http://www.faz.net/-gqz-750dl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 12.12.2012, 15:02 Uhr

Zum Tod des Pianisten Charles Rosen Kunst des Widerspruchs

Die Geheimnisse seiner Musik fand er in dem unüberbrückbaren Graben, der zwischen dem Begriff und der Sache klafft: Zum Tod des Pianisten und Musikautors Charles Rosen.

von
© culture-images/Lebrecht Im Alter von 85 Jahren gestorben: Charles Rosen

Sein letztes Buch erschien im Mai dieses Jahres unter dem Titel „Freedom and the Arts. Essays on Music and Literature“. Man könnte sich kaum ein treffenderes Motto vorstellen, um das Lebenswerk des brillanten Autors, Pianisten und Kritikers Charles Rosen in seiner überbordenden, die gängigen Fachgrenzen sprengenden Vielfalt zu charakterisieren.

Er selbst wählte ein Diktum Friedrich Schlegels über die Freiheit des Denkens als Motto für sein Buch „The Romantic Generation“ (1995): Da es „gleich tödlich für den Geist sei, ein System zu haben und keines“, müsse sich dieser dazu entschließen, „beides zu verbinden“. Eine Kunst, die Rosen beherrschte wie kein anderer - gleich, ob er über Musik schrieb, über Literatur oder über die Kochkunst. Ebendieser Sensibilität für den unüberbrückbaren Graben, der zwischen dem Begriff und der Sache klafft, zumal im Bereich des künstlerischen Ausdrucks, verdanken sich Rosens Einblicke in die Geheimnisse der Musik.

Den Austausch gesucht

In Deutschland wurde er zunächst als herausragender Musikschriftsteller wahrgenommen, als Verfasser etwa jener bis heute konkurrenzlosen Analyse der musikalischen Sprache von Haydn, Mozart und Beethoven, die 1972 unter dem Titel „The Classical Style“ herauskam. Rosen selbst hat sich aber, wie er in Gesprächen betonte, in erster Linie als Pianist gefühlt. Wer ihn spielen hörte, konnte spüren, dass er - vor allem anderen - ein Künstler war.

Seine Promotion absolvierte er 1951 in romanistischer Literaturgeschichte; im gleichen Jahr gab er sein Debüt als Pianist. Am 5. Mai 1927 in New York geboren, hatte Charles Rosen seine pianistische Ausbildung bis zum Alter von elf Jahren an der Juilliard School of Music erhalten und profitierte dann von einer Art Studium generale bei herausragenden Repräsentanten des Wiener Musiklebens, die nach Amerika emigriert waren.

So lernte er Klavierspielen bei Moritz Rosenthal (einem Schüler von Liszt, Enkelschüler von Chopin) und Musiktheorie und Komposition bei dem Zemlinsky-Schüler und ehemaligen Assistenten Gustav Mahlers, Karl Weigl. Daneben suchte er schon früh den Austausch mit Komponisten. Viele von ihnen, darunter Igor Strawinsky, Pierre Boulez und Elliott Carter, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband, vertrauten ihm ihre Werke an.

Zwischen Paris und Manhattan

Rosens Klavierspiel vereinte in aufregender Weise Formklarheit und analytische Ausdeutung mit einem ungemein gestischen, sprechenden Espressivo. Es ist diese schlafwandlerische Gestaltungssicherheit, die ihn auch als Musiktheoretiker einzigartig machte. Rosens Vorträge waren virtuos improvisierte Gesamtkunstwerke aus sprachlicher und pianistischer Rede, für die der Name „lecture recital“ ein blasser Notbehelf ist. Seine Schriften thematisieren die Musik als ein nie eindeutig festlegbares Phänomen: als ästhetische Gestalt, die weder im Notentext, noch im Gespielten, noch im Gehörten - zu dem auch Imaginiertes zählt - je aufgeht.

Rosen nahm im Laufe seiner Karriere verschiedene akademische Positionen an, etwa an der State University of New York in Stony Brook, der University of Chicago und der Harvard University. Er lebte abwechselnd in Paris und in der Upper West Side von Manhattan, hochgeschätzt unter anderem als Kritiker für die „New York Review of Books“. In der aktuellen Ausgabe kann man noch seinen Artikel über den Dramatiker William Congreve lesen. Im Februar 2012 hatte Charles Rosen im Weißen Haus von Präsident Obama die National Humanities Medal erhalten. Er starb am vergangenen Sonntag, im Alter von 85 Jahren.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Luxus-Geschäfte Kaufhäuser in der Krise? Nicht in New York

In Deutschland haben Kaufhäuser es derzeit schwer. In New York hingegen sind viele neue Groß-Geschäfte geplant. Das Beispiel Barneys Downtown zeigt, wie es gehen könnte. Mehr Von Alfons Kaiser

30.04.2016, 15:14 Uhr | Stil
Prinz Charles auf der Bühne Royale Hamletbetonung

Wie man den Prinz Hamlet richtig gibt, das weiß nur ein Prinz: Charles, seines Zeichens britischer Thronfolger, entert die Bühne und belehrt Englands Schauspielelite. Mehr

03.05.2016, 16:37 Uhr | Aktuell
Hauskonzerte Beethoven und Jazz am Zürichberg

Musiker aus aller Welt dürfen in seiner Villa spielen. Ein Schweizer Pensionär richtet Hauskonzerte aus. Notfalls wäscht er nachts auch mal eine Tischdecke. Mehr Von Fabienne Bonino, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

04.05.2016, 11:51 Uhr | Gesellschaft
Video Kanadas Ministerpräsident Trudeau boxt in Brooklyn

Kanadas Regierungschef Justin Trudeau hat in New York sein Können als Boxer unter Beweis gestellt. Im Gleason’s Boxing Gym stattete er einem Projekt zur Unterstützung sozial benachteiligter Jugendlicher einen Besuch ab. Eigentlich ist er gerade in der Stadt, um das Klimaabkommen von Paris zu unterzeichnen. Mehr

22.04.2016, 15:56 Uhr | Gesellschaft
Kubanische Düfte Eine Ahnung von Insel

Narciso Rodriguez bringt zwei neue Parfums heraus, mit denen sich der Modemacher auch auf seine kubanische Herkunft beruft. Dem Wandel in der Heimat seiner Eltern sieht er gespannt entgegen. Mehr Von Alfons Kaiser

30.04.2016, 17:56 Uhr | Stil
Glosse

Richtiges Leben, nur im Internet

Von Andrea Diener

Wenn das Internet mit Gesetzen eingehegt werden soll, sollte man sich bewusst sein: Es geht hier nicht um anonyme Datenautobahnen. Es handelt sich um ein wirklichkeitsgetreues Abbild unserer Gesellschaft. Mehr 1 2

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“