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Veröffentlicht: 14.02.2017, 13:16 Uhr

De Sade auf Zürichs Bühnen Ihr seid die letzten Menschen

Zürich gibt sich de Sade hin: Alvis Hermanis inszeniert Mishima, Milo Rau mutet behinderten Schauspielern „Die 120 Tage von Sodom“ zu.

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© Tanja Dorendorf / T+T Fotografie Lisa-Katrina Mayer, Kuan-Ling Tsai, Miriam Maertens, Friederike Wagner und Susanne-Marie Wrage in „Madame de Sade“

Es fließt Blut in Zürich. Es wird kopuliert, gestöhnt und geredet, vergewaltigt und gefoltert. Hosen werden heruntergelassen, Augen ausgestochen, Bauchdecken aufgeschlitzt, Glieder abgetrennt. Eine junge Frau wird gekreuzigt, eine andere skalpiert. Man sieht das im Detail, wie im Splatterfilm, weil es gefilmt und auf eine große Leinwand projiziert wird. Das Theater erkundet seine Grenzen. Doch keinem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut. Mitunter wird gelacht, die Sache soll wohl noch vergnüglich sein. So war es eigentlich nicht gedacht, weder beim nationalrevolutionären japanischen Putschisten Yukio Mishima, dessen Stück „Madame de Sade“ Alvis Hermanis inszeniert, noch bei Pier Paolo Pasolinis mehrfach verbotenem Film „Die 120 Tage von Sodom“, den Milo Rau jetzt mit geistig behinderten Darstellern der Theatergruppe „Hora“ für die Bühne adaptiert hat.

Hubert Spiegel Folgen:

Zwei Züricher Theaterabende, die sich auf de Sade berufen. Mishimas verbal-erotisches Konversationsstück über den abwesenden, weil im Gefängnis sitzenden Marquis ist bei Hermanis eine Ausstattungsorgie mit Rokoko und Kimono, gewaltigen Allongeperücken, Kabuki-Theater und spitzen Kampfkunstschreien, die aus schmachtenden Mündern dringen. Lippen zittern lustvoll, Augen werden gerollt, Hände gerungen. Sechs Schauspielerinnen, darunter Sunnyi Melles und Friederike Wagner als Schwiegermutter und ungeliebte Ehefrau de Sades, brillieren in einer Inszenierung, die massenhaft schöne Bilder produziert, aber nie auch nur andeutet, worauf sie eigentlich hinauswill.

44770164 © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie Vergrößern Sunnyi Melles mit Kuan-Ling Tsai am Schauspielhaus

Milo Rau hingegen hat in de Sades „Schule der Ausschweifung“ besonders gut aufgepasst. Sie lehrt, dass die tiefste Erniedrigung des Menschen, die völlige Zerfetzung seiner Würde droht, wenn Anarchie, Macht, sexuelle Lust und Gewalt amalgamiert werden und der Mensch seinesgleichen als Material benutzt.

Ohne menschliches Material nicht denkbar

„Salò oder die 120 Tage von Sodom“ spielt in den letzten Tagen der faschistischen Herrschaft in Norditalien. Vier Männer - ein Fürst, ein Richter, ein Bischof und ein „Präsident“ - halten mit Hilfe von bewaffneten Soldaten einige Heranwachsende gefangen, junge Männer und Frauen, die sie sexuell missbrauchen, foltern, wie Tiere an der Leine führen, mit Exkrementen füttern und schließlich auf bestialische Weise töten. All dies geschieht allein zur Befriedigung ihrer Gelüste, die sie nur in der Gewaltausübung erfahren können. Pasolini bezog sich in seiner Darstellung der Erniedrigungsrituale auf Dantes „Göttliche Komödie“, de Sades Schrift „Die 120 Tage von Sodom“ sowie auf Berichte über die Qualen, die KZ-Insassen durch ihre Wärter erleiden mussten.

„Salò“, entstanden im Jahr der brutalen Ermordung seines Regisseurs und vielleicht das umstrittenste Werk der Filmgeschichte, klagt die faschistische Gewaltherrschaft an, erforscht auf den Spuren de Sades Theorie und Praxis der „sexualisierten Gewalt“, von der Klaus Theweleit im dringend zur Lektüre empfohlenen Programmbuch spricht, und wurde als Kommentar zur hedonistischen Konsumgesellschaft gedeutet. Milo Rau, Fachmann für theatrales Reenactment und stets auf der Suche nach Möglichkeiten zur Grenzüberschreitung, zieht nun, gut vier Jahrzehnte nach Erscheinen des Films, eine Linie von Faschismus, Euthanasie und Kleinbürgerkonsum zu Pränataldiagnostik, Abtreibung und zum Theater selbst, das ohne menschliches Schauspieler- und Zuschauermaterial nicht denkbar ist.

44769964 © Toni Suter / T+T Fotografie Vergrößern Pasolinis Hochzeitsfolter: Michael Neuenschwander, Nora Tosconi, Matthias Grandjean, Noha Badir, Julia Häusermann und Nikolai Gralakim im Zürcher Schiffbau

Deshalb stehen neben vier Schauspielern des Schauspielhauses auch ein Dutzend behinderte Schauspieler auf der Bühne, die meisten von ihnen haben Trisomie 21. Neunzig Prozent der Embryonen mit Down-Syndrom werden in der Schweiz im Mutterleib getötet, heißt es im Stück: „Ihr seid die Letzten. Die letzten Menschen. Kommt keiner mehr nach.“

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