20.04.2009 · Mädchen, Mädchen, Mädchen: Das Mannheimer Nationaltheater bringt Dietmar Daths Roman „Waffenwetter“ auf die Bühne. Drei hyperaktive Claudias beamen den Text in eine andere Dimension und lassen ihn in einer furiosen konspirative Verschwörung im Mädchenzimmer enden.
Von Martin HalterWie andere Teenager trägt Claudia schrille Anoraks und coole Pelzmützen, giggelt mit ihrer Freundin Steffi, hat Sex mit ihrem Lehrer und kennt alle Viva-Klingeltöne. Aber weil sie eine superkluge Abiturientin und Adoptivtochter aus linkem Hause ist, interessiert sie sich doch mehr für Technik und Dialektik der spätkapitalistischen Kulturindustrie als für Dieter Bohlen. „Im mündlichen Kommunismus bin ich spitze“, sagt die angehende Physikstudentin stolz, und das gilt auch für die Psychophysik von Betastrahlen und Schumann-Resonanz. Noch altklüger als Claudia ist nur ihr Großvater Konstantin, der Millionär und Hardcore-Kommunist. Der Generationenvertrag funktioniert perfekt: Die Enkelin erledigt den Behörden- und Computerkram, der Opa unterrichtet sie dafür in schriftlichem Kommunismus. Was Lenin, Stalin und die Bibel noch wussten (und die „tageszeitung“ leider nicht mehr): Bildungs- und Klimakatastrophen gehen aufs Konto von Staat und Kapital; Kritik und Widerstand von Intellektuellen sind so zwecklos wie unprofessionell. Bürgerinitiativen, Anarchisten, Autonome und das ganze linksliberale Gesocks spielen dem Klassenfeind in die Hände: Ohne Partei, Plan und Berufsrevolutionäre kann man nichts gegen den militärisch-industriellen Komplex ausrichten. Soweit Dietmar Daths Roman „Waffenwetter“, im Studio des Mannheimer Nationaltheaters auf die Bühne gebracht von André Bücker.
Der Äquivalententausch von altkommunistischem Erfahrungswissen und jugendfrischer Gören-Energie funktioniert umso besser, als es keine Realität außerhalb von Claudias Kopf gibt: Der bolschewistische Almöhi ist in Mannheim nur das Hirngespinst einer Heidi auf dem Drogen- oder Emanzipationstrip. Zum Abitur schenkt er ihr eine Bildungs- und „Spionagereise zur derzeit wahrscheinlich größten Schweinerei auf Erden“, und das ist keine so gute Idee. Das Ziel ist HAARP, ein gut gesicherter Antennenwald in Alaska, wo Militär, Geheimdienste und andere Teufel die ahnungslose Welt aushorchen, Wetter und Bewusstsein mit Mikrowellen und Verblödungsstrahlen manipulieren. Die negativen Schwingungen der Riesenwindmühle verrücken auch die Identität und ideologischen Gewissheiten von Don Quichotte und seiner Knäppin.
Furiose konspirative Performance im Mädchenzimmer
Auf der Drehbühne, die ein Mädchenzimmer verbirgt, geht es bald so hochfrequent rund wie bei einem Strahlenkrieg zwischen Captain Kirk und Perry Rhodan. Auf den Wänden flimmern Videos mit Explosionen und Feuerbällen, grüne Linien und weißes Rauschen, die verwackelten Köpfe von Petra Kelly und Lenin. Irgendwann ist der Großvater verschwunden und mit ihm jede Ordnung und bürgerliche Logik: Claudia ist plötzlich Cordelia, die Lieblingstochter von King Lear, eine Undercover-Agentin aus dem sowjetischen Klonlabor oder auch eine Art Lara Croft, die mehr „Waisenkinder der Verschwörung“ adoptiert als Angelina Jolie.
Dass die hyperaktive, schizophrene Claudia sich in drei Figuren aufspaltet und dabei - mit doppelter Kassenbrille und einem Stapel Bücher unterm Arm - auch die Rolle ihres Lear-Opas übernimmt, ist kein schlechter Schachzug. Die Stimmen in ihrem Kopf überlagern und fügen sich trotz mancher Durststrecken immer wieder zu einer kakophonischen Sphärenharmonie. Isabelle Barth, Ines Schiller und Dascha Trautwein schaffen solo und im Chor nicht nur riesige Textmassen weg (und stolpern nur ganz selten über Wörter wie „Phasensimulation durch externe Stimuli“): Rote Fähnchen schwenkend und Fäustchen ballend, beamen sie mit ekstatisch leuchtenden Augen, wissendem Kichern und rhythmischer Punk-Gymnastik einen kopflastigen Text in eine andere Dimension - die furiose konspirative Performance im Mädchenzimmer.
Weil auf der Bühne, erklärt der Materialist Dath im Programmheft, Praxis mehr als idealistische Theorie zählt, sei das Theater „ausnehmend gut geeignet“ für die Erfahrbarmachung seines Romans. Bückers Experiment bestätigt das bis zu einem gewissen Grad. Die HAARP-Festung wird in Mannheim zwar nicht gestürmt, aber der rote Großvater kann zufrieden sein. Seine herumalbernden Enkelinnen fechten den Kampf um die Köpfe vielleicht nicht besser, aber lebendiger aus als auf dem Papier.