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Zum Tod des Regisseurs Peter Zadek : Shakespeares Pirat, Freibeuter des Mehrs

  • -Aktualisiert am

Er war unter allen Regisseuren einfach der beste Wilde. Sein Theater war völlig ohne Stil, besaß dafür aber unendlichen Reichtum. Jetzt ist der große Regisseur Peter Zadek im Alter von 83 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

          Theaterleute gehen nicht gern ins Theater. Sie langweilen sich dort zu Tode. Weil sie alles viel zu gut durchschauen. Vor allem im Theater, das andere machen. Und ihre eigenen Sachen haben sie bei den Proben bis zum Überdruss anschauen müssen.

          Es gab zwei Ausnahmen. George Tabori und Peter Zadek. Tabori saß bei vielen seiner Premieren auf der Bühne am Rande dabei, den Kopf erhoben, nippte Tee, lutschte eine Praline, spielte mit seinem Silberknaufstock. Und war total entspannt. Zadek saß bei seinen Premieren in einer der ersten Reihen im Parkett, halb links oder halb rechts, den Kopf in die Hand gestützt, im Sessel halb lümmelnd. Und war total entspannt. Der Premierenabend schien für Tabori wie für Zadek nur eine Durchgangsstation. Als könnten sie sich noch ein ganz anderes, rätselhafteres, witzigeres, wahnsinnigeres Leben für ihre Figuren vorstellen. Als dürfe das Theater nie aufhören.

          Tabori, der alte Budapester Jude mit englischem Pass, und Zadek, der alte Berliner Jude mit englischer Mentalität, die beide nie miteinander zu tun hatten, waren die großen fremden Kinder des deutschen Theaters. Beide kamen aus der von Hitlers Terrorregime erzwungenen Emigration nach Deutschland zurück - und brachten dort das Theater durcheinander.

          Peter Zadek im Gespräch mit Rockmusiker Udo Lindenberg (rechts), der im „Top Ten” auf der Reeperbahn in Hamburg das fünfjährige Bestehen seines „Panikorchesters” im Jahr 1973 feiert

          Tabori war das sanftere, den Kelch jüdischen Schicksals witzschaudernd bis zur Neige leerende Kind. Er rechtete mit Gott, der zugeschaut hatte, wie ein Teil seiner Familie in den Gaskammern umkam, dadurch, dass er eine Komödie über ihn schrieb („Goldberg Variationen“). Das Leben blieb ihm bis zum letzten Gelächter immer lebensgefährlich. Und nur im Theater auszuhalten. Zadek war das wildere Kind. Er hatte weniger erlebt als Tabori. Gott, der zugeschaut hatte, wie ein Teil seiner Familie gerettet wurde, spielte für ihn keine Rolle, Metaphysik war ihm wurscht. Das Leben war ihm bis zum Untergang: eine Lust. Und nur im Theater auszudrücken.

          Überbordender Realismus

          Als Zadek die deutsche Szene Ende der fünfziger Jahre betrat, war er unter den Jungregisseuren der älteste, schon Mitte dreißig, und hatte in England an kleinen Theatern nicht nur eine handwerklich harte Schule hinter sich gebracht: jede Woche eine Inszenierung, jede Woche ein neues Stück. Er hatte auch ein Attentat überlebt. Jean Genet, dessen „Balkon“ er in London inszenierte, sprang auf die Bühne und bedrohte den Jungregisseur mit einer Pistole. Genet wollte das strenge Ritual einer Gesellschaft, die im Bordell nicht nach Lust, sondern nach Rollen („General“, „Richter“, „Verbrecher“, „Herrin“) sucht. Zadek wollte bunten, überbordenden Realismus - ein Fest für die Phantasie, eine Feier des Lebens, das aus allen Gleisen gerät.
          Dabei ist es geblieben.

          Er verdarb den Bürgern in Ulm, wohin Kurt Hübner, das erfolgreichste talenteschürfende Intendantentrüffelschwein der Nachkriegszeit, ihn geholt hatte, sofort die Erwartung, Nutten, Diebe, Zuhälter und Rebellen seien allein schon deshalb Trotzdem-Edle, weil sie im Theater auftreten. Zadeks Inszenierung von Brendan Behans „Geisel“ wurde 1961 zu einem Skandal, weil darin nicht nur der irische Nebel in großen Schwaden über die hustenden Zuschauer zog, sondern auch sich Nutten, Diebe, Zuhälter und Strolche benahmen, als hätten sie noch nie ein Theater von innen gesehen. Gleichzeitig gaben sich diese Unterschichtenfreaks wie Shakespeares Oberschichtenkönige. So wurde eine Komödie der Zeit zu einem zeitsprengenden Wahnsinnsdrama.

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