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Woody Allen, Klarinettist Der Applausneurotiker

22.03.2010 ·  Und dann hat er ja auch noch all diese Filme gemacht: Woody Allen ist mit seiner New Orleans Jazz Band auf Europatournee. Das Publikum im Münchner Gasteig war begeistert, heute geht es nach Berlin, dann nach Wien, Genf und Luxemburg. Ein bisschen Personenkult muss auch erlaubt sein.

Von Swantje Karich
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Sieben Musiker haben sich auf der weiten Bühne des Münchner Gasteigs zusammengefunden. Der Flügel ragt aus dem Rund von Trompeter, Posaunist, Banjo-Spieler, Schlagzeuger und Kontrabassist heraus wie der Bug eines Ausflugsdampfers, der zu freudigem Swing sogleich seine Fahrt aufnehmen wird. Die Zuschauer machen sich bereit für die musikalische Fahrt, denn Woody Allen ist zu Gast mit seiner New Orleans Jazz Band aus New York, wo sie gewöhnlich gemeinsam im wesentlich gemütlicheren Carlyle mit nur siebzig Plätzen auftreten.

Die ausverkaufte Philharmonie ist mit Filmkennern gefüllt; die Musik ist zunächst zweitrangig. Hier wird Personenkult betrieben. Sie sind gekommen, um Woody Allen zu erleben, um durch das Spiel dem Meister und dem, was er ihnen in seinen unzähligen Filmen versprochen hat, näherzukommen: einem Universum der Melancholie, Leidenschaft und Absurdität, aber auch viel tiefer Wahrheit. Die Verehrung scheint keine Grenzen zu kennen: Ein Mutiger springt auf die Bühne, um sich ein Autogramm zu holen. Der stehende Beifall ist sicher.

Woody Allen hat einmal gesagt, dass der Applaus für ihn nur zu ertragen sei, weil er wisse, dass er nicht nur ihm gelte. Und so zieht sich Allen auf der Bühne in den Schutz der Gruppe zurück. Der kleine schmächtige Mann mit dem grauen schütteren Haar und der schwarzen Brille hat seine Beine hart übereinandergeschlagen, als suche er nach der passenden Körperspannung. Er ist ganz bei sich und seiner Klarinette. Der Oberkörper bleibt aufrecht, nur das Spiel walkt sein Gesicht durch. Für das Publikum gibt es eine kurze, liebevolle, bescheidene Ansprache: Sie seien hier, weil sie gerne gemeinsam spielten, sie würden sich freuen, dass man ihnen zuhören will, sagt er.

Seine Klänge sind die eines Profis

Nach seinen ersten melodischen Sololäufen greift sich Allen jedes Mal an den Mund und hält die Lippen in einer kurzen, schüchternen Geste fest, wie man es auch von Trompetenanfängern kennt, wenn die Lippen unangenehm vibrieren. Sein Blick wandert immer wieder zu Eddy Davis am Banjo, dem Leitstern der Band, als warte er auf ein lobendes Zeichen von einem Lehrer.

Doch Woody Allen hat nur auf den ersten Blick etwas von einem musikalischen Greenhorn. Mit dem eingespielten Mannschaftsgeist während „Down By The Riverside“, „After You've Gone“ oder bei der Jazzversion von „O Tannenbaum“ kommt auch bei ihm mehr Entspannung auf: Seine Lider senken sich, sein polierter Lackschuh hämmert im Takt. Woody Allen pflegt das Image des Hobbyspielers, doch seine Klänge sind die eines Profis.

Seine Rolle als berühmter Filmemacher wird von Lied zu Lied unbedeutender, und Eddy Davis weiß, wie er seine Rhythmus- und Melodiegruppe souverän und mit guter Laune durch den Abend führt. Jeder - außer Woody Allen - darf mal singen; die rauchige Stimme von Davis betört. Die sauberen Lagen vom Pianisten Conal Fowkes lassen träumen; ihm gehören überhaupt einige große Minuten des Abends. Die Rhythmen bringen das Münchner Publikum zum leichten Tanz auf den weichen Sesseln.

Ein Aufbäumen gegen die Grenzen der Kondition

Und Woody Allen? Er findet derweil auf seiner Klarinette zu seinen ganz eigenen jazzigen Triolen. Ein „dirty tone“ ist ihm immer lieb, er meidet die allzu gefälligen Melodien. Und als man schon gar nicht mehr an den Regisseur Woody Allen denkt, taucht in seinem Spiel auf einmal die vergnügliche Zwanghaftigkeit seiner Filme auf: Woody Allen treibt sein Instrument flackernd an die Grenze des Möglichen, nutzt die Klarinette für sperrige Gegenmelodien.

Fast meint man, ein leichtes Klagen aus ihrem Ton herauszuhören, ein Aufbäumen gegen die einsetzende Erschöpfung und die Grenzen der Kondition. Allen ist immerhin schon vierundsiebzig Jahre alt. Hundert Minuten spielt er nahezu pausenlos. Nach der dritten Zugabe ist er am Ende, nimmt seinen kleinen Klarinettenkoffer, schwenkt ihn zum Abschied und schickt das glückliche Publikum nach Hause.

Heute Abend im Berliner Tempodrom, am 24. März in der Stadthalle Wien, tags darauf in der Genfer Arena und am Freitag in der Luxemburger Philharmonie.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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