http://www.faz.net/-gqz-776xg

Zum Tod des Dirigenten Wolfgang Sawallisch : Der vollkommene Maestro ist ein alter Capellmeister

  • -Aktualisiert am

Er war stets ein gehorsamer Diener der Musik: Zum Tod des Dirigenten und einstigen Münchner Staatsopernintendanten Wolfgang Sawallisch

          Was für ein Leben im immerwährenden Dienst an der Musik: Die Vollendung des neunzigsten Lebensjahres hat er knapp verfehlt - der Dirigent Wolfgang Sawallisch, am 26. August 1923 in München geboren, ist am vergangenen Freitag in seinem Haus im oberbayerischen Grassau gestorben. Wolfgang Sawallisch war im guten alten Sinne ein wahrer „Capellmeister“, aus der Zeit, in der man das Wort noch mit einem „C“ schrieb.

          Mit einem „K“ geschrieben, bedeutet das heutzutage, zweiter oder dritter Mann an einem Opernhaus zu sein, Repertoirevorstellungen zu leiten, Ballettabende und Operetten. Ein „Meister der Capelle“ aber musste mehr sein: Hoch musikalisch, fachlich absolut kompetent, allumfassend gebildet und dazu auch eine gestandene Persönlichkeit, um dem Ehrentitel zu entsprechen. Und, was eigentlich das Wichtigste ist, ein gehorsamer Diener der Musik, der sich nie mit seiner Person vorlaut vor ein Werk stellt Die häufig narzisstischen Selbstinszenierungen gegenwärtiger Pultstars bieten dazu das Gegenbild.

          Wolfgang Sawallisch ist ein wahrhafter Capellmeister gewesen - ein sehr deutscher dazu. Mozart, Wagner und Richard Strauss standen stets im Zentrum von Sawallischs Herzensrepertoire. Seine Karriere begann nach dem Zweiten Weltkrieg, als er aus der Kriegsgefangenschaft in Italien zurückkehrte. Ordnungsgemäß legte er an der Münchner Musikhochschule ein Staatsexamen ab, bei den Dirigenten Hans Rosbaud und Igor Markevitch betrieb er weitere Studien, die seine Auffassung von Dirigieren, was ein Dirigent zu leisten hat, sicher entscheidend mit geprägt haben dürften.

          Beharren auf den Traditionen des Hauses

          Nach dem Studium folgte ein früher typisch deutscher Capellmeister-Aufbau - allerdings in raschem Tempo - mit Positionen in Augsburg, Aachen, Wiesbaden, Hamburg und Köln. Dann erreichte der geborene Münchner sein Traumziel: Er wurde 1969 als Nachfolger des plötzlich verstorbenen Joseph Keilberth zum Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper München ernannt.

          In zwei Jahrzehnten prägte er die Münchner Oper nach seinen Vorstellungen - was nicht allzu schwierig war, denn Mozart, Wagner und Strauss waren dort schon immer die Hausgötter. Dass der komplette Wagner, der komplette Richard Strauss im Repertoire standen, gehörte zur Selbstverständlichkeit, ebenso das Wichtigste von Mozart.

          Sawallisch beharrte auch auf den Traditionen des Hauses: zu einem Repertoire-Theater gehörte auch ein festes Ensemble. Das war nicht immer leicht zu bewältigen, denn der alte Ensemblegeist befand sich in den sechziger Jahren in rapider Auflösung infolge immer schnellerer Flugverbindungen in alle Welt: Heute hier, morgen da, was macht es, so heißt es in Kálmáns „Zirkusprinzessin“. Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass sich bei aller Qualität im Musikalischen am Münchner Nationaltheater im Dramaturgischen eine gewisse Behäbigkeit ausbreitete.

          Die Spannweite zwischen Emotionalität und Perfektion

          Der Dirigent Sawallisch blickte nicht besonders glücklich auf experimentelle Inszenierungen, vor allem nicht nach 1980, als er auch noch die künstlerische Gesamtleitung der Münchner Oper übernahm, als Nachfolger des Intendanten August Everding, der nach zum Teil heftigen Auseinandersetzungen mit Sawallisch zum Generalintendanten aller Bayerischen Staatstheater avancierte. So löst man speziell in Bayern gern Konflikte, durch Höher- und damit Wegbeförderung.

          Gar so konservativ, wie man es damals an Sawallisch oft kritisierte, war er wiederum nicht. Für einen neuen „Ring des Nibelungen“ im Jahr 1987 engagierte er den Regisseur Nikolaus Lehnhoff und den Bühnenbilder Erich Wonder. Die Wolken-Himmel-Weltraum- und Betonbilder Wonders sind noch heute in lebhafter Erinnerung ebenso wie die ergreifende Brünnhilde der Hildegard Behrens. Und der Dirigent Sawallisch zeigte sich als höchst moderner Wagner-Interpret: kein pathetisches Dröhnen, die dramatischen Erregungen schlank und energievoll entfaltend, die kammermusikalisch-lyrischen Passagen geradezu zärtlich mit instrumentaler Delikatesse ausgesponnen. Das Münchner Opernorchester spielte damals auf einem sehr hohen Niveau.

          Der Dirigent Wolfgang Sawallisch besaß so etwas wie ein Janusgesicht: der inneren Verbundenheit zur Tradition stand eine oft verblüffende Forderung nach technischer Perfektion gegenüber. Metierbeherrschung galt ihm durchaus nicht als verdächtig. Diese Spannweite zwischen Emotionalität und Perfektion mag auch das Philadelphia Orchestra 1990 bewogen haben, Sawallisch die Nachfolge Ricardo Mutis anzutragen. Bei Gastspielen in Europa präsentierte sich das Orchester auf Spitzenniveau.

          Ein wirklicher Meister der Cappelle

          Und wenn dann eine der Symphonischen Dichtungen von Richard Strauss erklang, dann hätte man denken können, da spielt das Münchner Staatsorchester - mit wohlklingendem gleichwohl transparentem Klang, elegant fließenden Lineaments, die oft ihren meist versteckten Jugendstil-Schwung offenbarten, Straussisch eben. Wolfgang Sawallisch setzte seine Vorstellungen von großer Musik und ihrer Darstellung auch im angeblich so kühl-technisch orientierten Amerika durch. Er war eben immer auch eine gestandene Persönlichkeit, ein wirklicher Meister der Capelle.

          Was uns bleibt außer der lebendigen Erinnerung ist auf zahlreichen CD-Einspielungen festgehalten - hinreißend die Strauss-Opern „Arabella“, „Schweigsame Frau“ und „Capriccio“ mit der schwer überbietbaren Luxusbesetzung Elisabeth Schwarzkopf, Eberhard Wächter, Nicolai Gedda, Dietrich Fischer-Dieskau, Hans Hotter, Christa Ludwig. Und Margaret Price erinnert mit Schumann-Liedern daran, dass der große Dirigent Wolfgang Sawallisch immer auch ein wunderbarer Liedbegleiter war.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Streit in der AfD : Kein Wort, zu niemandem

          Kurz vor der Bundestagswahl kann auch die AfD keinen Skandal mehr gebrauchen. Wie der Vorsitzende Jörg Meuthen verhindern will, dass Äußerungen von Frauke Petry weitere Kreise ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.