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Veröffentlicht: 11.01.2010, 17:38 Uhr

Zum Tod des Dirigenten Otmar Suitner Ein Anwalt des Schönklangs in Ost und West

1964 fand er in Ost-Berlin nur noch ein Drittel der Musiker der Berliner Staatskapelle vor - die anderen waren nach dem Mauerbau in den Westen gefllüchtet. Er war ein Dirigent beider deutscher Staaten und Wanderer zwischen musikalischen Welten: Zum Tod von Otmar Suitner.

von Gerhard Rohde

Die Lebensgeschichte des österreichischen Dirigenten Otmar Suitner ist auf eine mitunter fast grotesk-komische Weise zugleich zu einem Stück deutsch-deutscher Nachkriegsgeschichte geworden. Diese begann für Otmar Suitner im Jahr 1960, als er noch Generalmusikdirektor der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen war. Die Sächsische Staatsoper und ihre traditionsreiche Kapelle wünschten sich den am 16. Mai 1922 in Innsbruck geborenen Künstler als „Chef“. Ein Dirigent, zu dessen Hausgöttern Richard Strauss und Richard Wagner zählten, konnte diesem Ruf an den Strauss-Tempel par excellence natürlich nicht widerstehen - obwohl dieser in der sogenannten DDR lag und das alte Opernhaus noch nicht aus den Ruinen neu entstanden war. Als österreichischer Staatsbürger genoss Otmar Suitner allerdings erheblich größere künstlerische und auch persönliche Freiheiten, die er dann im Interesse der Musik auch zu nutzen verstand. Eine Reihe hervorragender Schallplatteneinspielungen belegt den unverändert schönen Klang der Staatskapelle.

Die beengten räumlichen Verhältnisse in Dresden - die Oper spielte im damaligen Schauspielhaus - mögen mit dazu beigetragen haben, dass Suitner schon vier Jahre später das Angebot annahm, als Generalmusikdirektor an die Deutsche Staatsoper Berlin zu wechseln. Dort traf er auf eine chaotische Situation. Von den einhundertfünfzig Musikern der Berliner Staatskapelle fand er nur mehr siebenunddreißig vor; die anderen waren nach dem Mauerbau in den Westen geflüchtet. Irgendwie muss sich Otmar Suitner von dieser musikalischen Trümmerlandschaft herausgefordert gefühlt haben, anders ist es nicht zu begreifen, dass er unverzagt mit einer imponierenden Aufbauarbeit begann, die alsbald auch wieder bemerkenswerte künstlerische Ergebnisse zeitigte. In dem Vierteljahrhundert seiner Berliner Zeit baute Suitner für die Lindenoper wieder ein beachtliches Repertoire auf, in dem sich neben den Klassikern auch etliche Uraufführungen fanden.

Streng genommen war er vor allem mit der Musik verheiratet

Sänger wie Theo Adam, Peter Schreier oder Silvia Geszty sorgten für vokalen Glanz; die Regisseurin Ruth Berghaus, die Suitner für die Werke ihres Ehemannes Paul Dessau verpflichtete, sorgte auch für ein moderneres inszenatorisches Profil des Hauses - Dessaus Opern „Puntila“, „Einstein“ und „Leonce und Lena“ waren dafür signifikante Beispiele. Dass es Otmar Suitner gelang, gegen das Verlangen der DDR-Oberen Hans Pfitzners „Palestrina“ auf den Spielplan zu setzen, verdankte er wohl nur seiner als neutralem Österreicher unangefochtenen Stellung in der DDR. Diese Freiheit erlaubte es ihm auch, beliebig in den Westen zu reisen. Von 1964 bis 1967 leitete er verschiedene Aufführungen bei den Bayreuther Festspielen. Dort sprang er unter anderem für den erkrankten Karl Böhm im „Ring“-Zyklus ein. Suitners Wagner-Klang zeichnete sich durch eine wunderbare Transparenz und klare thematische Zeichnung aus. Sein Klangideal war von den Wiener Philharmonikern geprägt, deren „weicher“ Intonation und farbreichen instrumentalen Valeurs. Diesen „Wiener Klang“ fand er auch in Dresden vor, und oft klang auch die Berliner Staatskapelle ein wenig „nach Wien“.

Dass nach Otmar Suitners aus gesundheitlichen Gründen erfolgtem Abgang von der Berliner Position die Leistungen des Dirigenten ungewöhnlich rasch der Vergessenheit anheimfielen, stellt der immer oberflächlicher und gedankenloser agierenden Gesellschaft unseres Landes kein besonders gutes Zeugnis aus. Da ist es nur noch von pikantem Interesse, dass der Dirigent zwei Ehen geführt hat, eine in Ost- und eine in West-Berlin, natürlich nur eine legalisiert. Aber streng genommen war Suitner ohnehin nur und vor allem mit der Musik verheiratet. Jetzt ist er im Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben.

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