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Fragen Sie Eleonore Büning : Wieso fangen zu Weihnachten plötzlich alle mit dem Singen an?

Stimmungsvoll und schon lange vorher ausverkauft: das traditionelle Weihnachtssingen des 1. FC Union Berlin im Stadion „An der Alten Försterei“ Bild: Picture-Alliance

Auch wenn die Musikindustrie das anders sieht: Es gibt gute Gründe, an Weihnachten selbst zu singen. Und gute Orte dafür. Zum Beispiel das Stadion des 1. FC Union in Berlin-Köpenick.

          Weil es so dunkel ist. Aus therapeutischen Gründen. Man sagt, das Kind fürchte sich weniger allein im schwarzen Wald, wenn es laut singt. Und Winterzeit ist viel schlimmer als Wald, wir müssen da jetzt gemeinsam durch, auch wenn wir alle besser durchschlafen sollten, wie der braune Bär, das wäre gesünder, gescheiter, nur ist es volkswirtschaftlich nicht tragbar. Obwohl: Viele Menschen wollen angeblich gar nicht mehr selbst Weihnachtslieder singen. Sie hören, sagt Florian Drücke, der Geschäftsführer vom Bundesverband Musikindustrie, lieber zu, wie andere singen.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Gerade vorgestern brachte Herr Drücke wieder mal seine allfällige adventliche Pressemeldung heraus, die den Verkauf der Weihnachts-CDs in letzter Sekunde noch mal ankurbeln soll. „Fast neunzig Prozent der Deutschen hören am Weihnachtsabend Musik“, heißt es darin, das habe eine „repräsentative Umfrage“ ergeben, auch würden „die Deutschen“ immer noch viel lieber CDs auflegen als Downloaden und Streamen. Das widerspricht allerdings allen anderen Statistiken so brutal, dass der Eindruck, Herr Drücke selbst könnte sich damit gerade ein bisschen was vorsingen, im finsteren Wald, schwer abzuwehren ist. Anschließend gibt er noch paar Hinweise, was die Deutschen so am liebsten auflegen, wenn sie sich um den Gabentisch versammeln, nämlich „weihnachtliche Popsongs“ dargeboten von Mariah Carey oder Chris Rea. Oder so.

          Oder: Max Raabe. „Auf die beste Art Amerikanisch“ (O-Ton seines Arrangeurs) singt Raabe auf seiner neusten CD „Ihr Kinderlein kommet“, mit einer kleinen Prise Pseudo-Swing und einer großen Portion Ranschmeißerei. Ich liebe den Raabe, wirklich. Gerade wegen seines intonatorischen Silberblicks, und, natürlich, weil er aus Lünen kommt. Diesmal kann man den Kinderlein aber nur den guten Rat geben, ganz schnell wegzulaufen, sie bekommen sonst schlimme Leibschmerzen oder eine Mittelohrentzündung. Stapelweise liegt diese und ähnliche frisch produzierte Weihnachtsliederpest zurzeit wieder auf dem Redaktionsschreibtisch herum und schlägt dort Wurzeln. Niemand will sich so was ausleihen. Kein Kollege fragt nach. Und jedes Arrangement ist verlogener, fettiger, schlampiger, dilettantischer und auf die schlimmste Art billiger als das andere. Jedes Jahr derselbe Mist. Warum muss, bei allen Heiligen, immer die Musik dafür herhalten, wenn der Kundschaft parasitär unter die Haut und ins Gemüt gekrochen wird, nur, um den Umsatz zu steigern?

          Ganz großes Kino ohne Swing-Lüge

          Es ging aber dieser Tage noch eine andere Pressemeldung über den Ticker. Betrifft: den 1. FC Union in Berlin-Köpenick. Zwei Wochen nach Start des Ticketverkaufs für das Weihnachtssingen im Stadion An der Alten Försterei war alles ausverkauft, bei Ebay werden Restkarten versteigert, an Meistbietende. Ein nicht unerheblicher Teil jener zehn Prozent der Deutschen, von denen Drückes Statistik weiß, dass sie keine seiner Weihnachtslieder-CDs hören, versammelt sich nämlich hier, alle Jahre wieder, am 23. Dezember um 19 Uhr. Auch Feinde, beispielsweise Hertha-Fans, sind willkommen und wurden letztes Mal gesichtet, in kleinen blauweißen Portionen zwischen all dem Unions-Weiß-&-Rot, denn Weihnachten ist das Fest des Friedens. Summa summarum passen etwa 28.500 Menschen in das Stadion hinein, seit 2015 müssen, wegen Überfüllung, Eintrittskarten ausgegeben werden, fünf Euro für den Stehplatz, zehn für den Sitzplatz. Kinder, Kerzen, rotweiße Liederbücher, aber auch Kälte, Nässe und Dunkelheit sind gratis. Ein Schulchor in der Stadionmitte gibt den Ton an, und am Ende singen alle noch mal „Eisern Union“ von Nina Hagen.

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          Bei Youtube kann man sich gar nicht sattsehen daran. Aus dem Selbersingen von „Ihr Kinderlein kommet“, ohne Swinglüge, nur Eins-Zwei-Drei und los, wird ganz großes Kino, suchterregend, offenbar auch ansteckend, denn seit letztem Jahr gibt es Nachahmer, im Kölner Rhein-Energie-Stadion, zum Beispiel. Trotzdem kann es, von mir aus, jetzt ruhig schnell wieder warm und hell draußen werden. Gegen die These vom gruppentherapeutischen Dunkelheitwegsingen spricht nämlich, dass es auch ganz wunderbare Weihnachtslieder gibt aus Italien, Spanien, Brasilien und Afrika.

          Quelle: F.A.S.

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