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Wolfgang Borchert : Unser Krieg ist wieder da

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Klug inszeniert, grandios gespielt: Bocherts Heimkehrerdrama „Draußen vor der Tür” am Staatstheater Saarbrücken Bild:

„Draußen vor der Tür“ passt zu Afghanistan. Wolfgang Borcherts Soldatentragödie von 1947 war Jahrzehnte vergessen. Jetzt ist in Saarbrücken zu bestaunen, dass sie das Stück der Stunde ist.

          In einer Trauerrede für gefallene Bundeswehrsoldaten sprach Verteidigungsminister von Guttenberg kürzlich davon, dass angesichts des Todes Worte versagen. Eine ehrenwerte Geste der Demut vor den Hinterbliebenen. Doch der Minister sprach damit auch eine grauenerregende Wahrheit aus: Würden wir das Sterben in Afghanistan vollständig erfassen, wir würden erdrückt von der Verantwortung.
          Wer ein Menschenleben rettet, so lautet eine altjüdische Redewendung, rettet die Welt. Im Umkehrschluss heißt dies, wer einen Menschen tötet, vernichtet die Welt. Das ist der Kern von Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“, geschrieben 1946 und uraufgeführt 1947 in den Trümmern Hamburgs, einen Tag nachdem Borchert mit sechsundzwanzig Jahren gestorben war. Sein nach drei Jahren sibirischer Gefangenschaft heimkehrender Unteroffizier Beckmann fühlt sich verantwortlich für den Tod von elf Soldaten, die er auf Befehl seines Oberst in ein Himmelfahrtskommando zwang.

          Gewissen als Gefühlsduselei

          Fühlt sich? Nein, er ist verantwortlich, sagt Borchert. Zwar lässt er seinen Beckmann den Oberst aufsuchen und ihn fragen, ob dieser drei- oder eher zehntausend Männer in den Tod gehetzt habe. Doch die elf, die er dem Vorgesetzten zusätzlich aufs Gewissen laden will, bleiben auf seinem eigenen lasten. So gnadenlos, wie Borchert diese Rechnung aufmacht, führt er seinen Protagonisten durch die Höllen der Selbsterkenntnis, bis nur ein Ausweg bleibt: die missglückte Selbsttötung des Anfangs erfolgreicher zu wiederholen.

          Nicht von der Seite weicht ihm „Der Andere“, sein alter ego, mal personifizierter Lebenswille, mal Gestalt gewordenes Gewissen. Von ihm getrieben, versucht Beckmann in ein neues geordnetes Leben zu gelangen. Doch immer trifft er alte Schuld und häuft neue auf: Als eine junge Frau Beckmann aufnimmt, erkennt er, dass er Tisch und Bett eines Gefallenen besetzen würde. Seinen Oberst trifft er als rehabilitierten Familienvater an, der Gewissen als Gefühlsduselei und Kriegsneurose verhöhnt. Der Kabarettdirektor, dem er vorsingt, setzt ihn wegen fehlenden Optimismus auf die Straße. Die elterliche Wohnung, wo er unterkriechen will, weil seine Frau sich anderweitig liiert hat, ist besetzt. Die neue Mieterin berichtet, dass die Alten, um dem Verhungern zu entgehen, den Gashahn aufdrehten. Womit der Vater den Tod gewählt hat, den er zuvor lautstark den Juden gegönnt hatte.

          Larmoyantes Gutmenschenwerk

          Seinen Sohn, der einjährig bei einem Bombenangriff zerfetzt wurde, hat Beckmann nie gesehen, er begegnet ihm aber allnächtlich in seinen Albträumen. So viel Grauen, Blut, Elend. Man weiß, dass das im Deutschland des Jahres 1947 keine Ausnahme war, fragt sich aber, ob all das für die Bühne nicht Überfrachtung heißt. Zumal noch allegorischen Figuren hinzukommen: Gott, den das Massenschlachten zum greinenden Greis gemacht hat; der Tod, der fortwährend infolge Überfressenheit rülpst; und die Elbe, die Beckmann anfangs das Ertrinken verweigert, weil sein Leidensmaß noch nicht voll sei.

          Das Publikum 1947 kannte solche Skrupel nicht - „Draußen vor der Tür“ wurde Deutschlands meistgespieltes Stück, erschütterte 1949 in einer Inszenierung Erwin Piscators sogar Amerika, stieg während der fünfziger und sechziger Jahre zur Schulpflichtlektüre auf - und verschwand nach 1968. Nun galt das Drama als Indiz für Mitscherlichs „Unfähigkeit zu trauern“, ein larmoyantes Gutmenschenwerk über einen, wie Friedrich Luft schon 1947 schrieb, „Hiob mit Hoffärtigkeit im Ducken“.

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