27.07.2009 · Die Nase voll von Teddybären: Den „Fliegenden Holländer“ als Kinderoper zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele finden die jungen Zuschauer nur wenig komisch.
Von Julia Spinola, BayreuthErwartung und Realität klafften beim Beginn der diesjährigen Bayreuther Festspiele eigenartig auseinander. Die große Aufbruchstimmung, die seit der Ernennung der beiden neuen Festspielleiterinnen auf dem Grünen Hügel verbreitet wird, Elan und Tatendrang vor allem der zupackenden Katharina Wagner schienen angesichts des ewig gleichen Roten-Teppich-Rituals und einer unglücklicherweise ausgerechnet dieses Jahr premierenlosen Saison auf seltsame Weise zu verpuffen.
Alle zuvor lautstark verkündeten Neuerungen - die neu gestalteten, das heißt dem üblichen Allerweltsdesign angepassten Programmhefte, die Podcast-, Livestream- und Public-Viewing-Reklamen und eine Mitmach-Version des „Fliegenden Holländers“ für Kinder - verblassten als belanglose Mätzchen neben der puren Macht der Institution: dem imposanten Haus mit seiner rätselhaften Aura und seiner einzigartigen Akustik.
Gesten wirken platt und schematisch
Der Eindruck, dass sich an diesem Ort so schnell nichts ernsthaft bewegen lässt, hatte zugleich etwas Ernüchterndes und Tröstliches. Und die ins fünfte Jahr gehende „Tristan“-Inszenierung von Christoph Marthaler, die das todestrunken süchtelnde, mit unaufgelöstem Dauersehnen ins Uferlose ausgreifende Entgrenzungsdrama als Endzeitgeschehen in einem trostlos vor sich hin modernden, von Akt zu Akt eine Etage tiefer sackenden Bühnenraum von Anna Viebrock spielen lässt, passte zu diesem Eindruck nicht schlecht: Erfüllung ist eine Chimäre, scheint sie mit Wagner sagen zu wollen, doch als Fluchtpunkt all unserer tiefsten Sehnsüchte ist diese Chimäre womöglich das Realste, was wir im Leben haben.
Ohne einander auch nur anzuschauen, sitzen Tristan und Isolde auf ihren Hockern, während sie innerlich die Vorhöllen herniedersinkender Liebesnächte durchleben. Gegenüber der imaginierten und musikalisch realisierten Dauerekstase kann die Wirklichkeit nur scheitern. Die realen Gesten dieser Liebe wirken platt und schematisch. Dass der Vollzug die Phantasmagorie dieses Rausches nur verraten kann, hatte man dieser Inszenierung in den vergangenen Jahren so eindringlich noch nicht abgelesen.
Vollendetes Wagnerglück wäre etwas anderes
So viel man an Peter Schneiders nicht unbedingt raffinierter, über manches Detail allzu flott hinwegspielender Interpretation der „Tristan“-Partitur im Einzelnen auch vermissen mochte, gelang sie doch klanglich so ausgewogen und in ihrem symphonischen Zuschnitt so zuverlässig, dass sich das Wunder des mystischen Abgrunds, vor allem im überflutenden zweiten Aufzug, betörend ereignen konnte. Von der Illusion eines unmittelbar aus dem Bühnengeschehen heraus in den Saal schallenden, zugleich völlig homogenen und auf mysteriöse Weise unlokalisierbaren Klangs geht immer noch die größte Faszination dieses zwischen Kunstanspruch und politischer Einvernahme, altfränkischer Grobheit und ästhetizistischer Verfeinerung lavierenden Festivals aus. Falls man nicht irgendwann im Geiste der nun angestrebten, entmythologisierenden neuen „Offenheit“ auf die Schnapsidee kommt, auch hier die Brechstange anzusetzen, wird das erhalten bleiben.
Selbst die tapferen, doch kaum beglückenden Sängerleistungen waren in diesem Kontext zu verschmerzen. Robert Dean Smith als Tristan hat seinem etwas farblosen Tenor auch in diesem Jahr kaum Facetten hinzugewinnen können. Und auch Iréne Theorin blieb mit einem leicht scharfen Dauervibrato die letzten Schönheiten der Isoldenpartie schuldig. Glücklicher besetzt waren die Partien von König Marke, dem Robert Holl einen warmem Sehnsuchtston verlieh, und Kurwenal (Jukka Rasilainen). Grundanständig sangen sich Ralf Lukas (Melot) und Michelle Breedt (Brangäne) durch ihre Rollen. Vollendetes Wagnerglück wäre freilich etwas anderes.
Publikum nur instrumentalisiert
Vor der eigentlichen Eröffnung hatte es am frühen Mittag bereits die einzige kleine Neuproduktion der Saison gegeben. Auf der Probebühne IV zeigte man mit einer Bearbeitung des „Fliegenden Holländers“ für Kammerorchester, Sänger und Sprecher zum ersten Mal jene Kinderoper, die es von nun an jedes Jahr geben soll. War es Zufall, dass die forsch über die Bühne stampfende, wie ein großes Kind sich benehmende Senta (Anna Gabler) mit ihrem blonden Pferdeschwanz aussah wie Katharina Wagner? Unentwegt wirft sie ihren Teddybär aus dem Etagenbett, um ihn sich von Erik (Florian Hoffmann), der sich mit Fellbesatz und Stoffgeweih als ihr eigentliches Plüschtier zu erkennen gibt, wieder zurückbringen zu lassen. Irgendwann hat sie diese Nase voll davon, mit Schmusetieren zu spielen, schlüpft in ein Piratenkostüm, fesselt ihren Teddybären an den Bettpfosten und zieht einen Revolver.
Die Erwachsenen, die mit etwa zwei Dritteln die Mehrheit im Publikum darstellen, finden das komisch. Die Kinder freilich können diesem wie den vielen anderen ironischen Durchblickerwitzen naturgemäß nichts abgewinnen. Wenn sie der vor lauter Lustigkeit und Anbiederung verworrenen Dramaturgie dieser aus der Steuermannsperspektive erzählten Flachversion der Wagneroper nicht mehr folgen können, blättern sie in dem dank Comic und Bastelbogen für eine Weile unterhaltsamen Programmheft. Ein paar Male werden sie aufgefordert, „mitzuhelfen“. Dann „assistieren“ sie vollständig überflüssigerweise mit ein, zwei Handlangergriffen als Kulissenschieber, bevor sie sich wieder setzen dürfen. Oder man bittet sie, zum Matrosenchor mitzustampfen, als wollte man ihr musikalisches Wahrnehmungsempfinden gewaltsam auf ein Minimum herunterpegeln. „Richard Wagner für Kinder“, wie das Projekt heißt, ist eine gute Idee. Diese Produktion aber hat ihr Publikum nur instrumentalisiert und hätte daher ehrlicher „Kinder für Katharina Wagner“ heißen müssen.