Es ist eine alte Geschichte. Das vergangene Theater gegen das neue Theater. Der alte Dramatiker gegen den jungen Dramatiker. Wer siegt? Wer kriegt die Preise? Und wer die Frauen? Und wenn das auch noch zum Thema eines dramatischen Werks wird - umso lustiger, umso vernichtender auch.
In Tschechows Komödie „Die Möwe“ (1901) erschießt sich der junge Dramatiker Kostja (Ende zwanzig), der die Zukunft mit wilder symbolischer Dichtung stürmen und die Liebe zu einer Frau erzwingen wollte, die ihn nicht will. Der alte, ausgeschriebene Dramatiker und Schriftsteller Trigorin (Anfang vierzig), dem auch die Frauen einfach zufallen, die er nicht will, zuckt mit den Achseln. Und schreibt willenlos weiter.
In den „Fröschen“ des Aristophanes (405 vor Christus) werden die großen Dramatiker Aischylos (der Alte) und Euripides (der Neue) von Dionysos aus dem Jenseits geholt, um gegeneinander anzutreten. Die Totenbeschwörung als Zweikampf. Um Versmaß und Moral und Götterdienst. Der alte Aischylos kriegt vom konservativ reaktionären, aber gnadenlos witzigen Aristophanes die Palme zugesprochen - vor dem progressiven Euripides. Und der Chor der attischen Frösche quakhöhnt volksmäßig dazu. Die Alten machen das Rennen. Weil sie die Strecke kennen.
Frösche und beschworene Tote spielen auch eine Rolle im neuen Stück des (noch) jungen Schriftstellers Daniel Kehlmann (siebenunddreißig), in dem sich der alte, berühmte Dramatiker Benjamin Rubin (fünfundsechzig) und der junge, unbekannte Dramatiker Martin Wegner (Anfang dreißig) in der alten Villa einer Kulturstiftung treffen.
Es gibt gar keinen Rubin-Preis
Rubin soll „Der Mentor“ (so der Titel von Kehlmanns Stück) für Martin sein und mit ihm an Martins neuem Drama arbeiten. Dafür bekommen beide je zehntausend Euro. Rubin verreißt Martins Stück. Martin verteidigt sein Stück. Das Stück heißt „Namenlos“. Rubin: „Warum geben Sie ihm keinen Namen?“
Der Kampf beginnt. Mit einer Lüge?
Zu Beginn tritt Martin an die Rampe und verkündet stolz, wie wunderbar damals die Zusammenarbeit mit Rubin gewesen und wie herrlich es sei, dass er heute, zwanzig Jahre später, als erfolgreicher Dramatiker einen Preis entgegennehmen dürfe, der den Namen von Rubin trage.
Der Kampf endet. Mit einer Lüge?
Am Ende tritt Benjamin Rubin an die Rampe und höhnt, er habe keine Ahnung, was aus Martin geworden sei. Er, Rubin, sei ja auch kurz darauf gestorben. Und gründlich vergessen. Reclam drucke ihn schon länger nicht mehr nach. Einen Preis, der seinen Namen trage, habe es nie gegeben.
Kehlmann, der in seinen Romanen („Die Vermessung der Welt“) und in seinem ersten Theaterstück („Geister in Princeton“) der Wirklichkeit und der Wissenschaft, die er als intelligenter Fleißarbeiter besser durchforscht als alle seine jungen Schriftstellerkollegen, den Boden unter den Füßen wegzieht, treibt ein hübsches Doppelspiel. Der Hauptgrundsatz im „Mentor“ lautet: Es kann alles sein, wenn wir es wollen; und wenn wir wollen, dass es nicht war, dann war es nicht. So lassen sich auch Tote beschwören.
Eine dialogschwerelose Komödie
Und mit diesem Zweideutigkeitshauptgrundsatz in Herz und Unterleib kommt eventuell Gina, die junge Frau Martins, in Benjamin Rubins Bett - wenn sie gewollt haben würde, dass es so sei. Es bleibt in der Willensschwebe. Es ist der Wille zum Willen, der den Witz von Kehlmanns gut gemachter, dialogschwereloser Konversationskomödie ausmacht.
Sagt der eine: „Wenn Gott will“, sagt der andere: „Er wird schon wollen. Er will ja meistens.“ Sagt der eine: „Sie haben den Anschluss an so gut wie alles verpasst“, sagt der andere: „Reiner Blödsinn macht noch kein Geheimnis.“ Hat der eine, der Alte, sein berühmtestes, reclamheftgeadeltes Stück „Der lange Weg“ mit vierundzwanzig, aber danach nichts Wesentliches mehr geschrieben und ist also ein alt gewordener Jungdramatiker - wird der andere, der Jungdramatiker von heute, vom Theater nur als Materiallieferant verachtet, mit dem die Regisseure machen, was sie wollen.
Und für die Schlagzeile „Die Stimme einer Generation“, mit der ein Kritiker ihn werbewirksam einst bedachte und an die Martin sich klammert wie an einen Kunststrohhalm, kann er sich nichts kaufen, denn der Kritiker ist längst tot. Gestorben an einer schizogenen Geisteskrankheit, die ihn zu unbedachten Äußerungen trieb.
Funkensprühend, Punkt für Punkt
Wozu der Chor der Frösche im Garten der Villa höhnisch quakt, wobei Martin offenbar mehr Angst davor hat, dass ein Frosch, also die Natur, in sein Schlafzimmer eindringt, als dass er als Schriftsteller scheitern könnte. Zumal er ja nur den Willen haben muss, sich für einen guten Schriftsteller zu halten. Denn die Wahrheit liegt nicht in der Kulturstiftung. Die Kultur stiftet der Kopf, der mit den Wahrheiten spielt.
Kehlmanns Stück ist ein Capriccio, bei dem jeder Punkt den anderen Punkt funkensprühend verändert, sobald er ausgesprochen und ausgespielt ist: eine einzige witzige Unschärferelation. Martin haut ab, nachdem Rubin ihn fertiggemacht und Gina ihm beigebracht hatte, dass sie eigentlich lieber ein Kind als ein Stück von ihm wollte.
Er kommt wieder, findet Teile seines Stückes, das er in den Froschteich warf, Blätter, an denen Rubin hymnische Anmerkungen ( „exzellent!“) notiert hatte. Wollte Rubin nur die junge Frau des jungen Dichters? Wollte er sein Alter noch einmal durch eine Jugendvernichtung aufhalten? Worum ging es? Was ihr wollt.
Was das Wiener Theater in der Josefstadt mit dem „Mentor“ wollte, wird in der Uraufführungsinszenierung des Hausherrn Herbert Föttinger nicht klar. Beziehungsweise allzu schnell klar. Abgesehen davon, dass drei Tage vor der Premiere der große alte Distanz- und Zwielichtspieler Michael Degen, der den Rubin spielen sollte, krankheitsbedingt ausfiel und Föttinger selbst im Schnelldurchgang die Rolle übernahm - was aller Handwerksehren wert ist! -, bleibt die Bühne seltsam hohl.
Nicht mehr alle Tassen im Schrank
Hinten nur ein paar Leitern und Kulissenversatzstücke. Auf dem Boden jede Menge weißer Kies, darauf ein paar Gartenmöbel. Föttinger gibt den alten Dramatiker als gaumigen, gut konservierten Boulevard-Bonvivant mit Trenchcoat und Sonnenbrille. Witze über Whisky („,Johnny Walker’ ist wie Hustensaft“) oder Todesursachen („Das Nichtrauchen hat mir auch nicht geholfen“) und seine Gina-Anmache mittels Tango-Klammer-Tanz bringt er, als stelle er vorsichtig Tassen in einen Schrank, in dem seine Figur sie längst nicht mehr alle hat.
Und wo Kehlmann das Uneindeutige luftig umspielt, da knirschen Ruth Brauer-Kvam als harmlose, lieblich verhuschte Lächel-Gina, die mit dem Alten umstands- und zweideutigkeitslos in die Eroskiste steigt, und Florian Teichtmeister als die sympathische Blassbuben-Version eines Jungdramatikers lauter Eindeutigkeiten in den Kies.
Die Pointen fallen hier, aber sie zünden nicht. Das leichte Stück ist zu schwer für schauspielerische Leichtgewichte. Die richtige Uraufführung wäre noch frei. Für Schwergewichte, die das Leichte können.