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Zuckmayers „General“ in Frankfurt : Des Teufels Blablabla

  • -Aktualisiert am

Umarmung unter Untoten: Martin Rentzsch als Harras und Lisa Stiegler als Anne in der Frankfurter Inszenierung von „Des Teufels General“ Bild: Birgit Hupfeld

Dass Carl Zuckmayers Kriegsdrama vom Teufelsgeneral sich überlebt hat, ahnte man lange. Das Schauspiel Frankfurt tritt nun mit einem luftlosen, gruftdunklen Abend den Beweis an.

          Um es gleich zu sagen: Es geht nicht. Das Stück hat sich - man kann ja nicht einmal finden: überlebt. Denn das setzte voraus, dass es je gelebt hat. „Des Teufels General“ von Carl Zuckmayer, begonnen 1942 im amerikanischen Exil, uraufgeführt 1946 im Schauspielhaus Zürich, danach viel gespielt und diskutiert, verfilmt (mit Curd Jürgens), dann in der Versenkung der Jahrzehnte verschwunden, war ja doch von vornherein: lebloses Papier.

          Außer der einen Pointe, die mehr zwischen den Zeilen der drei endlos langen, geschwätzigen Akte wabert, als dass sie deutlich und knapp ausgesprochen würde: Mitgegangen, mitgehangen! Aber daraus lässt sich kein Stück gewinnen. Nur ein Sentiment.

          Eine ganz normale Charakterschweinerei

          Dass da der Luftwaffengeneral Harras dem Herrn Hitler „die Bahn gebombt“ hat und nun wirklich und wahrhaftig, wie es der an sich abgrundfiese SS-Kulturleiter Dr. Schmidt-Lausitz völlig zu Recht und sauber analytisch konstatiert, den Rahm, die Sahnehäubchen (Geld, Orden, Schnaps, Weiber, Ruhm) des diktatorischen Systems abschlecken, aber sich nicht die Hände schmutzig machen wollte - darin liegt keine Tragik. Kein Stoff für ein Drama. Nur für eine ganz normale Charakterschweinerei. Über sie kann man endlos diskutieren. Aber Absahner sind keine Figuren. Sie sind: Haltlosigkeiten.

          Harras macht ja, nachdem ihn die Gestapo am Kanthaken hat, weil in seiner Flugzeugproduktion Sabotage passiert und die Maschinen reihenweise abschmieren, „dem Teufel“ (das soll Hitler sein - zu viel der dämonischen Ehre!) nun „auch in der Hölle Quartier“. Will sagen, er geht sich mit einer der sabotierten Maschinen trudelstürzend selbstmorden.

          Und „Vater unser“, der liebe Gott, das „andere Deutschland“, „das ewige Recht“ und „Dich hätte ich heiraten sollen, Affenschmalz“ und „Vom Rhein sein, das ist wahre Rasse“ mischen sich als peinsame Kalendersprüche drein. Und weil Harras auch mal einem jüdischen Freund über die Grenze half, macht er sich Hoffnungen, dereinst in der Nach-Hitler-Zeit als „Ehrenjude“ sein Auskommen zu finden.

          Zuckmayer, der übergefühlige Allesversteher

          Währenddessen sind aber opportunistische Industrielle und deren karriere- und machogeile Nazissentöchter auch noch dabei, die schon in der Hitler-Zeit nach oben wollen. Andererseits ist aber auch dem Saboteur nichts zu schwer: Dieser lässt für kommende Generationen die Maschinen abstürzen. . . Bitte, es geht nicht. Zuckmayer, der übergefühlige Allesverstehende und auch noch seinen Feinden die Dramatikerbacke Hinhaltende, lässt zu viel nicht weg. Kein Drama. Ein Wust.

          Und wenn dann auch noch der allerbeste Harras-Freund und Flugstaffelführer namens Eilers, der immer an die Sache der Nazis glühend idealistisch geglaubt hat, während Harras ja nicht glaubt (sondern nur absahnt), mit einem wegen Sabotage defekten Jagdflugzeug an der Ostfront abstürzt, weswegen Harras in den Augen von Anne, der Frau von Eilers, „ein Mörder an Eilers“ ist, und wenn dies alles in („Schnauze!“) Männerschweiß und Frauenleid und Armagnac aufkocht, hat der Kitsch sein saures, wiewohl alkohol- und sentimentdauerumnebeltes Haupt so oft erhoben, dass es allen Nutznießern wie Opfern von Diktaturen freundlich wackelnd zunickt. Des Teufels General? Des Teufels Blablabla. Es geht nicht.

          Man legt sich zu den Figuren ins Eingesargte

          Wenn nun das Schauspiel Frankfurt das, was nicht geht, gehen machen möchte, was logischerweise in eine Stolperei münden muss, dann interessiert einzig daran, worüber sie hier stolpern. Man ist geneigt zu sagen: über ihre Köpfe. Darin spukt es. Leider. Kein Gedanke. Ein dunkles Gefühl. Man schmeißt sich unter Anleitung eines lahm-preziösen Spielvogts namens Mehler förmlich zu dem Stück hinunter: ins Abgestorbene. Man legt sich zu den Figuren ehrfürchtig und distanzlos (humorlos sowieso) ins Eingesargte.

          Die Bühne ist demnach eine tiefdunkle leere Gruft. Darin lauter dunkle Gestalten. Alle an der Wand lang. Von der sie, mal der eine, mal die andere, wegtreten und ihren Text sagen. Sehr pathetisch. Sehr laut. Sehr heftig. Sehr schnell. Sehr unverständlich. Es wird nicht gut gesprochen. Dafür werden einem aber wenigstens Nazi-Uniformen erspart. Die Regie kokettiert mit dem kragenspiegelfreien Hades.

          Harras (Martin Rentzsch), ein schmalköpfiger, weißhaariger Grübler im Totenhemd. Eilers (Isaak Dentler), ein Harscher im Totenfrack. Anne (Lisa Stiegler), die Eilers-Gattin, eine Harsche in schwarzen Totendessous, für die sie auch (Doppelrolle) als Harras-Geliebte Diddo Verwendung hat. Olivia (Andreas Uhse), Operettendiseuse, gewesene Geliebte des Harras, eine glatzköpfige Transe im busenlos dekolletierten Totenabendschleppenkleid. Pützchen (Franziska Junge), die geile Systemschnepfe, im eng anliegenden, figurbetonten Totencocktailkleid.

          Die Schauspieler erledigen dies alles sehr wacker, aber so, als steckten sie wie in Grabesklammern (zwischen sich und ihren Figuren). Tote ohne Begräbnis. Untote auf Bühnenzwangsurlaub, so uninspiriert, so bierernst hysterisch, so heilig hehr selbst noch in Zickigkeiten, als wollten sie sich dauernd mit „Heil Gruftler!“ statt mit „Heil Hitler!“ begrüßen.

          Wenn diese bedeutungsvoll ratternden Papiersprechmaschinen, zugeleimt mit schwarzem Kitsch, in den Augen der Regie eventuell sowieso nur mehr Gespenster sein sollen (oder so ähnlich) - wieso lässt man sie nicht in Frieden ruhen? Zumal sie unendliche Langeweile verströmen. Keine Luft in der Gruft. Den Alkohol hat die Regie ihnen vorsorglich gestrichen, was sehr komisch ist, wenn Harras dauernd „Jetzt trinken wir noch einen“ auffordert, aber sich nur eine Zigarette ansteckt. Kettenraucher statt Spiegeltrinker.

          Wie überhaupt derart wahnsinnig viel geraucht wird, dass man den dort kursierenden Tabakpäckchen die gesundheitsministerielle Aufschrift wünschen würde: „Rauchen macht impotent und gefährdet Ihre Vergangenheitsbewältigung“.

          Quelle: F.A.Z.

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