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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vorschau auf die Schauspielsaison Bleib doch zum Frühstück, Krise!

 ·  Der Kapitalismus kommt zum Abendessen und frisst die Leute auf. Aber die dramatischen Verluste werden locker verdaut: ein Ausblick auf die Stücke und Stoffe der neuen Saison.

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© CINETEXT Wird in der kommenden Saison in Luzern für die Bühne adaptiert: Lars von Triers Film „Idioten“ von 1998

Es ist seit Jahren das alte Lied. Wir singen es pflichtschuldigst auch heuer. Es tönt noch in jeder neuen Spielzeit die Kunde vom fortdauernden fiebrigen Schimmelbefall der deutschsprachigen Theater mit grassierendem Morbus Bearbeiteritis. Auch 2012/13 schrecken die Theater vor keiner hirnrissigen Roman- oder Filmadaption zurück. So versucht man sich in Luzern an Lars von Triers deppologischem Film „Idioten“. Potsdam macht sich über Eduard von Keyserlings Schmachtfetzenprosa „Wellen“ her.

Frankfurt unterzieht sich Judith Schalanskys Post-DDR-Biologielehrerinnenelendsprosa im „Hals der Giraffe“. Das Berliner Deutsche Theater zelebriert Eugen Ruges DDR-Familienelendsprosa „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Konstanz nimmt sich Herta Müllers rumäniendeutsche Qualprosa „Herztier“ vor. Nürnberg taucht in Karl Mays indianerdeutsche Schicksalsprosa „Winnetou“. Wobei Basel gleich zum Alten Testament (die fünf Bücher Mose), Stuttgart frohgemut zur „Apokalypse“ des Johannes greift. Selbst Lily Bretts New Yorker jüdisch-polnischer Familienpointenmelangeroman „Chuzpe“ kommt in der Wiener Josefstadt in tantiemenklecksende Dramaturgenhände.

Beim Blick in die romanverseuchten Saisonprospekte, von denen der junge dramatische Autor Oliver Kluck im Prospekt des Hamburger Deutschen Schauspielhauses findet, sie seien „ein hohles und unbrauchbares Marketinginstrument“, käme einem denn auch die biblische Parole in den Sinn: „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ Wobei der Herr die Gesellschaft wäre.

Die Finanzkrise als wichtigster Akteur

Dies umso mehr, als die Gesellschaft eigentlich unbezahlbare Schulden en masse den kommenden Generationen auf die Schultern häuft, die in Ewald Palmetshofers „Räuber. Schuldengenital“ (Uraufführung im Wiener Burgtheater, nachgespielt im Münchner Residenz Theater) „eine Revolte der Jungen“ erleben, die sich schon mal fragen: „Was wäre, wenn es die anderen nicht gäbe?“ Wenn man sie „davon abhielte, die Zeit mit hereinzubringen und damit diese ungewisse Zukunft, die einem die Ewigkeit verstellt“? Das ewige Leben als Ausweg aus der langsam Ewigkeitsmaße annehmenden Finanzkrise. Sie wird in der neuen Saison zur gar nicht mal heimlichen Hauptdarstellerin.

Und die Theater scheinen ab- und jenseits ihrer Romanerei dann doch hie und da wieder mal nach draußen zu schauen. Wobei dieses Draußen sich vornehmlich drinnen spiegelt. In Andres Veiels „Himbeerreich“ (Uraufführung in Stuttgart, nachgespielt vom Deutschen Theater Berlin) kommen „Lebensgeschichten und Berichte von Bankern“ zu Rampenehren, die „Kapital nicht vermehren, sondern vernichten“. Dafür vermehren sich in Philipp Löhles „Nullen&Einsen“, die Mainz zur Uraufführung angenommen hat, die Buchhalter und Zahlenanalysten in „dramatischer Permutation“ auf der „Suche nach der Formel, die vielleicht alles dreht“. Wobei die alte Theaterformel, dass die allgemeinste und größte Katastrophe am besten im engsten Familien- und Freundeskreis im Zimmerschlachtbereich sich darstellen und bündeln lässt, auffallend viele Stücke zu befolgen scheinen.

Eine Attacke auf die Sitten und die Gesellschaft

Das Abendessen ist hierfür eine bewährte Situation. In Hansjörg Betscharts „Naked Short Selling: Leerverkauf ohne Deckung“ (Uraufführung im Landestheater Marburg) bringt es die am Tisch versammelten Börsenzocker dazu, nicht nur um Milliarden, die sie gar nicht haben, zu spekulieren, die sie im Schadensfall sowieso dem Steuerzahler aufs Krisenauge drücken könnten, sondern um das, was sie haben: Frau, Tochter, Existenz. Der Mensch wird zur Ware. Was in William Pelliers Stück „Wir Waren“ (das in Osnabrück zur deutschen Erstaufführung kommt) auf den geriatrischen Punkt im Pflegeheim gebracht wird, sozusagen in der Endverwertungsschlaufe: „Wohin mit uns Alten? Wir bringen uns am besten um - müssen aber den richtigen Zeitpunkt erwischen.“

Was Albert Ostermaier in seiner dramatischen Menschenverwertungselegie „Ein Pfund Fleisch“ (Uraufführung im Hamburger Schauspielhaus) so umschreibt: „Der Mensch ist ein Termingeschäft.“ Bei ihm wird dieses Geschäft in Analogie zu Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ zwischen zwei Shylock-und-Antonio-Typen im Boxring ausgekämpft. Es gehe dabei, so Ostermaiers Vorstellung, im kleinen heimischen Ring um den großmetaphorischen Kampf zwischen „Archaik gegen Moderne, Liebe gegen Geld, Kapitalismus gegen Kapitulation, Gemeinschaft gegen Gesellschaft“.

Berlin soll verschwinden

In diesem Kampf folgt Elfriede Jelinek in ihrer neuen Textfläche „Aber sicher!“, einer, so verspricht’s das uraufführende Bremer Theater, „bitterbösen Satire auf die ungezähmte Herrschaft des Geldes“, dem Motto: „Nur unserer Unsicherheit können wir sicher sein.“ Schließlich sieht sie lauter „Blinde, unschuldig schuldig gewordene Ödipusse der Gegenwart“. Da handelt der Banker in Nis-Momme Stockmanns „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“ (Uraufführung in Hannover) anders konsequent: Er lässt sein Leben hinter sich, „zieht in den Kampf gegen das System“ und zettelt dieserhalb eine Hyperinflation an. Man verspricht „ein Sittenbild, eine Kakofonie“ (sic!). Dass die Krise die Sitten wie die Gesellschaft zerstört, will der junge Augsburger Autor Michel Decor in seinem „Jonas Jagow“ beweisen (Uraufführung im Berliner Gorki Theater).

Jonas will mindestens als Agent der Krise Berlin zerstören („weil das Universum viel zu groß ist“), was als „Heldenepos, Schmierenkomödie und großes expressionistisches Schauspiel“ angekündigt ist „zwischen Clubs und Bordellen und einer Gesellschaft, die vergnügungssüchtig eher durch Implosion als durch Revolution an ihre Grenzen gerät“. Wobei in Dirck Lauckes „Jimi Bowatski hat kein Schamgefühl“ (uraufgeführt in Bochum) ein Arbeitsloser mit dem Bolzenschussgerät seine private Krisenrevolution wagt: im Heim seines Chefs, der ein Sozi ist und dessen Frau er anbaggert in einer „Turbokomödie des Spätkapitalismus“, in der „sich die Figuren erst spüren, wenn sie zum Äußersten bereit sind“.

Angst, Hölle und Todesangst

Zum Äußersten will es auch in Moritz Rinkes neuem Stück „Wir lieben und wissen nichts“ kommen, das in Frankfurt uraufgeführt, in Bern, Aachen, Bielefeld und Kassel nachgespielt werden soll und in dem sozusagen die Krise die Nacht durchmacht und zum Frühstück bleibt. Es geht um zwei Paare, die von der Krise zu Jobnomaden, unbehausten Existenz-Hüpfern gemacht wurden und die gegenseitig die Wohnungen, die Lebenslügen und die Partner tauschen - bis ein Schuss fällt. Alternativ zum Schießen kann man auch „darüber streiten, wem es am schlechtesten geht“. Theresia Walser schlägt das in ihrem „Familienfoto“ vor (Uraufführung in Mannheim), wo die fotografierte Familie in alle Illusions-, Lebens- und Liebestrümmer zerfällt.

Wohin das Leben auch hingeht, „Die Angst reist mit“, wie Sibylle Berg ihre neue dramatische Etüde (fürs Staatsschauspiel Stuttgart) nennt. Ein altes Lehrer-Ehepaar und zwei junge Journalisten suchen das Paradies und landen in einer „Hölle der Sehnsüchtigen“: ein touristisches „Inventar unserer zivilisatorischen Ansprüche, die unsere Lebensbedingungen zerstören“. Auch Justine del Cortes Reisegruppe in ihrem neuen Stück „Der Komet“ verpasst auf einem insularen Paradies das Leben und die Zeit, die ihr dazu bleibt: „in Todesangst“, vermutet das uraufführende Wiener Burgtheater.

Dass Schreibkrisen oft schlimmer (für den Betroffenen) sein können als Finanzkrisen, zeigen die dramatische Altmeisterin Yasmina Reza und der dramatische Anfänger Daniel Kehlmann. In „Ihrer Version des Spiels“ von Reza (Uraufführung im Berliner Deutschen Theater) zieht sich eine Schriftstellerin aufs Land zurück, wo ihr entstehendes Buch und ihr gewesenes Leben schein- und seinhaft durcheinandergeraten (inklusive Mordplänen an Liebhabern), Fiktion zur Wirklichkeit wird - und umgekehrt. Und in Kehlmanns „Mentor“, der in der Wiener Josefstadt herauskommen soll, werden ein alter und ein junger Schriftsteller für ein gemeinsames Buch zusammengespannt: Das gehe gründlich schief - verspricht das Theater.

Häusliche Apokalypse und afghanisches Delirium

Wobei das heute fiktiv Entworfene, irrsinnig Ausgedachte und durchgeknallt Phantasierte morgen schon die Realität sein kann. In „Demut vor deinen Taten, Baby“ der noch ganz jungen Dramatikerin Laura Naumann träumen (zuerst im Wiener Burgtheater, dann im Staatstheater Braunschweig) drei in einer Flughafendamentoilette eingeschlossene schräge Mädels, sie verdingten sich als staatlich und geheimdienstlich subventionierte „Anschlagssimulantinnen“, Terrorvorspielerinnen, die mittels Platzpatronen und falscher Sprengstoffgürtel in Supermärkten, auf Festivals und in Diskotheken den dort nur zum Schein Erschreckten als „taumelnd glücklichen Überlebenden“ ein gutes Gefühl bescheren.

Wenn aber alles wirklich einmal vorbei ist und die Apokalypse sich häuslich eingerichtet hat, können im „Skin Deep Song“ des jungen Amerikaners Noah Haidle zwei postapokalyptische Mädels auf den Spuren von Becketts Wladimir und Estragon auf den Trümmern der zerstörten Welt sich die Zeit wenigstens mit Rollenspielen vertreiben, die in Essen uraufgeführt werden sollen. Auch in „Foreign Angst“ von Konradin Kunze, die sich das Staatstheater Wiesbaden gesichert hat, dräut Apokalyptisches: Ein junger, einsamer Deutscher „fiebert und deliriert“ an der Verdurstungs- und Wahnsinnsgrenze in Afghanistan als „letztes Relikt westlichen Engagements“.

So scheint die Weltuntergangs- wie die Finanzkrisenlage, theatermäßig betrachtet, zwar ziemlich hoffnungslos, aber nicht ernst. Die Wirklichkeit ist dramatisch genug.

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Jahrgang 1950, Redakteur im Feuilleton.

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