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Zum Tod des Komponisten Karlheinz Stockhausen : Papa Techno

Karlheinz Stockhausen Bild: AP

Stockhausen ist unter den Komponisten des 20. Jahrhunderts mit Abstand der eigensinnigste Einzelgänger und zugleich der größte Erfindergeist gewesen. Nun starb er nach kurzer schwerer Krankheit in Kürten bei Köln. Er wurde 79 Jahre alt.

          Triumphieren wird am Ende die Liebe und das Licht. In dieses Heilsversprechen mündet sein Hauptwerk, der musikdramatische Zyklus „Licht“ , in dem an sieben Wochentagen das Gute mit dem Bösen kämpft, der Erzengel seine Kräfte mit denen Luzifers misst. Der Komponist Karlheinz Stockhausen hat seit 1977 ausschließlich an diesem Zyklus gearbeitet. Das erste Teilstück „Donnerstag aus Licht“ wurde 1981 in der Mailänder Scala uraufgeführt, eines der letzten Teilstücke war das in Salzburg 2003 zelebrierte „Helikopter-Quartett“ für Hubschrauber und Streichquartett - mehrfach nachgespielt, vielleicht, weil diese Kreuzung von technologischem Aufwand und musikalischem Filigran besonders spektakulär war und Eindruck machte auch auf ein Publikum, das sich sonst für zeitgenössische Musik nicht gerade begeistert.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Mehrfach wurde schon Anlauf genommen, eine Gesamtaufführung des 28 Stunden langen „Licht“-Zyklus zu bewerkstelligen, doch dieser Traum hat sich nicht erfüllt. Am 5. Dezember ist Karlheinz Stockhausen, wie erst gestern abend bekannt wurde, nach kurzer schwerer Krankheit in Kürten bei Köln gestorben. Er wurde 79 Jahre alt.

          Der eigensinnigste Einzelgänger

          Stockhausen ist unter den Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts mit Abstand der eigensinnigste Einzelgänger und zugleich der größte Erfindergeist gewesen. Seit 1963 Leiter des Studios für elektronische Musik beim WDR in Köln, entwarf er mit dem „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ das erste rein elektronische Werk der Musikgeschichte. Später setzte er Räume in tönende Bewegung, er löste das Zeitkontinuum auf, indem er Schönbergs Prinzip der Zwölftonmusik von den Tonhöhen auf die Organisation der Tondauern übertrug.

          Geboren 1928 in dem Dorf Mödrath bei Köln, studierte Stockhausen Schulmusik und Klavier in Köln und anschließend Komposition in Paris bei Olivier Messiaen, wo er Pierre Boulez kennenlernte, mit dem er, gemeinsam mit Luigi Nono, in den fünfziger Jahren so etwas wie das „Dreigestirn“ der Neuen Musik bildete. Schlagartig bekannt machte ihn die Uraufführung von „Kreuzspiel“ bei den Darmstädter Ferienkursen des Jahres 1951, und er selbst brachte es nicht zuletzt durch sein charismatisches Ego und die fanatische Ausschließlichkeit, mit der er seine Sache vertrat, alsbald dazu, dass die Neue Musik aus dem Getto herausfand und populär wurde auch beim größeren Publikum.

          Zerwürfnis mit seinen Kollegen

          1970 vertrat Stockhausen die Bundesrepublik bei der Weltausstellung in Osaka mit Konzerten im Kugelauditorium. Etwa zur gleichen Zeit, im Zuge der Politisierung der Neuen Musik nach 1968, erfolgte auch das Zerwürfnis mit seinen Kollegen. Stockhausen zog sich zurück nach Kürten bei Köln, wie einst Wagner sich zurückzog nach Bayreuth. Sammelte als Guru eine Jüngerschaft um sich und baute sein eignes Musikimperium auf, das ausschließlich der Entstehung und Verbreitung eigner Werke diente: Ein seltsamer Heiliger in weißen Turnschuhen, der in all seiner Weltferne (Stockhausen las nie Zeitung und besaß kein Fernsehen) und in seiner naiven Gedankenschärfe dann doch gelegentlich ins Weltgeschehen eingriff und für schrille Überraschungen sorgte, etwa, als er den Anschlag auf die Twintowers in New York 2001 bewundernd das „größte Kunstwerk Luzifers“ nannte.

          Für die Musik anderer hat sich Stockhausen zwar nie interessiert. Aber andererseits hat er als einziger Komponist der Gegenwart ein echtes „Crossover“ hingekriegt, jenseits von Markt und Moden: Stockhausen ist als „Papa Techno“ auch in der jüngeren Rock- und Popmusikgeschichte zu einer Ikone geworden.

          Quelle: FAZ.NET

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