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Wiener Grantler Dauererregung in der Würstlküche

 ·  Ferdinand Raimunds Stück „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ überschüttet das Publikum mit Missgunst, Neid und Schizophrenie. In Wien brüllt der Kabarettist Andreas Vitásek das Drama einer Wahnvorstellung in die Welt.

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Wenn es bei einem normalen Menschen im Kopf zu rappeln beginnt, ist das meist ein schlimmes Zeichen. Ein Dramatiker jedoch sollte aus seiner Angst und seinem Hass ein Bühnenstück formen und seine Neurosen laufen lernen lassen. Dem Wiener Theatermacher Ferdinand Raimund - instabile, hochsensible Persönlichkeit mit manischer Depression - ist das um 1830 wundervoll gelungen. Statt zum Arzt ging dieser arme Zuckerbäcker zum Theater. „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ erzählt, nein: brüllt das Drama einer umfassenden Wahnvorstellung in die Welt. Den Verfall einer Persönlichkeit, die als Geisterfahrer auf der gesellschaftlichen Autobahn nurmehr die Gegenfahrbahn kennt und alle - liebende Gattin inklusive - von der Piste fegt, die ihm regelgerecht entgegenkommen. Anderswo komplett zu Unrecht vernachlässigt, wird dieses brandstiftende Biedermeierstück wenigstens in und um Wien gepflegt. So jetzt am Volkstheater.

Und in Gestalt von Direktor Michael Schottenberg kocht hier der Chef selbst. Seine souveräne Regie versetzt den Alpenkönig, wohin er gehört: ins Reich der Bilder. In einem Saal des Kunsthistorischen Museums verspricht die Phantasiegestalt dem kleinen Malchen und ihrer Lebensliebe August (süß: Andrea Wenzl und Matthias Mamedof), ihren wildgewordenen Menschenfeindsvater von seiner Raserei zu heilen und die Liebenden zusammenzubringen. Was die böse Wirklichkeit in der werdenden Weltstadt Wien mit ihren Obdachlosen, Dienstboten, Hungerleidern, Betrügern - und sie alle kommen vor - nicht leisten konnte, muss im Theater der tröstende Troll leisten.

Psychogramm eines Wiener Grantlers

Und so werden die Bilder per Bühnenzauber Wirklichkeit, öffnen sich zum schrägen Bürgersalon, den dann der wutentbrannte Hausherr Rappelkopf mit Genuss kurz und klein schlagen darf. Mit dieser Gestalt ist Raimund das frühe Psychogramm des wildgewordenen Wiener Grantlers gelungen: Vor lauter Selbstliebe zum Fremdhasser geworden, bis übern Gaumen angefüllt mit Missgunst, Neid, Niedertracht. Andreas Vitásek, bekannter Wiener Kabarettist, gibt diesen Dauererregten als brüllendes, mit Galle angefülltes Riesenkaschperl.

Wer seinen Ergüssen über die Schlechtigkeit der Welt zuhört, begreift, woher all die misanthropischen Theatermacher, Weltverbesserer, Billigesser Thomas Bernhards stammen: aus der Würstlküche des wundersamen Wiener Volkstheaters. Ein Wunder auch, dass Vitásek am Ende seiner etwas überlauten Parforcetour als gewandelter Pater familias überhaupt noch Stimme hat, sich mit den Seinen wieder zu versöhnen. Für die philosophisch-lustigen Couplets fehlt ihm aber leider auch vorher schon das Organ.

Es rappelt grauslich im Karton

Der überzeitliche Reiz dieses Stücks liegt in einer ewigen Wiener Lokalspezialität: der Psychologie. Wenn der imaginäre Alpenkönig (nobel: Thomas Kamper) den echten Rappelkopf ganz real verdoppelt, haben wir es mit einer Persönlichkeitsspaltung zu tun, die Raimund bei einem Pistolenduell der Doppelseele auf die schizophrene Spitze treibt. Und der wundervoll sanfte Heinz Petters hat als Onkel Moritz beim Zwiegespräch mit seiner Souffleuse und dem Autor die Gelegenheit, alle Theaterkonventionen ganz nebenbei hoppszunehmen. Es rappelt so grauslich im Karton, dass es schon wieder lustig ist. Ferdinand Raimund, der sich aus Todesangst erschoss, hat das Duell mit sich selbst nicht überlebt. Glücklicherweise aber vorher noch sein Theatertestament gemacht.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

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