Home
http://www.faz.net/-gs3-6uad6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Zum Tod des Schauspielers Heinz Bennent Tiefe ist gar nicht nötig

Der große Schauspieler Heinz Bennent war ein Zeitloser und faszinierend Unantastbarer. Bühnenmoden widerstand er leichthin. Im Alter von 90 Jahren ist er nun gestorben.

© dpa Vergrößern Der Schauspieler Heinz Bennent, geboren am 18. Juli 1921, starb am 12. Oktober 2011 in Lausanne

Den über Achtzigjährigen konnte man manchmal noch bei Premieren im Théâtre Vidy in Lausanne antreffen, wenn er zum Beispiel voll kindlichem Staunen Peter Brooks Schauspieler dabei zusah, wie sie versuchten, eine Heimat nur in der Einfachheit und Reinheit ihres Ausdrucks zu finden.

Gerhard Stadelmaier Folgen:  

Heinz Bennent wirkte da in seinen Jeans, seinen kragenlosen Pullis unter den wie eh und je aus dem weich-dämonischen, sensiblen Gesicht herausglühenden Augen als ein straffer Greisenjüngling. Nicht vom Alter, nur von der Zeit gegerbt.

Dabei schien Heinz Bennent, wenn er auf den Bühnen stand, immer wie ein Zeitloser. Dem Bühnenzeiten wenig anhaben konnten. Ein faszinierend Unantastbarer. Der gebürtige Aachener, der vom Gymnasium flog, eine Schlosserlehre anfing, die ihn vor dem Kriegsdienst rettete, nahm privaten Schauspielunterricht, drehte seine Runden über Basel, Bonn, Nürnberg, Darmstadt, Stuttgart, Hannover, Berlin bis hin nach München.

Ein Eremit im Theaterland

Er wurde aber, obwohl er mit Truffaut („Die letzte Metro“) und Bergman („Das Schlangenei“) drehte und in manchem „Tatort“ als Zwielichtspezialgestalt auftauchte, nirgendwo zum Star. Er hörte früh auf, irgendwo fest dazuzugehören: Er war immer ein Emerit im Theaterland. Einsam am stärksten. Ein Freier.

Mehr zum Thema

Er gehörte keinem Haus fest an. Nur einer Haltung. Wenn er aber auftrat, wurde er zu einem Glanzpunkt, dessen Strahlkraft sich einem Paradox verdankte, das im deutschen Theater Seltenheitswert hat.

Denn Heinz Bennent hatte das nie nötig, wonach die meisten seiner Kollegen sofort streben oder was sie zumindest zu simulieren versuchen: Tiefe. Sie steigen sozusagen von der Oberfläche hinunter und graben stolz ihre Abgründe aus. Heinz Bennent hielt es umgekehrt. Schien immer zuerst ganz Tiefe, Seele, Schmerz, Abgrund, Anarchie. Dann aber zog er elegant und mit nicht unbitterem Witz die Oberfläche über sich wie ein wundervolles Cape. Er spielte von unten nach oben.

Heinz und David Bennent © dpa Vergrößern Mit Becketts „Endspiel“ war Heinz Bennent zusammen mit seinem Sohn David auf Tournee

Seine Figuren waren Wölfe in schillernden Schafspelzen. Seine Außenseiter, Sonderlinge, Randexistenzen, Schillers Prinzen, Shakespeares Narren, Schnitzlers Maler, Becketts Clowns hatten auf wehtuende Weise Contenance.

Seine Glanzrolle war der Karl Joseph, ein alter, berühmter Schauspieler in den „Besuchern“ von Botho Strauß, die Dieter Dorn 1988 in den Münchner Kammerspielen oberflächengenial aus der Taufe hob. Der alte, berühmte Mime, den sich das Theater nur als Gast leisten kann, spielt die Kollegen an die Wand, besteht nur aus Tricks, Technik, Anekdoten, Eitelkeiten, macht aus jedem Wort ein Ereignis, glänzt hinreißend an der Oberfläche auf. Bennent spielte das mit der kalten Lust am Können eines großen Virtuosen.

Eine wunderbare Probenanekdote

Bühne hatte für ihn immer etwas mit reflektierter Form zu tun. Und mit der Sprach- und Denkwürde des Menschen. Er war sozusagen der Grammatiker unter den Schauspielern. So spielte er einmal den Julian Fichtner in Schnitzlers „Einsamem Weg“, einen Maler, der sich nach lebenslangen Lebens- und Kunstlügen endlich zu seinem unehelichen Sohn, seinem wahren Lebensrest bekennen möchte. Der Sohn ist aber längst anderswo im Kuckucksnest heimisch.

Bennent nahm 1987 in Salzburg diese gescheiterte Existenz als leichtsinnige Lebensschauspielerfigur – die aber ganz genau wusste, was derartiger Leichtsinn kostete: ein Liebesvermögen. An der Oberfläche der paar zärtlichen Gesten, mit denen er nach dem Sohn, gespielt vom jungen, zart begabten Christoph Waltz, zu greifen versuchte, konnte man ablesen, was in der Tiefe an Gefühlen zu bewältigen war, damit es da oben so geschmackvoll dekadent zugehen konnte.

Es gibt eine wunderbare Probenanekdote, die viel von Bennent erzählt, eben weil sie seine Oben-bleiben!-Kunst von unten her beleuchtet: Als er 1986 im Münchner Residenztheater in Eduardo Arroyos Boxer-Drama „Bantam“ einen alten olympischen Schäfer spielte, der von seinem Körper und dessen Strapazen und Ertüchtigungen sprechen sollte, genügte Bennents Brillanz dem Regisseur Klaus Michael Grüber nicht.

Er ließ ihn wieder und wieder die Passage spielen. Und Bennent formulierte immer bewusster, strenger – und verkrampfter. Bis Grüber, der Theaterabenteuerergründer, einfach auf die Bühne ging, seinen Kopf in Bennents Schoß legte und nur leise sagte: „Probier’s so“. Und Bennent fiel von da an weich und frei in eine Melodie, in der ein Hirte seine Lebensworte barg. Wie es Grüber gefiel.

Mit seinem Sohn David ging er in den neunziger Jahren auf Tournee. Die beiden zeigten Becketts „Endspiel“. Man sah den Alten als zart zynischen Clown mit Strickkappe. Er wärmte sich sozusagen an der letzten Katastrophe der gerade noch bewohnbaren Welt.

Die Liebes- und Gunstbezeugungen seines Untergangpartners, des sanft frechen, ungebärdigen Jungen, kalkulierte er wie eine wundersam offene Rechnung, die ein vom Tode verwunschenes Leben ihm noch zu präsentieren hätte. So zauberte Heinz Bennent ganz leicht Oberflächenhimmel aus Tiefenhöllen.

Jetzt ist er im Alter von neunzig Jahren in Lausanne gestorben.
 

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Die Himmelsleiter im Ersten Als das Fringsen noch geholfen hat

Die Himmelsleiter erzählt eine Geschichte aus dem Köln des Jahres 1947. Alles liegt in Trümmern, jeder versucht, irgendwie zu überleben. Doch leider sieht das in diesem Film viel zu malerisch aus. Mehr Von Ursula Scheer

27.02.2015, 16:57 Uhr | Feuilleton
Eingefrorene Eizellen Den Kinderwunsch auf Eis legen

Frauen in den USA werden immer später Mütter - und dabei könnte das Einfrieren von Eizellen eine zunehmend große Rolle spielen. US-Konzerne wie Facebook und Apple unterstützen ihre Mitarbeiterinnen finanziell dabei, den Kinderwunsch sozusagen auf Eis zu legen. Ob die biologische Uhr damit wirkungsvoll angehalten wird, ist umstritten: Eine Baby-Garantie gibt es nicht. Mehr

03.02.2015, 09:40 Uhr | Gesellschaft
BBC-Verfilmung von Wolf Hall Männer unserer Zeit

Was haben Hilary Mantels Tudor-Romane mit der aktuellen Politik zu tun? War Heinrich VIII. der erste Euro-Skeptiker? In Großbritannien ist durch die BBC-Verfilmung eine Debatte über die historischen Rollen von Thomas Morus und Thomas Cromwell entbrannt. Mehr Von Gina Thomas

17.02.2015, 16:03 Uhr | Feuilleton
Märchenhaft Cinderella" verzaubert Berlinale

Regisseur Kenneth Branagh hat auf der Berlinale sein Aschenputtel-Märchen Cinderella vorgestellt. Die Neuverfilmung des Grimm-Märchens, die im Wettbewerb außer Konkurrenz läuft, ist als zeitlose Liebesgeschichte inszeniert. Mehr

14.02.2015, 12:52 Uhr | Feuilleton
Simon Rolfes im Gespräch Nowitzki sollte Vorbild für Fußballprofis sein

Simon Rolfes tritt zum Saisonende zurück und will als Sportmanager arbeiten. Vor dem Champions-League-Achtelfinale gegen Atlético (20.45 Uhr) spricht der frühere Nationalspieler im FAZ.NET-Interview über Studium, Finanzgeschäfte und geistige Arbeit. Mehr Von Anno Hecker

25.02.2015, 13:19 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.10.2011, 16:14 Uhr

Kopflos

Von Tilman Spreckelsen

Sucht der Kopf den Körper oder der Körper einen neuen Kopf? Schon Thomas Mann hatte vor Jahrzehnten die ersten Vorahnungen, was bei der Kopftransplantation alles passieren kann. Jetzt sucht man den Realitätstest. Mehr