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Zum Tod von Luc Bondy : Der Liebesspieler

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Luc Bondy, geboren am 17. Juli 1948 in Zürich, gestorben am 28. November 2015 ebenda Bild: Stefan Nimmesgern/laif

Von den Sehnsüchten, den Begierden und den Gefühlen der Menschen verstand er mehr, als alle Bühnenlust sich träumen lässt: Zum Tod des großen Welttheater-Regisseurs Luc Bondy.

          Ein Augenblick voller Glück und Seligkeit. Als der Regisseur, schon gezeichnet von schwerer Krankheit, zum Applaus nach der Premiere seiner „Iwanow“-Inszenierung im Januar 2015 auf die Bühne des Pariser Odéon-Theaters trat (meine letzte Begegnung mit ihm) - da war es, als betrete er die Szene seines Hauses nicht humpelnd gebückt. Sondern so, als beschwebe er sie, schwerelos wie nur irgendein Luftgeist. Und die Aufführung von Tschechows Stück, in dem es viel um Tod und Leid und Betrug und Krankheit und Untergang geht, war ja auch ein Triumph der Leichtigkeitsliebe und der Menschenlebenslust des Regisseurs Luc Bondy. Wer hier starb und verdarb, dessen falsches Leben bekam den Glanz richtiger Würde - vor dem Relief unendlich humanen Humors. Bondy verurteilte nicht. Bondy liebte. Ohne zu zuckern.

          Ob er Marivaux inszenierte oder Molière, Beckett oder Tschechow, Strauß oder Reza, Schnitzler oder Ibsen - es war bei ihm die Lage der Menschen durchaus auch mal hoffnungslos. Nie aber ernst. Dafür nahm er das Theater zu ernst: als die beste Möglichkeit, „es auszuhalten“ - das Leben draußen nämlich, das er, anders als viele seiner Regisseurskollegen, nie mit dem Theater drinnen verwechselte. Dem er ein ganz anderes, tolleres, schöneres, tieferes Dasein abgewann.

          Man durfte ihn nicht am Flattern hindern

          Daher seine Leichtigkeit, herrührend aus einer grandiosen, intelligent gläubigen Unbekümmertheit. Daher auch seine ewige Jungenhaftigkeit. Der Mann, der zeitlebens in seinen Sakko- oder Hosentaschen laut Selbstauskunft „genauso viele Medikamente wie Bücher“ mit sich herumtrug und bekannt dafür war, dass er mit Gott und der Welt in einem Dauertelefonat befindlich war, das ihn seine Mobiltelefone nur benutzen zu lassen schien, um sie anschließend gleich wieder zu verlieren - dieser wundervolle Chaot kannte und exerzierte nur eine Ordnung: Sie schuf er auf der Bühne.

          Was ihn nicht daran hinderte, in Berlin (Schaubühne), Wien (Festwochen) und Paris (Odéon) Verantwortung für ganze Häuser oder Festivals zu übernehmen und andere Bühnenordnungen als die seinen zu fördern und zuzulassen. Er hat sich mit dem lockeren Fleiß und dem lächelnden Anstand des kritisch staunenden Liebhabers diesen Aufgaben gestellt, hat nicht ohne Verhandlungsgeschick und charmante Überrumpelungstricks mit den Kulturpolitikern verkehrt. Blieb aber, wenn ihn die Tonnengewichte der Häuser (in der Berliner Schaubühne zum Beispiel) zu sehr zu belasten anfingen, seiner Schmetterlingsnatur treu. Man durfte ihn ja nicht am Fliegen und Flattern hindern. Den Staub auf den Flügeln schüttelte er dann ab. Und zog weiter.

          Zwischen den Zeilen von anderen schweben

          Luc Bondy, geboren in Zürich, aufgewachsen in Frankreich, groß geworden in Deutschland, Enkel des Prager Feuilletonisten und Schriftstellers N. O. Scarpi, Sohn des Essayisten, Journalisten, Kritikers und Zeitschriftenherausgebers François Bondy, in dessen Pariser Salon die schreibenden Größen der alteuropäischen Nachkriegsmoderne, von Gombrowicz über Magris und Pavese bis Ionesco und Lasky verkehrten, fühlte sich sehr früh schon als Schmetterling. Seine Flügel drohten unter den Wunderschwergewichten familiärer und kultureller Sphärentradition zu zerbrechen.

          Würde er als Schriftsteller sich versucht haben (viel später, längst als Regisseur berühmt, schrieb er wunderbar leichte Erzähl- und Gedichtbände), wären auf ihn sofort die Schatten der Vorväter gefallen. Also musste er zwischen den Zeilen von anderen flatternd, suchend und witternd schweben: Um nicht Schönheiten auf Papier zu bannen - sondern um sie auf der Bühne zu Menschheiten zu machen.

          Dafür hat er sie zu sehr geliebt

          Die Bühne blieb seine Lebenszuflucht. Er betrat sie Anfang der siebziger Jahre mit knapp Mitte zwanzig, nachdem er in Paris bei Jacques Lecoq ein bisschen in die Theaterschule gegangen war und eine Regieassistenten-Stelle am Hamburger Thalia Theater halbwegs glücklich hinter sich gebracht hatte. Schon seine ersten Inszenierungen, eine raketenhaft aufsprühende „Stella“ in Darmstadt zum Beispiel, wurden als faszinierende, hinreißende Gegengiftgaben im Zeitgeisttheatergewerbe wahrgenommen. Bondys ungenierte Unzeitgemäßheiten fielen in eine Zeitstimmung, die seine Regisseurskollegen, die Peymann, Stein, Neuenfels und Heyme, mit ihrer brennenden Sorge befeuerten, sie könnten der Gesellschaft, der Revolution, naturgemäß auch dem Klassenkampf nie gerecht werden. Wobei sie der Gesellschaft, dem Klassenkampf und der Revolution ihre szenisch überbauten Angestrengtheiten (Heyme) oder Juxereien (Peymann) oder Intellektualitäten (Stein) entgegenhielten. Sie schauten von drinnen nach draußen.

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