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Aribert Reimann wird achtzig : Ein Einzelgänger, der mitten im Leben steht

Der Komponist und Pianist Aribert Reimann Bild: Picture-Alliance

Ausdrucksstark, vielfach begabt und immer wild begeistert: Der Komponist Aribert Reimann ist ein Tausendsassa und wurde, dem Rat eines Lehrers folgend, zum Außenseiter. An diesem Freitag wird er achtzig.

          Komponieren ist die brotloseste aller Künste. Das gilt immer noch, trotz Gema, trotz Urheberrecht, beinahe wie zu den Zeiten Bachs. Von der Aufführung ihrer Werke leben jedenfalls die wenigsten. Wer sich heutzutage den Luxus leistet, Musik zu erfinden, der muss, will er sich nicht gleich auf Gebrauchsmusik verlegen, den Lebensunterhalt quer finanzieren durch Stipendien, Residenzen oder Lehraufträge, bei denen er wiederum Kompositionsschüler ausbildet, die dann ihrerseits Stipendien, Residenzen brauchen. Und so weiter: Was Wunder, dass sich in der zeitgenössischen Musikszene immer wieder Seilschaften, Clans und Schulen bilden.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Eines Tages gab der Komponist Boris Blacher einem seiner Schüler, er hieß Aribert Reimann, nachdem der ein Stück hatte zur Aufführung bringen können, den Rat: „Musikfeste sind nichts für Sie. Halten Sie sich an alles, was außerhalb geschieht.“ Wo außerhalb?

          Reimann erinnert sich gern daran, er zitiert diesen Satz oft. Zuletzt tat er dies öffentlich in seiner Dankesrede, als ihm vor fünf Jahren der Ernst-von-Siemens-Musikpreis verliehen wurde. Es sei ja nicht nur so, erklärte er, dass er sich von Blacher bestätigt fühlte. Vielmehr war dies einer jener Schlüsselsätze, die das Leben verändern. Blachers „außerhalb“ bezeichnet recht eigentlich ein „innerhalb“, nämlich jenen machtgeschützten, keineswegs resonanzfreien Raum, darin ein Bewohner des Elfenbeinturms seine eigne Handschrift finden muss. O-Ton Reimann: „Ich wusste damals: Ich werde ein Außenseiter sein. Entweder glückt es mir oder nicht.“

          Die erste Komposition mit zehn Jahren

          Es ist ihm, kann man dankbar sagen, geglückt wie selten einem. Aribert Reimann, multipel begabter Spross einer Berliner Musikerfamilie, hatte schon mit zehn Jahren sein erstes Lied komponiert („Herbstklage“, nach Lenau). Auf den weitblickenden Rat seiner Sänger-Mutter hin hatte er sich zwar als „Brotberuf“ den eines Pianisten erwählt, war auch als Liedbegleiter sehr erfolgreich und wirkte als solcher nachhaltig. Der Lehrstuhl für Liedbegleitung in Berlin ist letztlich sein Verdienst, Projekte wie die Kissinger Liederwerkstatt, für die er komponiert, sind essentiell. Das Komponieren betrieb Reimann, neben dem Sängerbegleiten, stets als Hauptsache.

          Bis heute liegen mehr als siebzig Werke vor, nicht nur Lieder, auch Quartette, Ballette, Konzerte, Kantaten, Kammermusiken aller Art, gleich zwei Requien und sieben abendfüllende Opern nebst einer Kammeroper. Mit dem „Lear“ nach Shakespeare, mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelrolle, gelang Reimann 1978 der Durchbruch. Mehrfach nachgespielt, gehört die lebensprühende Tragödie heute zum Repertoire als ein Klassiker der Moderne. Und spätestens seit dem „Lear“ wird Reimann, der sich nie einer Seilschaft oder Schule anschloss, als Meister seines Faches anerkannt auch von den Kollegen.

          Obgleich er, nach Reimann-Art, romantisch komponiert: verständlich in Phrasen und klangrednerischen Gestalten, atonal, zuweilen zwölftönig, niemals elektronisch, spatial, bruitistisch oder dekonstruierend – und stets expressiv, in der Tradition Weberns und Bergs. Folgte die „Gespenstersonate“ (1984) nach Strindberg, folgten „Troades“ (1986) nach Euripides, das „Schloss“ nach Kafka (1992), „Bernarda Albas Haus“ nach Lorca und zuletzt, triumphal uraufgeführt 2010 in Wien, „Medea“.

          Exorbitante Melodielinien

          Für jedes dieser großen Opernwerke erfand Reimann eine eigene Textur, dem jeweiligen Stoff gemäß. Dass es Reimann-Opern sind, ist zu erkennen erstens an den zuweilen exorbitanten Melodielinien, mit denen er Sänger an ihre Grenzen führt, die aber direkt aus dem Gesang der Menschenstimme heraus entwickelt sind. Zweitens an ihrer Welthaltigkeit. Jedes seiner Werke hat eine humanistische Botschaft. Nichts, was Reimann schreibt, ist je unpolitisch gewesen.

          Als ein Einzelgänger arbeitet er, trotz der Erfolge, bis heute, exterritorial. Lebt und webt zugleich mitten in unserer Musikgesellschaft. Man trifft ihn zwar so gut wie nie bei den einschlägigen Events. Aber man kann ihm immer wieder unverhofft über den Weg laufen in irgendeinem Opernhaus oder Konzertsaal. Zuletzt traf ich ihn an der Garderobe der Deutschen Oper Berlin nach der Premiere der „Sache Makropulos“. Natürlich war er wieder begeistert. Und er hatte es, wie immer, eilig. Zurzeit schreibt er, in seinem Turmzimmer am Berliner Roseneck, fieberhaft an seiner neunten Oper, nach Maeterlinck, die 2017 uraufgeführt werden soll. An diesem Freitag feiert Aribert Reimann seinen achtzigsten Geburtstag.

          Quelle: F.A.Z.

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