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Zum Tod von Moidele Bickel : Die Verzauberschneiderin

  • -Aktualisiert am

Aufnahme von Moidele Bickel aus dem Jahre 1977. Bild: Ruth Walz

Regie der zweiten Haut in den bedeutendsten Theateraufführungen unserer Zeit: Über die in der Nacht auf Pfingstmontag verstorbene große Kostümbildnerin Moidele Bickel.

          Die Szene spielt in der Foyer-Garderobe eines Theaters. Die junge Garderobenfrau liest selbstvergessen in einem Buch. Und ist gerade bis zur Seite 232 vorgedrungen. Ein Zuschauer kommt aus dem Theatersaal, in dem gerade noch gespielt wird, und bittet die Garderobenfrau, nachzuschauen, „ob mein Mantel noch da ist. Sie passen doch gut auf ihn auf, nicht wahr?“ Und da seine Garderobenmarke die Nr. 232 hat, passen er und sein Mantel womöglich exakt ins Buch, in dem sich die junge Garderobenfrau gerade lesend verloren hat.

          Darüber, und dass er ebenso exakt zu dem Theater passt, das gerade drinnen gespielt wird, gerät der Besucher in eine ziemliche Verzweiflung: „Ich gehe ins Theater, um mir die Sorgen zu vertreiben. Was sehe ich aber auf der Bühne: haargenau meine Sorgen. Ein Stück, wie es alltäglicher nicht sein könnte. . . . Ein Mensch tritt auf, einem selbst zum Verwechseln ähnlich, jemand, der offenbar überstürzt ein Schauspiel verlassen hat und sich nun bei der Garderobenfrau darüber beschwert, dass ihm das Theater zu alltäglich, zu gegenwärtig, zu wirklichkeitsnah und persönlich nur allzu bekannt vorkommt.“

          Das Allerwichtigste jedoch hat „Der Zuschauer“, eine wunderwitzige Desperationsfigur in der grandiosen theaterkritischen Komödie „Besucher“ von Botho Strauß (die von den stückevergessenen, phantasie-, kenntnis- und verstandeslosen Bühnen leider nicht mehr gespielt wird) nicht erwähnt: dass die Leute, die er auf der Bühne sieht und über deren platte Ähnlichkeit mit ihm selbst er nur ins große überraschungslose Gähnen geraten kann - vor allem genau die Anzüge von der Kaufhausstange tragen, die er auch zu Hause im Schrank hängen hat.

          Ein Anzug, der verzaubert

          Es sind vor allem diese Art von Kostümen aus dem Alltagsschrank von nebenan, die den größten Betrug im Theater beglaubigen helfen: den Betrug der Aktualität. Er ist landauf, landab in gewaltigem Schwange: Man stecke die alten und neuen großen Figuren in gegenwärtige Klamotten, wie sie jeder kennt - und schon hat man sie in eine Aktualität gestoßen, die ihre ferne, tolle Größe klein und nah erscheinen lässt. Faust als Nachbar in Latzhosen. Mephisto in Lederjacke und Jeans. Richard III. im Zweireiher. Und dazu allüberall die ausgebeulte Feinripp-Lingerie.

          Kostümbildnerei ist auf den Bühnen in den letzten Jahren weitgehend zu einer phantasielosen Einkaufstour durch die Shopping-Malls der Großstädte verkommen. Die zweite Haut der Schauspieler atmete nicht mehr, hatte keine offenen Poren, sondern wurde zur schnellen, schlampigen Verschlusssache. Man sah gerne drüber weg.

          Aber plötzlich ein Kerl in einem viel zu engen, auf die sowieso schon schmalen Schauspielerhüften wie eine klebende Haut geschnittenen Anzug, der das „Riesensammelsurium“ beklagt, in das „diese Zeit“ die „vielen Zeiten sammelt“ und „viele brauchbare Stoffe noch in den Beständen, im Fundus der Epochen“. Und er selbst, der nur „Der Mann“ heißt (eine Figur aus „Kalldewey Farce“ von Botho Strauß), gehört auch zu diesem Fundus. Und die Kostümbildnerin Moidele Bickel hat ihm zwar einen Gegenwartsanzug auf den Leib geschneidert, aber ihn völlig verzaubert. Verändert.

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