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Philip Glass wird achtzig : Ein unverwechselbarer Grenzgänger

Philip Glass: Ein Komponist mit unverwechselbarer Handschrift. Bild: Imago

Der Erfolgskomponist Philip Glass wird achtzig. Über einen zielstrebigen Klaviatur-Abenteurer mit weitläufig verzweigenden Spuren.

          Auch Revoluzzer kommen in die Jahre. Dieser aber nicht: Philip Glass. Er ist heute immer noch der fröhliche Abenteurer, als der er einst, 1963, nach Paris zog, um in der Komponistenschmiede Nadja Boulangers das Fürchten zu lernen. Gleichsam zu Ehren der Boulanger schrieb er anschließend seine „Music in Fifths“, die sich nur aus Quintparallelen zusammensetzt, einer Fortschreitung im vierstimmigen Satz, die in der abendländischen Kompositionspraxis als fluchwürdigster Fehler und als das übelste aller Verbrechen gilt.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Danach hatte Glass eine Menge durchzumachen. Es gab eine Zeit, da verglich man ihn hierzulande mit Gioachino Rossini oder Antonio Vivaldi (was nicht nett gemeint war). Später nannte man ihn einen Giganten des Gelegenheitswerks. Oder man schrieb seiner Oper „Einstein on the Beach“, die er 1978, gemeinsam mit Robert Wilson, an der Met herausbrachte, den Urknall-Charakter und Kultstatus von Richard Wagners „Parsifal“ zu. Oder man erkannte in seinem Ensemblestück „Music in 12 Parts“ aus den Siebzigern eine zeitgemäße Neuauflage der Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach – immerhin kann beides als eine Art Kompendium kontrapunktischer Techniken verstanden werden, mit didaktisch-enzyklopädischem Anspruch und insofern für genussbereite Hörer durchaus ermüdend, auch wegen außerordentlicher Länge (das Glass-Werk dauert vier Stunden).

          Der Zettel „minimalism“

          Und jetzt behauptet sogar der junge isländische Pianist Víkingur Ólafsson, dass die Étude für Klavier Nr. 20, die er soeben für die Deutsche Grammophon aus Gründen des aktuellen Glass-Jubiläums frisch eingespielt oder, genauer, in reichlich Pedal eingetunkt hat, an ein spätes Intermezzo von Johannes Brahms erinnere.

          An dieser Aufzählung unproduktiver Missverständnisse, die sich beliebig verlängern ließe, ist abzulesen, wie unmöglich es war und immer noch ist, diesen unerhört produktiven amerikanischen Erfolgskomponisten in eine Schublade zu sortieren; an der zwar, das gehört inzwischen zum abfragbaren Quizwissen, der Zettel: „minimalism“ klebt. Doch ist der amerikanische Aufstand gegen Struktur und Verlaufsform des abendländischen Werkbegriffs, wie ihn Philip Glass, Steve Reich, Thierry Riley und viele andere seelenverwandte Künstler aller Sparten in den Sechzigern anzettelten, längst Geschichte geworden.

          Zwischen Opern und Werbespots liegt die verramschte Ewigkeit

          Und er hat, obgleich stilistisch nie einheitlich reduziert auf nur die Repetition rhythmischer Patterns, in der populären Musik ebenso wie in der klassischen Avantgarde so weitläufig sich verzweigende Spuren hinterlassen, dass man das eine mit dem anderen, Pop und Klassik, inzwischen manchmal sehr schön verwechseln kann. Nur die Originale, die Aufständischen von damals, agieren nach wie vor unverwechselbar. Man erkennt die Handschrift von Philip Glass sofort, nach nur wenigen Sekunden Musik, an ihrer Direktheit.

          Das gilt für die frühen Werke ebenso wie für die Filmmusikohrwürmer und ambitionierten Streichquartette, für die großen Opern-Botschaften und die kurzen kulinarischen Werbespots, die er für American Express vertonte. Ausnahmen bestätigten die Regel: Für die Klavierparaphrase auf „The Sound of Silence“, die Glass als Hommage an den Popsong, insbesondere aber an Paul Simon schrieb, gilt es nicht. Das Klavier ist nach wie vor sein Hauptinstrument, obgleich Glass als Kind mit Geige und Flöte begann.

          Das Grenzgängertum bleibt sein Markenzeichen, obgleich er eine bilderbuchartig zielstrebige Ausbildung absolvierte und bereits während seiner Studienzeit an der Juilliard-School mehr als siebzig Stücke schrieb. Geboren in Baltimore als Sohn eines Schallplattenhändlers, hatte Glass sich von frühester Jugend an stets für beides interessiert: für das Einfache und das Komplizierte, den Ewigkeitswert und den Ramsch, für Aussortiertes und Mainstream. Heute Abend wird das Linzer Brucknerorchester unter Dennis Russel Davies in der Carnegie Hall die elfte Symphonie von Philip Glass zur Uraufführung bringen, zur Feier seines achtzigsten Geburtstags.

          Quelle: F.A.Z.

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