößern Als Hauptfigur in Ibsens „John Gabriel Borkmann“ im Theater in der Josefstadt (2012)

Am besten und zauberhaftesten war er, wenn er gar nichts machte: Als Stephan von Sala in Thomas Langhoffs Salzburger Inszenierung von Schnitzlers „Einsamem Weg“ (1987) stand er still und staunend und unendlich traurig vor dem, was das Leben und eventuell die Liebe von einem Menschen fordern könnten: nichts als Hingabe – bis in den Tod. Den Tod aber nahm er, eine letzte Zigarette dem wehen und kranken Herzen zumutend, leicht wie eine Feder. Und als Graf Almaviva in Horváths „Figaro lässt sich scheiden“ in Luc Bondys Wiener Festwochen-Regie (1998) schien er auf ein ganzes verpfuschtes Ehe- und Aristokratenleben mit der Resignation nur eines Mundwinkels herunterzulächeln – mit dem anderen aber auf der neuen Zeit und der Revolution herumzukauen.

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Nie aber verlor der gebürtige Wiener – auch nicht in matten Inszenierungen – sein jungenhaftes Strahlen, dem er eine wunderbar sonore Stimme gab. Er begann als Operettenbuffo in Klagenfurt, wechselte bald nach Wien in die Josefstadt, dann ans Burgtheater, machte die Tour durch die großen Häuser in Berlin, Hamburg, München, Zürich und Düsseldorf und nahm es am Ende seiner Schauspielersolisten-Karriere auch auf sich, ein Intendant in Wien (im Theater in der Josefstadt) zu sein. Das in Schwierigkeiten geratene Haus, in dem man sich immer künstlerisch nach der bürgerlichen Decke zu strecken hat, die das vorvorige Jahrhundert ausgebreitet hatte, lenkte er ein paar Jahre lang mit Würde, Gelassenheit und Klugheit durch politische und finanzielle Krisen. Zuletzt hat er auf der Josefstadt-Bühne sich als nobel verruchter Marquis Valmont in Müllers „Quartett“ versucht (zusammen mit Elisabeth Trissenaar als Merteuil). Jetzt ist er im Alter von zweiundachtzig Jahren in Wien gestorben.

Glosse

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Selbst Menschen, die öffentlich über Bücher sprechen, erklären häufig, sie hätten ja gar keine Zeit zum Lesen. Der Bazillus des nichtinformierten Diskurses verbreitet sich zusehends. Mehr 3 8

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