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Zum Tod von Toots Thielemans : Der einzige Virtuose der Mundharmonika

  • -Aktualisiert am

Toots Thielemans im Jahr 2005 auf dem North Sea Jazz Festival. Bild: AFP

Zu seiner Fangemeinde gehörten Ernie und Bert ebenso wie Benny Goodman und Charlie Parker. Jetzt ist der belgische Jazzmusiker Toots Thielemans gestorben.

          Es gibt nur einen Dizzy im Jazz. Nur einen Chet, Duke, Count, Miles oder Satchmo. Und nur einen Toots - auch wenn für den Spitznamen von Jean „Toots“ Thielemans ursprünglich ein Saxophonist aus dem Orchester von Benny Goodman Pate gestanden hat. Toots Mondello fristet freilich heute nurmehr eine Fußnotenexistenz in den Annalen der Musikgeschichte. Toots Thielemans aber zählt zu den größten Jazzmusikern des europäischen Kontinents. Und das ist sogar noch eine Untertreibung. Auf der Mundharmonika ist er der einzige Künstler von Rang und der einzige, der diesem lange Zeit verachteten Instrument der populären Musik im Jazz zu Ansehen verholfen hat.

          Bevor sich Toots Thielemans ernsthaft mit der chromatischen Harmonika beschäftigte, galt das Instrument vielen im Jazz noch als volksmusikalisches Kuriosum, in seiner Rolle etwa vergleichbar dem Akkordeon oder gar der singenden Säge. Toots Thielemans hat die Jazztauglichkeit der Harmonika erwiesen. Aber dass er im Grunde bis heute der einzige bedeutende Mundharmonikaspieler im Jazz-Genre geblieben ist, unterstreicht nur seine unvergleichlichen Kunstfertigkeiten. Mit seiner Art der Phrasierung, seinem nuancenreichen Klangfarbenspiel, seiner Ausdruckspalette, seiner melodischen Virtuosität hat bisher noch keiner im Jazz konkurrieren können. Damit hat er auch sein einstiges Idol Larry Adler weit hinter sich gelassen.

          Akkordeon, Gitarre, Mundhamonika

          Sein stilistisch dem Bebop verpflichtetes Spiel ist allerdings nur die eine Seite seiner großen künstlerischen Kompetenz. Toots Thielemans hat bei aller technischen Brillanz nie die Kraft der Melodie und des einprägsamen Motivs, wenn man will: das sinnliche Element auf diesem ursprünglichen Volksmusikinstrument verleugnet. Selbst ein so komplexer Arrangeur wie Quincy Jones war fasziniert von Toots Thielemans und hat dessen Ausdruckskunst stets höher eingeschätzt als den raffiniertesten Avantgarde-Jazz. Die Fähigkeit, mit differenzierter Musik starke Emotionen auszulösen, vielschichtigen Klang einfach wirken zu lassen, ist vielfach auch in Soundtracks genutzt worden, etwa für Filme wie „Midnight Cowboy“ oder „The Getaway“, die durch die Klangfarbe der Mundharmonika in ähnlicher Weise ihre charakteristische Aura erhielten wie die populäre „Sesamstraße“ durch die von Toots Thielemans dazu eingespielte Titelmusik.

          Toots Thielemans, im Jahr 1922 in Brüssel geboren, war ein musikalisches Wunderkind, allerdings eines, das sich ganz natürlich und ohne übertriebenen pädagogischen Ehrgeiz entwickeln konnte. Im elterlichen Café in Brüssel kam er sehr früh schon mit Akkordeonmusik in Berührung, begann selbst autodidaktisch auf diesem Instrument zu spielen, später wechselte er unter dem Eindruck der Musik von Django Reinhardt zur Gitarre, mit siebzehn dann zur Mundharmonika, das sein bevorzugtes Instrument werden sollte. 1952 ging er nach New York, spielte mit Bebop-Pionieren wie Charlie Parker und Howard McGhee zusammen und gehörte zu den Bands von Benny Goodman und George Shearing. Seine erste Aufnahmen unter eigenem Namen, das Album mit dem schönen Titel „Man Bites Harmonica“, nahm er im Jahr 1955 auf, sein Song „Bluesette“ fand Aufnahme in das Great Amercian Songbook und gehört zu den beliebtesten Jazz-Standards überhaupt, die auch von Popmusikern aus aller Welt geschätzt werden.

          Nach seiner Rückkehr nach Europa ist Toots Thielemans, der auch als Pfeifvirtuose Plattenaufnahmen machte, bis zum Jahr 2014 regelmäßig bei Konzerten in allen wichtigen Musikzentren des Kontinents zu hören gewesen. Auch in Deutschland war er häufig auf diversen Jazzfestivals zu Gast. Im Jahr 2004 wurde er für sein Lebenswerk mit der German Jazz Trophy geehrt, und 2009 erhielt er vom National Endowment for the Arts den Titel „Jazz Master“, die höchste Auszeichnung für einen Jazzmusiker in den Vereinigten Staaten von Amerika. Im September hätte das ihm gewidmete „Toots Jazz Festival“ in La Hulpe, einer Stadt südlich von Brüssel, in seinem Beisein zum zweiten Mal stattfinden sollen. Dazu ist es nicht mehr gekommen. An diesem Montag ist Toots Thielemann im Alter von vierundneunzig Jahren in Brüssel gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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