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Plácido Domingo in Salzburg : Was das liebende Ohr erreicht

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Die Textur der Stimme ist rauher geworden, aber eine gute Figur macht er immer noch: Plácido Domingo in Salzburg. Bild: Salzburger Festspiele / Marco Borrelli

Plácido Domingos Stimme hat sich im Lauf der Jahrzehnte verändert. In Salzburg bereitet der 76-Jährige seinem Publikum in Giuseppe Verdis „I due Foscari“ einen traurig schönen Abend.

          Wenn eine Oper bei einem Festival nur konzertant aufgeführt wird, mag dies vom Misstrauen in ihre theatralischen und vom Vertrauen in ihre musikalischen Qualitäten zeugen und zudem davon, dass Sänger-Oper vom Publikum nicht als Todsünde angesehen wird. Wenn dies in Salzburg mit der Aufführung von Giuseppe Verdis erstem Dogen-Drama ,,I due Foscari“ geschieht, des Komponisten sechster Oper, so müssen berühmte Sänger aufgeboten sein. Der Weltruhmesglanz kam nach etwa einunddreißig Minuten in Gestalt von Plácido Domingo in der Bariton-Partie des Dogen Francesco Foscari auf die Bühne. Und wenn es eine Frage gab, welche die Melomanen quälte, so die, ob er denn wenigstens einen Teil der Qualitäten gerettet habe, denen er seinen Ruhm verdankt wie in der Tenor-Partie des „Don Carlo“, womit er vor 42 Jahren in Salzburg debütiert hatte. Dies umso mehr, als er seine ewig treuen Bewunderer vor drei Jahren als Graf Luna in „Il Trovatore“ bitter enttäuscht hatte.

          Seine darstellerischen Qualitäten hatte er danach in der größten Charakter-Partie Verdis – der des Simon Boccanegra – offenbaren können. Und nun nach dem Genueser Dogen der venezianische: Francesco Foscari. Für die Oper griff Verdis Librettist Francesco Maria Piave auf ein fünfaktiges Drama von Lord Byron über das Foscari-Geschlecht in Venedig zurück. Nicht die Stadt, deren Anblick ein Traum ist, bildet die Kulisse, sondern die Stadt einer repressiven Oligarchie, der verborgenen Grausamkeiten und gnadenlos rachsüchtiger Kämpfe. Sie führten dazu, dass Francesco Foscari, der 1423 den Dogenthron bestiegen hatte, 34 Jahre später erleben musste, dass sein Sohn Jacopo durch eine infame Intrige in die Verbannung und schließlich in den Tod getrieben wurde, während er selbst auf den Beschluss des Zehnerrats auf seinen Titel verzichten musste.

          Sorgfältige dynamische Nuancierung

          Es war Michele Mariotti, dem Leiter des Teatro Comunale di Bologna, zu verdanken, dass nun in Salzburg die von Verdi selbst benannten Qualitäten der Oper zur Geltung kamen: Feinheit und Pathos, vor allem aber der heiße Atem Verdischer Kantabilität. Dem jungen Dirigenten gelang es, dem Mozarteumorchester eine große Dosis italianità zu injizieren und alle Farben der orchestralen Palette auszubreiten, nicht zuletzt die der Holzbläser: magisch etwa der Einsatz der Klarinette im Preludio, die quasileitmotivisch das Thema des leidenden Jacopo Foscari anklingen lässt und auch, in Verbindung mit dem Fagott, die düster-fahle Atmosphäre der ersten Szene in einer Halle des Dogenpalastes malt; nicht minder eindringlich die ersten Takte des Vorspiels zum zweiten Akt, wenn Viola und Violoncello den Weg in den Kerker suchen, in dem der unschuldig verfolgte Jacopo die ewige Nacht beschwört. Mariotti, der nach bewährter Kapellmeisterart den Text mit den Lippen souffliert, gibt jeder Kantilene mit feinem Gespür für Temporückungen höchste Spannung, und er fordert immer wieder die Nuancen der Dynamik, gerade die messa di voce, jenes An- und Abschwellen der Stimme auf einem Ton, das nach alter Lehre die wichtigste Voraussetzung für den Ausdruck von Affekten ist.

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