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Wiener Festwochen Neun Stunden, neun Leben, neun Schauspieler

14.05.2010 ·  Das erste große Oberflächen-Drama des Internetzeitalters: Der kanadische Theaterzauberkünstler Robert Lepage verwebt in „Lipsynch“ Schicksal, Tod und Liebe zu einer Komödie der Zufallsverknüpfung.

Von Gerhard Stadelmaier
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Am Anfang fliegt ein Flugzeug über die Bühne. Man sieht davon aber nur den elegant großen, längs aufgeschnittenen Rumpf. Es ist der Lufthansaflug Frankfurt–Montreal. Überm Rumpf sieht man Wolken jagen, Positionslichter blinken. Sterne funkeln. Eine Stewardess schiebt einen Getränkewagen durch den Gang an den Passagieren vorbei, deren schattenhafte Silhouetten in ihren Sitzen dämmern oder sich in leisem Plaudern zueinander neigen. In der letzten Sitzreihe lässt eine junge südamerikanische Frau einen Plüschteddybären von ihrem Schoß fallen, neigt den Kopf zur Seite. Und stirbt. Ein Baby in der Tasche neben ihr fängt an zu schreien.

Neun schwerelos leichte Aufführungsstunden, neun komische, verrückt-schreckliche Welten, neun sagenhafte, unglaubliche Geschichten, neun tolle Dramen später schaut der erwachsene Jeremy, der damals im Flugzeug als Baby in der Tasche lag, seiner toten Mutter ratlos liebend und sehnsüchtig trauernd in die Augen. Er hat soeben von einem Videoband, das sie kurz vor ihrem Tod besprach, die furchtbare Lebensleidensgeschichte und Lebensbeichte seiner Mutter erfahren.

In neunundneunzig von hundert Fällen geht sowas schief

Jetzt nimmt er sie sozusagen vom Videoschirm herunter, hält das Phantom seiner Mutter in den Armen, in denen sie wie frisch von einem Kreuz abgenommen in Pietà-Haltung hängt. Dazu singt die Opern- und Oratoriensängerin Ada „Wohin ist mein geliebtes Kind verschwunden?“ in höchsten, tremolierend trauernden Pathos-Tönen zu Musik aus Henryk Mikolaj Góreckis dritter Sinfonie. Sie saß damals auch im Flugzeug und nahm sich, exakt so tief erschüttert und berührt wie jeder Zuschauer, der mit ansieht, wenn eine Mutter stirbt und ihr Kind allein lassen muss, des mutterlosen Babys an. Adoptierte es, erzog, liebte, ernährte, bildete, verzog und belog es. Verlor es: ans Leben. Und findet es jetzt wieder: in einer Fügung.

In neunundneunzig von hundert Theaterfällen würde ein Unternehmen, das als Muttertod in den Wolken beginnt und als Video-Kreuzabnahme endet und sich als Inszenierungsmarathon über die Länge eines ganzen Arbeitstags erstreckt, entweder im lähmenden Kitschwust ersticken – wenn die Geschichte nach Höherem strebte; oder in wirrem Konzeptionssumpf versinken – wenn die Geschichte ins Tiefe drängte. Beide Unglücksfälle wären deutsche beziehungsweise europäische Ansatzmöglichkeiten.

Alles steht im Dienste der Figuren

Der Kanadier Robert Lepage jedoch, Jahrgang 1957, nennt sein freies Theaterensemble aus Québec ein „Théâtre sans frontières“ (Theater ohne Grenzen), seine Produktionsfirma „Ex machina“. Und wie ein phantasievoller, grenzenloser Maschinist nutzt der Theater- und Filmregisseur, der Dramatiker und Bühnenbildner Lepage die ganze Welt nicht unbedingt als Bühne, aber als Ansammlung von Fäden, die er verwebt, durchschießt, verknotet, auseinanderlaufen lässt, wozu er uralte Bühnentricks und neueste Technik, Video und Internet, die simpelsten Effekte und die raffiniertesten Überrumpelungen mischt. Wenn zum Beispiel in einer dunklen Kirche hinter magisch leuchtenden Kirchenfenstern im Winter die elektronischen Schneeflocken wirbeln. Oder wenn in einer Londoner U-Bahn-Station das Stationsschild „Covent Garden“ einfach an zwei Waggonfenstern vorbeigezogen wird, so dass der Eindruck eines ein- oder ausfahrenden Zuges entsteht.

Nichts aber bei Lepage führt sich als Technik, sei sie uralt oder blitzneu, selber vor, alles steht im Dienst einer Geschichte, von Figuren, von Menschen, denen er so nahe, so liebevoll, so neugierig auf die Pelle rückt wie selten ein Regisseur neben ihm. Dabei sind seine Produktionen schöne Unfertigkeiten: Sie gehen auf Reisen in alle Welt und wachsen und weiten sich dabei. Sein „Lipsynch“, das er jetzt bei den Wiener Festwochen zeigt, kam 2007 in Québec in fünf Teilen heraus und hat jetzt neun erreicht.

Soviele Fäden, soviele Schicksale

Lepage gelingt darin sozusagen das umgekehrte Wunder der Penelope. Die Frau des auf der Heimkehr von Troja verschollenen Odysseus webte ja, um die Freier abzuhalten, die an Haus und Hof und Frau ran wollen, jeden Tag an einem Teppich, den sie über Nacht heimlich wieder auftrennte, um so nie zu einem Ende zu kommen. Lepage webt in „Lipsynch“ einen Teppich beziehungsweise ein Netz, in dem alle Fäden und Maschen und Menschen und Stimmen und Schicksale zusammenkommen, obwohl oder gerade weil sie nichts miteinander zu tun haben und so verwoben sind, dass zwischen sie tausend andere passen und sie allesamt nie zu einem Ende, höchstens zu einem Momentbild kommen.

Vielleicht ist „Lipsynch“, in dem es (auch) um die Möglichkeit geht, wie einer mit der Stimme (dem Text) eines anderen sprechen kann, so eine Art erstes großes Oberflächen-Drama des Internetzeitalters: eine Komödie der Wahnsinns- und Zufallsverknüpfung, eine Tragödie der Menschenverlorenheit, und natürlich eine Soap-Opera der Slapstick-Schicksalsklicks.

War die Mutter wirklich eine Freiheitskämpferin?

Eine Handlung ist da kaum zu erzählen, man muss die Fäden und ihre Knüpfstellen, die Zufalls- und Schicksalsabenteuer diverser umherschießender Weberschiffchen verfolgen. Der Opernsängerin Ada hilft bei der Baby-Adoption ein Lufthansa-Aushilfsjobber namens Thomas, der eigentlich Medizinstudent (Neurologe) ist. Dieser wird später in London ein berühmter Chirurg, zieht mit Ada, die er zufällig in der U-Bahn trifft, zusammen, vergrault aber deren Adoptivsohn. Thomas, alkoholsüchtig und mit einem Tremor geschlagen, verliebt sich in eine seiner Tumorpatientinnen, die Jazz-Sängerin ist und nach der Tumoroperation mühsam das Singen und Sprechen wieder lernen muss, als Synchronsprecherin arbeitet, dort einen Film synchronisiert, den Jeremy, das inzwischen erwachsen und Filmregisseur gewordene Adoptivbaby, über das Schicksal seiner Mutter dreht. Diese wurde als Prostituierte von Nicaragua nach Hamburg verkauft, was Jeremy nicht weiß, der glaubt, seine Mutter habe gegen die nicaraguanische Diktatur gekämpft.

Seinen Film jedoch verlegt er melodramatisch ins deutsch-jüdische Exilanten- und Spanische-Bürgerkriegs-Milieu. Der Chef des Studios aber, das Jeremys Film synchronisiert, ist mit einem BBC-Nachrichtensprecher befreundet, dessen Schwester und er in ihrer Kindheit sexuell schwer sexuell missbraucht wurden; seine Schwester spürt ihn im BBC-Studio auf, er aber will von seiner Vergangenheit und seiner Schwester nichts mehr wissen, die aber bei der ehemaligen Stimmbildungslehrerin der Opernsängerin als Haushaltshilfe arbeitet, während der BBC-Bruder sich vor einen Zug wirft, dieweil die Dreharbeiten an Jeremys Film in eine Besetzungs-, Eifersuchts-, Synchron- und Stimmen- und Sexual-Slapstickkatastrophe münden, wobei ein Faustschlag des Regisseurs auf die Nase des Schauspielers, der es gerade mit der Regisseursgeliebten treibt, als „Directors Cut“ gefeiert wird.

Nichts wird erzwungen, alles hingenommen

Die Schwester der als Synchronsprecherin arbeitenden Jazz-Sängerin aber wird von ihrer Schizophrenie dadurch geheilt, dass sie schwierige surreale Gedichte dichtet, während der Inspektor von Scotland Yard den Tod des BBC-Sprechers untersucht, dessen Synchronstudio-Freund aber zur Beerdigung seiner Vaters, des berühmtesten Komikers der Kanarischen Inseln, reist, wobei die Beerdigung samt Restflatulenzen der verkehrt im Sarg verstauten Komikerleiche zu einer unglaublichen Farce gerät. Bis am Ende Jeremy seine tote Phantommutter in Armen hält, nachdem ihm die Schauspielerin, die in seinem Film seine Mutter spielte, ein Baby geboren hat.

Dies ist und wirkt aber nicht so, als sei es einem Regisseurshirn entsprungen. Es wirkt, als folge es überhaupt keinem Willen, sondern nur einer irrwitzigen Natur, die so klar und raffiniert einfach dargestellt wird, wie sie gerade kommt. Nichts wird erzwungen, alles hingenommen. Wie vom dramatischen Himmel gefallen. Als wundervolles Geschenk eines Weltengottes, der ihnen die Schrecken und die Erlösungen, Tod, Wahnsinn, Liebe und Zufall zuteilt. Und sie wären die großherzig demütigen Kinder dieses Gottes.

Das Stück hat alles, was Theater-Herrlichkeit ausmacht

Auf der Bühne werden nur wenige Elemente und Segmente bewegt, die vom Flugzeugrumpf zum Operationstisch, vom Synchron- zum Filmstudio zum Auto zur Wohnküche, von der Andenkneipe zum Reeperbahn-Bordell werden. Es herrscht in vier Sprachen (Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch) das, was jedes Theater zur Herrlichkeit erhebt, wenn es glückt: unaufhörliche Verwandlung.

Auch die glänzenden Schauspieler aus aller Herren Welt bewegen sich von einer Rolle in die andere, haben aber alle neun ihre Grundrolle, deren Namen (Ada, Thomas, Jeremy, Marie, Michelle, Sarah, Jackson, Sebastian und Lupe) den einzelnen Szenen den Titel geben: urkomische, traurige, berührende, tolle Verwicklungsverknüpfungspunkte, die zusammen das schönste Theaterabenteuergewebe der letzten Jahre uns vor die glücklichen Augen halten.

Leider ist nach neun Stunden schon alles vorbei.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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