06.06.2009 · New York vergibt am Sonntag seine Theaterpreise, die Tonys. Auch Schillers „Maria Stuart“ hofft neben Becketts „Warten auf Godot“ und ein paar amerikanischen Aktualstücken auf die Auszeichnung. Ein Rundgang über den Broadway.
Von Jordan Mejias, New YorkDie Obamas, die am vergangenen Wochenende mit ihrem Theaterbesuch den Broadway kräftig durcheinandergewirbelt haben, sind ins falsche Stück gegangen. Das meint zumindest der Kollege von der „New York Times“. Sie haben sich August Wilsons „Joe Turner's Come and Gone“ angesehen, ein 1988 uraufgeführtes Drama aus dem zehnteiligen Zyklus, der das Los der Afroamerikaner im vergangenen Jahrhundert behandelt. Naturgemäß muss ein Präsident auch mit der Wahl seiner Abendunterhaltung Zeichen setzen. Aber wirklich aufschlussreich für seinen immer noch recht neuen Job in Washington wäre, wie die „Times“ meint, ein ganz anderes Schauspiel gewesen. Ein Trauerspiel. Es heißt „Maria Stuart“ und stammt von Friedrich Schiller.
Darin hätten der Präsident und seine First Lady erfahren können, in welch brenzlige Lage er als Staatsoberhaupt geraten ist. Das Weiße Haus zu Washington, ist es denn nicht auch wie einst der Palast zu Westminster eine Schlangengrube, in der am Ende der Herrscher nur eine Chance hat, in furchtbarer Einsamkeit und beständigem Misstrauen gegenüber allem und jedem zu überleben? Ein nüchternes Lehrstück für höhere und allerhöchste Beamte wäre freilich am Broadway fehl am Platze.
Ein toller Effekt nach dem andern
Von Phyllida Lloyd extrem minimalistisch in Szene gesetzt, offenbart sich „Maria Stuart“ als maximalistisch ausgereizter Schauspielerinnenkampf, als Divenduell im historischen Kostüm, aber ohne Bandagen. Hätte Schiller nicht die Begegnung der beiden Königinnen im Schlosspark von Fotheringhay dazuerfunden, wäre es wohl kaum zu dem Revival in London gekommen, das dann von dort nach New York exportiert wurde. Mitreisen durften zwei Virtuosinnen der englischen Bühne, Janet McTeer und Harriet Walter, die sich buchstäblich in die Haare geraten müssen, ungeachtet ihrer Retro-Roben. Die Männer tragen aktuellen Geschäftsanzug, auch im Park, in dem gerade ein Wolkenbruch niedergeht. Der Himmel schluchzt auf Maria Stuart herab, obwohl die sich doch über den raren Ausflug aus ihrem Gefängnis ins Freie unbändig freut.
Janet McTeer hopst denn auch ausgelassen durch den Regen, der schlagartig abgedreht wird, als Elisabeth samt Entourage nicht ganz ungeplant vorbeirauscht. Hier die pudelnasse Maria, dort die hoheitsvolle und obendrein brottrockene Elisabeth. Klar, wer da im Vorteil ist. Bis Maria sich in eine Furie verwandelt und der Cousine in animalischer Wut das Wort entgegenschleudert, mit dem sie ihr eigenes Todesurteil spricht: Bastard! Beeindruckend ist es schon, wie die McTeer das aufbaut, wie sie von demutsvoller Unterwürfigkeit bis zur ungeheuren Majestätsbeleidigung ein wuchtiges, raumgreifendes Crescendo anlegt und dabei ihr Mienenspiel sich immer grotesker verzerrt. Ein toller Effekt nach dem andern. Und jeder läuft Gefahr, sich zu verselbständigen.
Als realistisches Illusionstheater unverwüstlich
Auch Elisabeth, von Harriet Walter viel weicher intoniert, wodurch die königlich verlogenen Ausbrüche und Schärfen umso schauerlicher klingen, scheut nicht die dramatische Überzeichnung. Sind es nicht die Schauspieler, die der großen Geste huldigen, dann setzt mit krachenden Lichtwechseln die Szene ihre Ausrufungszeichen. So nähert sich das Virtuosentheater dem Actionfilm, dessen Action die Verästelungen des Plots beiseitefegt. Es ist der Preis, den ein Klassiker am Broadway zu zahlen hat, und ganz ungeschoren bekommt natürlich auch Schiller keinen Zutritt. Peter Oswald wird nicht nur als Übersetzer, sondern als Verfasser einer neuen Version genannt, was bedeutet, dass er das Stück stark gerafft hat, in einem klaren, schnörkellosen, bisweilen allzu akuten Englisch: Schiller ließ vor zweihundertundneun Jahren noch niemanden auf England pissen.
Denn Schiller ist nicht Beckett. Dessen Wladimir hat originalgetreu schwache Nieren, und nicht bloß darüber gibt es in „Warten auf Godot“, wie es der Regisseur Anthony Page will, viel zu lachen. Bis zum Slapstick treibt das Landstreicherduo in den malerisch verdreckten Anzügen seinen existentiellen Zeitvertreib, und bei allem perfekt komischen Timing der Dialoge, das die Broadwaystars Nathan Lane und Bill Irwin gleichsam von Natur aus beherrschen, hinterlässt der Spaß emotionale Lücken. So bleibt es beim Warten aufs kathartische Nichts. John Goodmans herrlich pompöser Pozzo und John Glovers beglückt unglücklicher Lucky komplettieren das Staraufgebot, das überhaupt erst die kommerzielle Grundlage der Aufführung bietet. „Warten auf Godot“, und das ist die gute Nachricht, ist aber sogar als realistisches Illusionstheater unverwüstlich.
Der Kartenvorverkauf ist drastisch gestiegen
Wenn sich auch in den letzten Monaten die Schauspielproduktionen am Broadway stauten, hat es dort das Sprechtheater nach wie vor nicht leicht. Das Musical ist und bleibt die dominierende Unterhaltungsform, verantwortlich für den Löwenanteil des Profits. Dieser aber unterscheidet sich, trotz der Finanzkrise, die noch vor einem halben Jahr zu den schlimmsten Befürchtungen auch am Broadway Anlass gab, kaum von dem der vergangenen Spielzeit. Mit 943 Millionen Dollar ist gar ein neuer Einnahmerekord aufgestellt, obgleich die Zahl der Besucher, es waren um die zwölf Millionen, für die insgesamt dreiundvierzig neuen Produktionen leicht zurückging. Steigende Eintrittspreise haben den Verlust wettgemacht.
Schlechte Zeiten sind also offensichtlich nicht nur gut für Hollywood, sondern auch für den Broadway. Bei der Verleihung der Tonys, der Theaterpreise des Broadway, die an diesem Wochenende vergeben werden, braucht darum kein Rechnungsführer Trübsal zu blasen. Welches der vier nominierten neuen Theaterstücke das Rennen machen wird, ist noch völlig offen. Die Jury hat die Wahl zwischen Neil LaButes überraschend warmherzigem Broadway-Debüt „Reasons to be pretty“ (F.A.Z. vom 14. Juni 2008), Moisés Kaufmans Beethoven-Hommage „33 Variations“ (siehe Jane Fonda kehrt mit Moisés Kaufmans „33 Variationen“ auf die Bühne zurück ), dem nach doch recht bekanntem Auflösungsmuster gestrickten Familiendrama „Dividing the Estate“ des im März verstorbenen Horton Foote und dem „Gott des Gemetzels“, Yasmina Rezas internationalem Hit, der, um das Publikum am Broadway nicht kosmopolitisch zu überfordern, nicht in Paris, sondern in Brooklyn spielt.
Bei den Revivals heißen die Konkurrenten „Maria Stuart“, „Warten auf Godot“ und „Joe Turner's Come and Gone“. Ob in dieser Kategorie der Obama-Effekt zum Tragen kommt, ist eine Frage, die in New York nun nicht nur im Spaß gestellt wird. Seit dem Broadway-Besuch des Präsidenten und seiner Gattin ist der Kartenvorverkauf für August Wilsons Drama jedenfalls drastisch gestiegen.