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Wolfgang Rihm zum Sechzigsten : Er macht ja doch, was er will!

Der Lehrling: Wolfgang Rihm 1984 Bild: Peter Peitsch

Von Mantra und Tierkreis zu Komposition und Paraphrase: Wie es dem jungen Wolfgang Rihm gelang, bei Karlheinz Stockhausen zu studieren, ohne Jünger zu werden.

          Im Frühsommer 1972 legt Rihm in Karlsruhe die Abiturprüfung ab und fast gleichzeitig an der Musikhochschule sein Staatsexamen in Komposition und Musiktheorie. Er ist fertig. Er verschwendet keine Zeit, er will nach Köln, zu Stockhausen.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Rihm bewirbt sich nicht im Sekretariat der Hochschule, sondern persönlich beim Meister. Stockhausen antwortet postwendend, er unterschreibt mit grüner Tinte: „Lieber Herr Rihm, heute bekam ich Ihren burschikosen Brief, und ich kann zwischen den Zeilen lesen. Kommen Sie also vorbei... Allerdings schicken Sie eine Partitur mit der Anmeldung und bitten Sie um die Mitteilung, wann die Aufnahmeprüfung ist. Die Aufnahmeprüfung besteht aus dem Vorspielen, -singen, -was-auch-immer eines eigenen Werkes. Anschließend möchte ich eine kleine Klausur mit den Anmeldenden machen. Ich gebe eine Formel als Material, und die Anmeldenden schreiben ein Stück damit. Wenn Sie aber mit mir arbeiten wollen, so muss es klar sein, dass Sie wenigstens zwei Jahre nichts anderes vorhaben. Sonst gehen Sie besser woanders oder nirgendwohin. Freundlich grüßt Sie K. Stockhausen“.

          Bei der Partitur, die Rihm daraufhin nach Köln schickt, handelt es sich um die fertigen Teile von „Morphonie“. Wiederum reagiert Stockhausen postwendend, er schreibt eindeutig eine Ablehnung - verbunden mit einer ebenso eindeutigen Ermutigung: „Ihre Partituren habe ich gelesen und ich sage Ihnen, lieber Herr Rihm, dass es besser für Sie ist, wenn Sie nicht mehr an einem Kompositionsseminar teilnehmen. Wenn Sie die Ohren und Augen weit aufmachen, können Sie alles selber lernen. Wenn Sie Aufführungen dieser Stücke hören, werden Sie auch sofort herausfinden, womit Sie nicht einverstanden sind, und an welchen Stellen ES passiert ist. Meine Kritik kann an diesen Stücken nichts ändern. Alles hängt davon ab, ob die Struktur Ihres Wesens rein ist und sich im weitesten Maße intuitiv bestimmen lässt. An beiden habe ich meine Zweifel. Aber diese Hauptarbeit müssen Sie jetzt selber an sich leisten. Machen Sie ein gutes Abitur! Alles Liebe von Ihrem Stockhausen.“

          Der Meister: Karlheinz Stockhausen 1989
          Der Meister: Karlheinz Stockhausen 1989 : Bild: ©Marcello Mencarini/Leemage

          Wieder ist die Unterschrift grün. Es versteht sich, dass Rihm sich nicht abschrecken lässt. Wer würde denn nicht gern genauer wissen, was „ES“ ist in der Musik und an welchen Stellen „ES passiert“?

          Vor dem Abendbrot beim Meister das Gebet

          Im Sommer 1972 zieht Wolfgang Rihm aus der Karlsruher Wohnung der Eltern aus und um nach Köln. Seine erste eigene Wohnung ist billig, sie liegt in Köln-Kalk, rechtsrheinisch, also auf der domabgewandt „falschen“ Rheinseite, der „schäl Sick“. Der Vater überweist ihm monatlich 400 Mark, die in aller Regel nach drei Tagen aufgebraucht sind, weil zunächst immer erst einmal die Schulden des Vormonats beglichen werden müssen, und zum Jobben, wie es andere Studenten tun, hat Rihm einfach keine Zeit. Er muss komponieren. In Köln gewöhnt er sich an, alles nach Möglichkeit zu Fuß zu erledigen. Es bleibt dies die einzige Sportart, die Rihm, neben dem gelegentlichen Schwimmen in Kies- oder Berg-Seen und anderen gratis und chlorfrei begehbaren Gewässern, bis heute betreibt.

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