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Zum Tod des Pianisten Charles Rosen Kunst des Widerspruchs

Die Geheimnisse seiner Musik fand er in dem unüberbrückbaren Graben, der zwischen dem Begriff und der Sache klafft: Zum Tod des Pianisten und Musikautors Charles Rosen.

© culture-images/Lebrecht Im Alter von 85 Jahren gestorben: Charles Rosen

Sein letztes Buch erschien im Mai dieses Jahres unter dem Titel „Freedom and the Arts. Essays on Music and Literature“. Man könnte sich kaum ein treffenderes Motto vorstellen, um das Lebenswerk des brillanten Autors, Pianisten und Kritikers Charles Rosen in seiner überbordenden, die gängigen Fachgrenzen sprengenden Vielfalt zu charakterisieren.

Er selbst wählte ein Diktum Friedrich Schlegels über die Freiheit des Denkens als Motto für sein Buch „The Romantic Generation“ (1995): Da es „gleich tödlich für den Geist sei, ein System zu haben und keines“, müsse sich dieser dazu entschließen, „beides zu verbinden“. Eine Kunst, die Rosen beherrschte wie kein anderer - gleich, ob er über Musik schrieb, über Literatur oder über die Kochkunst. Ebendieser Sensibilität für den unüberbrückbaren Graben, der zwischen dem Begriff und der Sache klafft, zumal im Bereich des künstlerischen Ausdrucks, verdanken sich Rosens Einblicke in die Geheimnisse der Musik.

Den Austausch gesucht

In Deutschland wurde er zunächst als herausragender Musikschriftsteller wahrgenommen, als Verfasser etwa jener bis heute konkurrenzlosen Analyse der musikalischen Sprache von Haydn, Mozart und Beethoven, die 1972 unter dem Titel „The Classical Style“ herauskam. Rosen selbst hat sich aber, wie er in Gesprächen betonte, in erster Linie als Pianist gefühlt. Wer ihn spielen hörte, konnte spüren, dass er - vor allem anderen - ein Künstler war.

Seine Promotion absolvierte er 1951 in romanistischer Literaturgeschichte; im gleichen Jahr gab er sein Debüt als Pianist. Am 5. Mai 1927 in New York geboren, hatte Charles Rosen seine pianistische Ausbildung bis zum Alter von elf Jahren an der Juilliard School of Music erhalten und profitierte dann von einer Art Studium generale bei herausragenden Repräsentanten des Wiener Musiklebens, die nach Amerika emigriert waren.

So lernte er Klavierspielen bei Moritz Rosenthal (einem Schüler von Liszt, Enkelschüler von Chopin) und Musiktheorie und Komposition bei dem Zemlinsky-Schüler und ehemaligen Assistenten Gustav Mahlers, Karl Weigl. Daneben suchte er schon früh den Austausch mit Komponisten. Viele von ihnen, darunter Igor Strawinsky, Pierre Boulez und Elliott Carter, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband, vertrauten ihm ihre Werke an.

Zwischen Paris und Manhattan

Rosens Klavierspiel vereinte in aufregender Weise Formklarheit und analytische Ausdeutung mit einem ungemein gestischen, sprechenden Espressivo. Es ist diese schlafwandlerische Gestaltungssicherheit, die ihn auch als Musiktheoretiker einzigartig machte. Rosens Vorträge waren virtuos improvisierte Gesamtkunstwerke aus sprachlicher und pianistischer Rede, für die der Name „lecture recital“ ein blasser Notbehelf ist. Seine Schriften thematisieren die Musik als ein nie eindeutig festlegbares Phänomen: als ästhetische Gestalt, die weder im Notentext, noch im Gespielten, noch im Gehörten - zu dem auch Imaginiertes zählt - je aufgeht.

Rosen nahm im Laufe seiner Karriere verschiedene akademische Positionen an, etwa an der State University of New York in Stony Brook, der University of Chicago und der Harvard University. Er lebte abwechselnd in Paris und in der Upper West Side von Manhattan, hochgeschätzt unter anderem als Kritiker für die „New York Review of Books“. In der aktuellen Ausgabe kann man noch seinen Artikel über den Dramatiker William Congreve lesen. Im Februar 2012 hatte Charles Rosen im Weißen Haus von Präsident Obama die National Humanities Medal erhalten. Er starb am vergangenen Sonntag, im Alter von 85 Jahren.

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Quelle: F.A.Z.

 
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