11.04.2011 · Wie Transitreisende in einer Wartezone: Am Deutschen Theater Berlin wird Judith Herzbergs Trilogie „Über Leben“ in der Regie von Stephan Kimmig zum grandiosen Generationen-Epos und zur Wiederentdeckung der Saison.
Von Irene BazingerDas Wort „Familienbande“, sagte einst Karl Kraus, hat einen Beigeschmack von Wahrheit. Davon sind auch verwandtschaftlich verbundene jüdische Sippschaften nicht ausgenommen, wie nun im Deutschen Theater Berlin zu sehen ist. Über ein Dutzend Menschen mehrerer Generationen küssen und schlagen sich da, beschuldigen und entschuldigen sich, integrieren beherzt Nichtjuden, bleiben einander über Zeit und Raum höchst nahe, selbst wenn die Begegnungen seltener werden. In diesem Clan sind zwar nicht alle gleich, aber sie sind einander in ihrer Unähnlichkeit auch nie fremd. Was sie vereint, ist die zentrale Erfahrung des Holocaust, die - ob direkt oder vermittelt - ihr Dasein bestimmt. Was sie trennt, ist ihre individuelle Weise, mit diesem Trauma als Betroffene, Nachgeborene, Angeheiratete, Bekannte umzugehen.
Erschaffen hat dieses bunte Völkchen die meisterliche niederländische Dramatikerin, Lyrikerin und Übersetzerin Judith Herzberg (Jahrgang 1934), deren Stücke „Leas Hochzeit“ (1982), „Heftgarn“ (1995) und „Simon“ (2002) Stephan Kimmig jetzt unter dem Titel „Über Leben“ inszeniert hat. Sie spielen zwischen 1972 und 1998 vorwiegend im Wohnhaus des Ehepaars Ada und Simon in Amsterdam und thematisieren - meist so beiläufig wie nachdrücklich - die Fliehkräfte der Erinnerung und die Anstrengungen, in der Gegenwart heimisch zu werden, wenn die mörderische Vergangenheit alle Begriffe von Heimat, Sinn, Liebe zerstört hat. Die Personen erzählen wenig, sie reden viel - doch auch das eher kurz, knapp, fast ungereimt. Die wunderbare Poetin Judith Herzberg lässt sie sich in über 120 kleinen, manchmal winzigen, wie zufällig aneinandergereihten Szenen äußern, die sich erst im Kopf des Betrachters zu einem plastischen Panorama ergänzen. Keine großen Geschichten, kein theatralisches Brimborium, sondern lose, schroffe Fragmente einer Realität, die sich jeder organisch zusammenhängenden Darstellung entzogen zu haben scheint: So spiegelt die Form der Dramen mit ihren komplexen Shortcuts die tiefere Wahrheit dieser Figuren, denen Halt, Vertrauen und Gewissheit zu prekären Kategorien geworden sind.
Verlorene Puppen
In der Regie von Stephan Kimmig wirken die siebzehn Schauspieler immer wie Transitreisende in einer abgeschlossenen, gar nicht bis spärlich möblierten Wartezone. Zwischen hohen, im Bühnenbild von Katja Haß aus Holzplatten mit Fugen und Spalten provisorisch aufgestellten Wänden stehen die Menschen in „Leas Hochzeit“ demonstrativ entspannt herum. Wer nichts zu sagen hat, dreht dem Publikum oftmals den Rücken zu. Dann wieder wird alles mit ungenierter Neugier beobachtet, ob Leas aktueller dritter Ehemann Nico plötzlich mit seiner Ex-Frau knutscht oder sein Freund Hans die Hose öffnet und der hysterischen Pien seine Narben präsentiert.
Im zweiten Teil, „Heftgarn“, kehren Ada und Simon von einer Reise zurück, während der ihre Tochter Lea ihr Haus renovieren ließ. Das Mobiliar hinten auf der rotierenden Drehbühne ist mit weißen Tüchern geschützt, die Personen setzen sich wie verlorene Puppen dazwischen. Das Tempo der assoziativen Miniaturen, die an der Rampe stattfinden, hat sich melancholisch verlangsamt. Die Maskenbildner haben danach im letzten Teil, „Simon“, erstklassige Arbeit geleistet, damit das Ensemble entsprechend älter aussieht. Die Jungen sind wütend, weil die Eltern, denen die Vergangenheit überaus kompliziert vorkommt, kaum von früher berichten wollen. Ob sie in einer langen Reihe nebeneinander verharren oder eine bizarre Polonaise bilden, alles hängt mit jedem zusammen - und das wird in Judith Herzbergs grandioser Trilogie so beklemmend amüsant geschildert wie in Stephan Kimmigs trefflicher Interpretation unaufdringlich sichtbar gemacht.
Der Seele beraubt
Viereinhalb Stunden dauert der Abend, er ist wegen der famosen Dialoge und der vitalen Figurenzeichnung keinen Moment langweilig. Die klug komprimierte Fassung und der unangestrengte Ernst, mit dem sich Kimmig diesem Familienepos nähert, lassen trotzdem nicht vergessen, dass gerade in „Leas Hochzeit“ ein breiteres rhythmisches Spektrum und in „Heftgarn“ weniger nummernhafte Rampenseligkeit die elegante Virtuosität der Texte und ihre lyrische Brillanz noch verstärkt hätten. Der Regisseur, der schon 2000 in Stuttgart die ersten beiden Stücke unter dem Titel „Über Leben“ inszeniert hatte, beweist viel Liebe für Judith Herzbergs Geschöpfe, doch mehr szenisches Temperament hätte nicht geschadet, um sie couragierter in Spiel- und Sprechlaune zu bringen.
Mithin ist auch das gut besetzte Ensemble durchweg überzeugend, ohne zu überwältigen, etwa Susanne Wolff (Lea), Maren Eggert (Dory), Christine Schorn (Riet), Simone von Zglinicki (Duifje), Meike Droste (Pien), Peter Moltzen (Alexander), Daniel Hoevels (Nico), Jörg Pose (Hans), Michael Gerber (Klempner) oder Markwart Müller-Elmau (Zwart). Christian Grashof als Simon und Almut Zilcher als Ada, die einstigen KZ-Insassen, liefern die ergreifendsten Charakterstudien von Menschen, denen die nackte Existenz geblieben ist, aber die Seele geraubt wurde.