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Vor der Entscheidung : Bayreuth bleibt nicht in der Familie

  • -Aktualisiert am

Das Ende der Dynastie? Katharina und Wolfgang Wagner Bild: dpa

Die Diskussion über Bayreuth als Privatzwist abzutun, wäre verfehlt: Mit Wolfgang Wagners Rücktritt gehen die Festspiele ins Eigentum des Staates über. Er darf die Festspielidee jetzt nicht mehr der dynastischen Imagepflege überlassen.

          An diesem Montag tagt in Bayreuth der Stiftungsrat der Richard-Wagner-Festspiele. Erster Tagesordungspunkt ist die Berufung eines neuen Festspielleiters. Vor der Abstimmung erhalten die konkurrierenden Kandidaten Gelegenheit, ihre bereits schriftlich eingereichten Konzepte für die Zukunft Bayreuths auch mündlich vorzustellen.

          Dieser Akt wird von den maßgeblichen Vertretern der öffentlichen Hand im Stiftungsrat und von dem dort mit zwei Stimmen votierenden Vorstand der finanzkräftigen „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ jedoch im Grunde als eine Formsache betrachtet. Denn welche Entscheidung fallen soll, darüber waren sie sich schon einig, bevor sie das Verfahren eröffnet haben. In diesem Sinne tat nun auch die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion Monika Griefahn am Samstag ihre Zuversicht kund, dass alles auf ein schnelles Votum für Wolfgang Wagners Töchter Katharina und Eva hinauslaufen werde. „Zumindest gibt es ja sehr intensive Signale, dass dort dem alten Herrn ein Zugeständnis gemacht worden ist, um auch seinen Rücktritt hinzubekommen“, sagte sie im Deutschlandradio Kultur.

          Zank im Wagnerzoo

          Nicht nur die Boulevardpresse hat sich in den vergangenen Wochen zunehmend aggressiver daran beteiligt, den Nachfolgestreit als einen „Zank“ der Familie Wagner abzutun, als eine „soap opera“ im „Wagnerzoo“, über die sich trefflich spotten ließe. Das ist insofern billig, als den Familienmitgliedern nichts anderes übrig bleibt, als um die Leitung zu konkurrieren, da die dynastische Konstruktion der Festspiele in der Satzung verankert ist. Dass die Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden Parteien, den Wolfgang-Wagner-Töchtern und der Wieland-Wagner-Tochter, von ihren persönlichen Erfahrungen in dieser an Verwerfungen reichen Familiengeschichte mitgeprägt sind, ist eine Banalität. Wo man versucht, die Diskussion auf die Ebene eines Privatzwistes zu reduzieren, beraubt man sich jedoch der objektiv gegebenen Möglichkeit einer mit sachlichen Argumenten geführten Diskussion über die Zukunft Bayreuths.

          Diese anzuregen und Protagonisten des Musiklebens dazu zu animieren, sich für die „Sache Bayreuth“ aus ihrer reichen Erfahrung heraus zu engagieren, war Sinn einer fünfzehnteiligen Serie von „Bayreuther Visionen“ im Feuilleton dieser Zeitung (siehe: FAZ.NET-Spezial: Bayreuther Visionen). Mit Gérard Mortier hat sich kurz vor dem Ende der viermonatigen Frist, innerhalb derer die Familie Wagner Gelegenheit gehabt hätte, mehrheitlich einen Vorschlag einzureichen, einer der angesehensten Opernmanager und Festivalleiter der Welt um die Position beworben. Ein Familienunternehmen werden die Bayreuther Festspiele nach der Stiftungsratsitzung ohnehin nicht mehr sein. Punkt vier der Tagesordnung sieht vor, dass Wolfgang Wagner, bisher alleiniger Gesellschafter der Bayreuther Festspiele GmbH, seine Anteile zu gleichen Teilen an die Vertreter von Bund, Land und Stadt und an die selbsternannten „Freunde“ übergibt.

          Klar umrissene Strukturen

          Diese wählen einen Festspielleiter auf Zeit. Warum also nicht von den neuen Impulsen profitieren, die ein familiär unverstrickter Intendant dem Festival möglicherweise für einige Jahre geben kann, zumal, wenn es sich um einen Kandidaten von diesem Rang handelt? Die Strukturen des Festivals sind klar umrissen und festgelegt. Eine umstürzlerische Revolution, die alles auf den Kopf stellt, braucht man daher nicht zu fürchten. Dass Mortier mit seinem ästhetischen Gespür, seinem Ideenreichtum, seiner künstlerischen Integrität und seinem Erfahrungsreichtum den Konkurrentinnen haushoch überlegen ist, daran kann kein Zweifel bestehen. Welche Operninstitution von Weltrang, die nicht vom Wagner-Bonus zehren kann, würde man Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier anvertrauen: die Salzburger Festspiele? Die Pariser Opéra? Die New York City Opera? Mortier ist zuversichtlich, seine New Yorker Position mit Bayreuth vereinen zu können, hat jedoch schon schriftlich zugesagt, dass er Bayreuth im Falle eines Zeitkonflikts den Vorrang geben würde.

          Während die eine Kandidatur um das bereits international erprobte Potential eines familienexternen Bewerbers bereichert wurde, muss man sich im Falle der anderen zunehmend stärker fragen, was sie, abgesehen von einem höchst machtbewussten PR-Management, zu bieten hat. Im Zuge ihrer seit Monaten medial betriebenen Imagestrategie, die auch vor Einschüchterungsversuchen gegenüber unliebsamen Kritikern nicht zurückschreckt, hat Katharina Wagner zum Endspurt angesetzt. Über die „Bild“-Zeitung lancierte sie jüngst eine Fülle von Bayreuth-Ideen, die so planlos wirkten, als hätten sie nur ein Ziel: das nämlich, von der Mitmachoper für Kinder bis zum plötzlich erwachten historischen Verantwortungsgefühl, keinen prestigeträchtigen Claim auszulassen. „Da gibt es noch zu viele Fragezeichen und Zweifel“, sagt sie in einem Zeitungsinterview. „Und die gehören weg.“

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