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Vorpommern kämpft ums Theater : Schlimmer als der Steckrübenwinter

Überregional beachtlich: Andrey Valiguras als Hermann, Landgraf von Thüringen (l.), Alexandru Constantinescu als Wolfram von Eschenbach, Michael Baba als Tannhäuser, Johannes Richter als Heinrich der Schreiber und Marciej Kolozlowski als Reimar von Zweter Ende November bei Proben zu „Tannhäuser“ in Stralsund Bild: Picture-Alliance

In Vorpommern ist die Welt nicht zu Ende. Hier kämpfen Bürger für die Wahrung ihrer Selbstachtung, die Zukunft ihrer Theater, gegen Fusionspläne und die wachsende Bürgerferne von Kunst und Politik.

          Für den Rest der Welt und besonders süddeutsche Beobachter mag Vorpommern, abseits von Sonne und See, keine Reise wert sein. Sie wissen schon vorher, dass die Leute „da oben“ nur AfD oder NPD wählen und im Theater allenfalls Stücke wie „Feuerzangenbowle“ oder „Ladies’ Night“ eine Chance haben. Dass hier auch Jean Genet und Christa Wolf, Henrik Ibsen und Herman Melville, Alexander von Zemlinsky und Leoš Janáček gespielt werden, dass hier die Compagnie unter Ralf Dörnen offenbar so gut tanzt, dass das Publikum aus Hamburg oder Lübeck extra anreist - das alles liegt außerhalb des ideologischen Beuteschemas metropolitaner Meinungsbildner.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber in Vorpommern gibt es engagierte, demokratiefähige Bürger, die lieben tatsächlich ihre Oper, ihr Ballett, ihr Theater, das seit 1994 die Spielstätten Greifswald, Stralsund, Putbus umfasst; und das Theater liebt sie. Beim Premierenapplaus nach Richard Wagners „Tannhäuser“ fliegt in Stralsund eine rote Rose über den Orchestergraben - von der Bühne ins Parkett. Sie sagt: „Danke, dass ihr da seid und für uns kämpft.“ Es geht nämlich inzwischen um alles.

          Hundert Jahre Eigenständigkeit

          Wehmut erfasse sie, bekennt Friederike Fechner, wenn sie an die Zukunft des Theaters denke. Sie ist freiberufliche Cellistin, lebt in Stralsund und arbeitet mit ihrem Mann in der Bürgerinitiative „TheaterLeben“. Wehmut, weil eine weitere Fusion inzwischen unausweichlich scheint: Das Theater Vorpommern soll mit der Philharmonie Neubrandenburg und dem Theater Neustrelitz verzurrt werden. „Staatstheater Nordost“ wird dieses Notstromaggregat für kulturelle Grundversorgung dann heißen. Bis zu 135 Kilometer liegen zwischen den Spielstätten. Musiker, Schauspieler, Sänger, Tänzer müssten mit Bussen hin und her kutschiert werden, würden manchmal erst um zwei Uhr nachts zu Hause sein, dürften dann am nächsten Tag keinen Dienst machen. Das Veranstaltungsaufkommen würde um etwa fünfzehn Prozent ausdünnen.

          Sie verstehe das alles nicht, sagt Fechner: „Wie kann das denn sein, dass es in Zeiten sprudelnder Steuereinnahmen und bei einer Versorgungslage, die in Deutschland so gut ist wie nie zuvor, kein Geld mehr gibt, um die Eigenständigkeit des Theaters zu erhalten? Das Haus in Greifswald wurde 1915, das in Stralsund 1916 eröffnet. Die haben den Steckrübenwinter im Ersten Weltkrieg überlebt, die haben den Zweiten Weltkrieg überlebt, die sind heil durch die DDR gekommen. Und nun soll alles vorbei sein?“

          Weit unterdurchschnittlich bezahlt

          Der Druck zur Fusion kommt aus der Landeshauptstadt Schwerin. Mathias Brodkorb (SPD), jetzt Finanz-, vormals Kulturminister, hatte sich Gedanken gemacht, gegen die kein Mensch, der bei Vernunft ist, etwas haben kann: Gleiche Lebensverhältnisse in allen Landesteilen Mecklenburg-Vorpommerns, auch bei der Kulturförderung, muss er gewährleisten, dazu ist er gesetzlich verpflichtet; die Kommunen will er von dem Zwang entlasten, ständig für Tarifaufwüchse in den Theatern Sorge zu tragen - aber nach Flächentarif sollten die Mitarbeiter auch endlich bezahlt werden.

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