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Herbert Blomstedt wird neunzig : Im Staunen gewachsen

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Eine federnde, leuchtende, naturgewachsene Selbstverständlichkeit zeichnet ihn aus: Herbert Blomstedt. Bild: dpa

Er ist der älteste noch aktive Dirigent. Zu seiner inneren Stabilität, Gelassenheit und Klasse fand er schon vor langem, und er brilliert damit bis heute: Herbert Blomstedt zum neunzigsten Geburtstag.

          Güte: ein sanft langweiliges Wort aus vordigitalen Zeiten mit Echtmenschenkontakt, inzwischen fast wieder originell, wenn es einem unvermutet begegnet. Manchmal drängt es sich auf. Bei Herbert Blomstedt, dem schwedischen Dirigenten, fasst es am besten, was das Wesen seiner Persönlichkeit (auch seiner Arbeit mit den Musikern, seiner philosophisch-ästhetischen Denkweise) ausmacht: Güte.

          Blomstedt, der an diesem Dienstag neunzig Jahre alt wird, dürfte nach dem Tod des 93-jährigen Stanisław Skrowaczewski der älteste noch aktive Dirigent weltweit sein; innerhalb der besten ist er es allemal, gefolgt von Bernard Haitink, aktuell 88. Dass sie alle drei in ihren späten Jahren neu zum gleichen Komponisten – Anton Bruckner – fanden, wäre eigens des Nachdenkens wert. Für jetzt nur: Bruckner und Blomstedt. Aus den nach acht gemeinsamen Spielzeiten als Ernte eingebrachten Interpretationen mit dem Leipziger Gewandhausorchester leuchtet unzerstörbar staunende Demut, entfaltet in natürlichster Organik, ohne Weihrauch und Pathos. So, wie der Dirigent es selbst einmal umschrieb: Wir sehnen uns nach einer vollkommenen Welt, die in ihrem höheren Ganzen auch alles Leid in sich zu schließen und aufzuheben vermag – und Musik, wirklich große Musik, zeigt uns diese Welt als visionären Entwurf.

          Was natürlich nur gilt, wenn die Interpreten sie entsprechend zum Klingen bringen: und weil Güte diese schöne Doppelbedeutung hat – nicht allein erwärmende Menschenfreundlichkeit, sondern schlicht auch anständige Qualitätsarbeit –, darf bei Blomstedt mit Staunen konstatiert werden, wie in einem langen Prozess abseits der großen Metropolen das eine aus dem anderen herausgewachsen ist. Als er 1975 für zehn Jahre Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle wurde (San Francisco, das NDR-Sinfonieorchester und Leipzig folgten), ging er bereits auf die fünfzig zu. Sein Wirken hatte sich, abgesehen von der schon bestehenden Bekanntschaft mit den Dresdnern, im Wesentlichen auf Skandinavien beschränkt. Hört man heute Aufnahmen seiner frühen, in Wirklichkeit mittelspäten Jahre, ahnt man, was dem damals so schlaksig wirkenden Schweden bereits an innerer Stabilität und Gelassenheit eigen gewesen sein muss. Nicht zuletzt sie ermöglichten es, in Dresden, unter ihm innerlich ganz fremden politischen Bedingungen, dennoch gute und partnerschaftliche künstlerische Arbeit zu leisten.

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          Wahr ist auch, dass diese früheren Aufnahmen, so sorgfältig ausgearbeitet und unprätentiös dienend sie sind, noch nicht jene federnde, verlockend leuchtende, naturgewachsene Selbstverständlichkeit, jenen Drive und Esprit haben, denen man in seinen bislang letzten Jahren begegnet. Das gilt selbst noch für seine Zyklen um die symphonischen Werke Carl Nielsens, entstanden in den frühen Siebzigern mit dem Dänischen Radio-Symphonieorchester, und jenen von Jean Sibelius, zwanzig Jahre später mit dem San Francisco Symphony Orchestra. Auch eine Serie mit den Symphonien Ludwig van Beethovens gibt es, aus Dresden. In diesen Jubiläumstagen lernen wir eine neue kennen, diesmal mit dem Leipziger Gewandhausorchester: weniger auffällige Rubati, flottere Tempi (was auch seine Beschäftigung mit der historisch orientierten Aufführungspraxis und der Philologie belegt), weniger dezidiert ausgestellte Bläser-Schönheiten, aber eine noch gesteigerte, prickelnde Dynamik des Ganzen.

          Dieser neue Zyklus ist reifer, gewiss; aber er wirkt dabei nicht älter, sondern jünger – bis hin zu einer fast kindhaften, elementar durchschlagenden Freude etwa am mitreißenden Elan der Ecksätze in der Siebenten. Da ist etwas, wo einem nochmals das Wort „Güte“ ankommt – auf dem Umweg über eine Aufforderung, die nicht besonders lebenspraktisch, aber wunderbar geträumt ist: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ So steht es, als einziger hervorgehobener Satz eines Tausend-Seiten-Romans, bei Thomas Mann im „Zauberberg“. Und so klingt es bei Herbert Blomstedt.

          Quelle: F.A.Z.

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