Home
http://www.faz.net/-gqz-750e3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 12.12.2012, 15:14 Uhr

Zum Tod der Sopranistin Galina Wischnewskaja Menschen werden wir nur auf der Bühne

Für sie komponierte Benjamin Britten das völkerversöhnende „War Requiem“: Zum Tode der russischen Sopranistin Galina Wischnewskaja.

© Getty Images Im Alter von 86 Jahren gestorben: Galina Wischnewskaja

In den fünfziger und sechziger Jahren war Galina Wischnewskaja die herausragende Primadonna des Moskauer Bolschoi-Theaters. 1996, ein Jahrzehnt nach ihrem Bühnenabschied, wurde sie zur Protagonistin einer Oper von Marcel Landowski: „Galina“. Passend für ein mit Drangsal beladenes Leben, von dem sie sagte: „Im Alltag sind wir nichts als Schauspieler, Menschen werden wir nur auf der Bühne.“

1926 geboren, verlor Galina Wischnewskaja während der Blockade Leningrads ihre Eltern und wuchs bei den Großeltern auf. Ohne eine Gesangsausbildung schloss sie sich mit sechzehn einer Operettentruppe an. Erst 1948 fand sie in Vera Nikolajewna Garina eine Gesangslehrerin, die sie auf ihre Karriere am Bolschoi vorbereitete. Unter der Regie von Boris Pokrowski erarbeitete sie die zentralen Partien in den Opern von Glinka, Rimski-Korsakow, Alexander Dargomyschski, Tschaikowsky und Mussorgski.

Politische Außenseiterin

1955 lernte sie den Cellisten Mstislaw Rostropowitsch kennen - und verließ für ihn ihren ersten Mann. In ihrer besten Zeit besaß sie einen üppigen, klangreichen, lyrisch-dramatischen Sopran von typisch russischer Timbrierung, brillant in der vibrierenden Forte-Höhe, sanft in den hohen Pianissimi. Und besser als alle anderen russischen Sopranistinnen jener Jahre behauptete sie sich im italienischen Repertoire: als Violetta, Aida, Tosca, Ciò-Ciò-San und Liù. Einige dieser Partien hat sie in den frühen sechziger Jahren auch an der Metropolitan Opera, der Scala und an der Covent Garden Opera gesungen.

Die beiden ersten Jahrzehnte ihrer Karriere wurden immer wieder von der Politik überschattet. Die Freundschaft zu Dmitrij Schostakowitsch, der ihr 1960 seinen Liederzyklus op.109 gewidmet hatte, und später die zu Alexander Solschenizyn ließen sie und Rostropowitsch zu politischen Außenseitern werden. Nach einigen Jahren einer „stillen Strangulation“ durch Auftritts- und Reiseverbote sahen sie und Rostropowitsch keinen anderen Ausweg als die Emigration (1974).

Herzbewegende Porträts

Anders aber als ihr Mann, weltweit als Cellist und Dirigent gefragt, konnte sie, inzwischen 48 Jahre alt, ihre Laufbahn nicht problemlos fortsetzen. Opern wie „Pique Dame“, „Sadko“, „Schneeflöckchen“ oder „Krieg und Frieden“ gehörten in Paris, London und New York damals nicht zum Kernrepertoire. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde sie, wie ihr Mann, rehabilitiert - zu spät für ihre Karriere.

Für die russische Oper des 19.Jahrhunderts war Galina Wischnewskaja das, was Maria Callas für die Belcanto-Oper war. Ihre Darstellungen von Tschaikowskys Tatiana und Lisa sind herzbewegend. Womöglich noch suggestiver ihre Porträts der Maria in „Boris Godunow“ und der Katerina Ismailowa in Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“. Aus den Sechzigern stammen exzeptionelle Liedaufnahmen, etwa der „Lieder und Tänze des Todes“ von Mussorgski.

Mehr zum Thema

Denkwürdig auch die Aufnahme des „War Requiem“ von Benjamin Britten, der die Sopranpartie dieses völkerversöhnenden Antikriegsstücks eigens für die Wischnewskaja komponiert hatte. Sie sollte bei der Uraufführung am 30.Mai 1962 in Coventry singen, erhielt aber von den Sowjetbehörden kein Ausreisevisum. Auf der Ersteinspielung unter Leitung des Komponisten ist ihre berührende Interpretation jedoch, neben der von Dietrich Fischer-Dieskau und Peter Pears, bewahrt. Am 11.Dezember ist Galina Wischnewskaja im Alter von 86 Jahren gestorben.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Dirigentin Gražinytė-Tyla Endlich sind wir so weit

Die Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla ist noch keine dreißig Jahre alt und tritt jetzt in die Fußstapfen berühmter Kollegen wie Simon Rattle und Andris Nelsons – als künftige Chefdirigentin in Birmingham. Ein Gespräch. Mehr Von Eleonore Büning

06.02.2016, 13:35 Uhr | Feuilleton
Frankfurter Anthologie Jan Wagner: requiem für einen friseur

Requiem für einen Friseur von Jan Wagner, gelesen von Thomas Huber. Mehr

05.02.2016, 16:50 Uhr | Feuilleton
Mozartwoche in Salzburg Wo das altmodische Zuhören geistige Arbeit ist

Eine Pastorale, drei Komponisten: Die Mozartwoche in Salzburg beharrt selbstbewusst auf der Autorität des Kunstwerks und vergleicht mit ruhiger Kompetenz Händel, Mozart und Mendelssohn. Mehr Von Jan Brachmann, Salzburg

01.02.2016, 09:00 Uhr | Feuilleton
Reise in Norwegens Hauptstadt Winterspaziergang durch Oslo

Wintersport wird in Norwegens Hauptstadt Oslo groß geschrieben: Die Ski-Arena Holmenkollen ist eine beliebte Touristenattraktion. Auch Kulturfans kommen auf ihre Kosten – in der Oper oder im Künstlerviertel Tjuvholmen. Mehr

03.02.2016, 18:27 Uhr | Reise
Wolfgang Rihm in Zürich Plaste-Haie singen sie zur Ruh

Seit sechsundzwanzig Jahren wurde Wolfgang Rihms Musiktheater Die Hamletmaschine nicht mehr gezeigt. Das Zürcher Opernhaus wagt sich wieder daran – mit Erfolg. Mehr Von Eleonore Büning, Zürich

29.01.2016, 22:22 Uhr | Feuilleton
Glosse

Bücher über Bord

Von Andreas Platthaus

Müssen Schriftsteller Bücher lieben, wenn sie Ballast darstellen? Iwan Bunin erleichterte sich unterwegs und warf Gelesenes gnadenlos über Bord. Heute ist das nicht mehr so einfach. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“