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William Forsythe in London : Tanz wie in einer grob hingeworfenen Skizze

  • -Aktualisiert am

„A Quiet Evening of Dance“ im Londoner Sadler’s Wells Theatre. Bild: Bill Cooper

Spielwitz, wo bist du? Das Londoner „Sadler’s Wells Theatre“ zeigt William Forsythes „A Quiet Evening of Dance“.

          Im Falle von William Forsythe, 68, konnte man sich 2015, als er seine letzte deutsche Company aufgab, fragen, ob seine überwältigende Tanzbegabung sich nicht ästhetisch, sondern in seinem eigenen Erleben intellektuell erschöpft hätte und er womöglich die Lust verloren haben könnte, choreographisch zu denken. Stärker schien er von den Möglichkeiten der bildenden Kunst inspiriert zu sein als von jenen der Bühne. Seine eindrucksvolle Installation „Black Flags“ etwa, die er 2017 bei Larry Gagosian präsentierte, zeigte roboterbewegte schwarze große Flaggen.

          In einer imposanten, auf existierenden Bühnenchoreographien von Forsythe basierenden Bewegungsabfolgen tanzten die Flaggen miteinander, hielten in spannungsvollen Positionen zueinander überraschend inne, um dann in erschreckendem Tempo aus den Höhen herabzufahren, alles zu den schönen Raschelgeräuschen der Weltraumseide und dem verzaubernden Surren der 100.000 Euro teuren Maschinen aus der Autoindustrie. Das war brillant.

          „Blake Works“ für die Pariser Oper holte 2016 die Popmusik des britischen Musikers James Blake auf die Bühne des Palais Garnier, hatte aber gar nichts von der schwarzen Magie der Flaggeninstallation, sondern stellte die jüngsten Tänzer der Oper in ein Licht, das sie zugleich unschuldig und sexy wirken ließ; man könnte es als eine Art Instagram-Ballett beschreiben. Das Emotionale der klassischen Gesten, das Sichverzehrende und nach etwas Verlangende, das Über-diese-Welt-Hinausgehende wirkten an dem jungen und technisch brillanten Ensemble so selbstverständlich, dass der Überzuckerungseffekt sich erst ganz am Ende der Choreographie einstellte. Verbunden mit Blakes heiserer Stimme, den unirdischen, wie Streicher eingesetzten elektronischen Klängen und den interessant synkopierten Rhythmen blieb dann dieser Eindruck zurück: einem Stück mit dem Willen zum programmatisch Populären zugeschaut zu haben.

          Nervös machende Qualität

          Auf Effekte zu setzen wie Blake in seiner Musik scheint auch ein anhaltender Impuls für Forsythe zu sein. Weniger um den Nachhall seines eigenen Starruhms zu verlängern, scheint er in diese aufsehenerregende Richtung zu gehen, als vielmehr um seinem Glauben, seiner Mission, das Ballett ins einundzwanzigste Jahrhundert hinüberretten zu wollen, Nachdruck zu verleihen. Aber es ist ein bisschen wie mit allen Plänen, die die Welt retten oder die eine Milliarde Umsatz kreieren sollen, es ist leicht, sich das vorzunehmen, aber sehr wenig konkret. Es ist wie ein leichtes Unbehagen beim Zuschauen, wie ein nagendes Gefühl unter der Oberfläche des Bewusstseins, dass da etwas nicht stimmt, wenn man manche jüngeren Stücke Forsythes betrachtet. Sie sind wie ein großer Plan, der doch nicht ganz aufgeht.

          Im Londoner „Sadler’s Wells Theatre“ war der zweiaktige, achtzigminütige, „A Quiet Evening of Dance“ überschriebene Premierenabend von ähnlich nervös machender Qualität beschaffen. Viele schöne einzelne Momente, und hier auch weitgehend unsentimental verwobene Armgesten und Schritte, erinnern an Choreographien, die Zuschauern weltweit das Gefühl gaben, der ganze Irrsinn, das babylonische Sprachengewirr und die emotionale Verwirrung des Lebens in der Gegenwart habe einen wunderschönen, verwirrenden und witzigen, hintersinnigen und verspielten Ausdruck gefunden.

          Unauffällig-auffällig gekleidete Artisten

          Herumgeschobene Scheinwerfer, über den Bühnenboden tanzende Seile und ein Versteckspiel hinter Wänden, unter Perücken und Zelten, wie es frühere großartige Stücke nutzten, um auch den Theaterraum aufzureißen und als leere, hohle, unheimliche Antisinnerzeugungsmaschinerie zu enttarnen, fehlen hier im Sadler’s Wells völlig.

          War es nicht auch William Forsythe, der den Sockentanz erfand, und sahen nicht die Füße seiner Tänzer in diesen meistens grauen Strümpfen so elegant aus und so cool? Trugen sie nicht jene von herbstlichen Farbpaletten geprägten schlichten Trikots und T-Shirts, die Stephen Galloway so unnachahmlich passend für jeden auswählte – so dass etwa Dana Caspersens weiße Haut noch heller und kostbarer schimmerte? „Quintet“, „Kammer/Kammer“ oder „Decreation“ sind unvergessliche Werke. Sie so unauffällig-auffällig gekleidet vorzutragen, darin musste man eine Fortsetzung der Tanzgeschichte sehen insofern, als es der Revolutionär vor ihm, George Balanchine war, der seine Tänzer in New York in schlichten Trikots auf die Bühne geschickt hatte – seit den vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.

          „A Quiet Evening of Dance“, dessen erste Hälfte aus exerzitienhaft spröden Duetten besteht – ein Alphabet, bei dem nicht gelacht werden darf –, spielt in der zweiten Hälfte zu Musik von Jean-Philippe Rameau, erweitert die Duette auch mal zu größeren Formationen und heitert die Stimmung der Tanzenden etwas auf. Das Publikum ist berührt davon, Tänzer aus früherer Zeit wiederzusehen, den großartigen, hier aber sehr ernsten Ander Zabala etwa. Es ist auch berührt von den unglaublich faszinierenden Auftritten des Rauf „Rubberlegz“ Yasit, eines Breaker-Solotänzers, der mit Forsythes Idiom flirtet. Aber in den Socken stecken Turnschuhe, und deren aufgepumpte Sohlen lassen die Füße immer platt aussehen.

          Die Wände sind schwarz, die Kostüme matt, Rameau zu spielen eine Entscheidung vom Nachmittag der Premiere, das Licht ist hart. Anders als bei den Pariser Tänzern ist hier von geführten, schwingenden Armen nichts mehr zu sehen. Getanzt wird wie in einer grob hingeworfenen Skizze. Ja, das hat seine Schönheiten. Warum aber ist Forsythes Werken das Tanztheater abhandengekommen, der Spielwitz, das Abgründige, das Literarische, die Philosophie, der herrliche Wahnsinn, das Bewusstsein, dass nicht zwei Menschen in derselben Welt leben, und wenn sie doch allein sind an einem Strand („Woolf Phrase“), mit demselben Wellenrauschen im Ohr?

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