Kurz vor Ende des Films tauchen zwei Fragen auf. Es sind die wohl wichtigsten Fragen den Fall Wagner betreffend, jeder muss sie für sich selbst beantworten. Blättert man zurück in den vielen Aufsätzen und Büchern, die sich mit diesem Fall schon befasst haben in den letzten sechzig Jahren, bemerkt man rasch, dass es vor allem Franzosen, Engländer, Österreicher, Norweger oder Amerikaner sind, die sich diesen Fragen stellen - oder Juden, im „Exil“. Wir Deutschen tun uns schwer damit.
Gewiss, die britische Cellistin Anita Lasker, verheiratete Wallfisch, könnte man auch als Deutsche bezeichnen. Sie selbst sieht das eher nicht so. Frau Lasker-Wallfisch ist Holocaust-Überlebende. Sie verbrachte ihre gutbehütete Kindheit als dritte Tochter eines Rechtsanwalts im schlesischen Breslau. Dass sie das Lager überlebte, verdankte sie dem Umstand, dass sie schon als Kleinkind das Violoncello zu spielen begann. Mit achtzehn gehörte sie zum sogenannten „Mädchenorchester“ von Auschwitz. Heute ist sie siebenundachtzig Jahre alt - was sie sich nicht anmerken lässt, als sie, in ihrer unnachahmlich lakonisch-kühlen Art, in ihrem Londoner Wohnzimmer über Typhus, Selektion, Josef Mengele und Robert Schumann plaudert. Ihr Interviewpartner ist jüdisch und Brite wie sie, er ist ein glühender Wagnerianer und zu ihr gekommen, um Absolution zu erbitten für diese Leidenschaft.
Warum hören wir Wagner am liebsten in Bayreuth?
Lasker-Wallfisch fragt: „Ja, was passiert denn mit Ihnen, wenn Sie Wagner hören?“ Und: „Warum müssen Sie das unbedingt in Bayreuth hören?“ Da fängt Stephen Fry, ihr Gast, an zu stammeln. Er wedelt mit den Armen, stottert etwas über „emotionale Zustände“ und „philosophische Ideen“, produziert Wortsalat. Eine tolle Pointe: Ja, da hatte Stephen Fry nun, gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Patrick McGrady, diese entzückende, rührende BBC-Story schon fast komplett abgedreht, die sich damit befasst, warum er, Fry, als Jude, Homosexueller und kritischer Intellektueller von Richard Wagners Musik ebenso ergriffen und erschüttert wird, wie es einst dem Gefreiten Adolf Hitler widerfuhr. Fry ist auf der Suche nach „Wagner & Me“ nach Neuschwanstein gereist und an den Vierwaldstättersee, er hat sich das Tristan-Motiv auf Wagners Flügel in der Villa Wahnfried erklären lassen und hat sich das Ornament der Masse selbst erklärt in Nürnberg auf dem Parteitagsgelände, hat im Festspielhaus ehrfürchtig Türklinken berührt und anschließend, „whow!“, mit seinen Fragen eine echte Wagner (Eva Wagner-Pasquier) in die Flucht geschlagen. Und er kapituliert vor der Frage: „Muss es unbedingt Bayreuth sein?“
Nein, muss es nicht. Überall auf der Welt wird heute Wagners Musik gespielt, und zwar sehr gut, von Los Angeles bis Tokio, von Rostock bis Mannheim. Warum wir diese Musik trotzdem, wie Fry, am liebsten in Bayreuth hören möchten, statt, zum Beispiel, in den Opernhäusern in Moskau, Barcelona oder München, dafür gibt es konkrete Gründe. Es sind übrigens die gleichen, die am Wochenende zu dieser dummen Fehlentscheidung auf dem Hügel führten, die Tattoos des Sängers Evgeny Nikitin betreffend, die er selbst gern rückgängig machen würde.
Nach draußen hin predigt man immer noch Doppelmoral und Wasser
Nikitin singt Wagner-Partien am Mariinski-Theater, im Festspielhaus Baden-Baden oder an der Bayerischen Staatsoper - aber in Bayreuth soll er nicht Wagner singen, weil er unterm Hemd eine übermalte Jugendsünde trägt, ein nicht mehr als solches sichtbares Hakenkreuz. Dabei werden doch in Bayreuth auch in diesem Jahr wieder deutlich sichtbare Hakenkreuzfahnen auf der Bühne entrollt, zum Beispiel im zweiten Akt von Stefan Herheims phantastischer historisch-kritischer „Parsifal“-Inszenierung, die demnächst, nämlich am 11.August, im Fernsehen gezeigt und in rund hundert deutsche Kinos übertragen wird.
Wagners Urenkelin Katharina Wagner selbst war die Erste gewesen, die auf dem Grünen Hügel das Schweigen gebrochen hatte. Sie hatte in ihrer „Meistersinger“-Inszenierung von 2007 die Bücherverbrennung zitiert, mit „deutschem Gruß“ begleitet von Hans Sachs. In Sebastian Baumgartens „Tannhäuser“ von 2011 wird die heilige Elisabeth am Ende demonstrativ ins Gas geschickt, Wolfram verriegelt die Tür. Auf der Bühne in Bayreuth hat, seit die Generation Katharina Wagners federführend mitmischt, eine kritische künstlerische Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Erbe des Hauses begonnen. Endlich! Drinnen wird echter, teils auch starker Wein ausgeschenkt. Nach draußen hin aber predigt man immer noch Doppelmoral und Wasser.
Wagner konnte nicht ahnen, dass Hitler aus seiner Schrift zitieren würde
Bayreuth ist, bis heute, ein Ort der Identifikation geblieben, es ist kein Ort der Reflexion. Hier gehen Kritik und Selbstkritik an Krücken, und die Verhältnisse pflegen sich hinter dem Rücken der Beteiligten durchzusetzen. So kommt es, dass die entscheidenden Argumente zum Fall Wagner seit Jahrzehnten anderswo ausgetauscht werden. Diese kleine Stadt liegt, was die Auseinandersetzung mit Wagners Musik anbelangt, die man von Wagners Schriften und von Wagners Wirkung nicht trennen kann, gespenstisch isoliert da, im Auge des Hurrikans, und ist doch zugleich ihr Zentrum. Nicht alles ist rational erklärbar, was an einem solchen Ort geschieht.
Hier hatte Richard Wagner, der so nachhaltig das Musiktheater und die Musik veränderte, sich und seinem Werk bis 1875 einen Schutzraum bauen lassen, ein revolutionäres Theater der Zukunft, darin alle Zuschauer gute Sicht haben, die Akustik an jedem Platz gleich optimal ist und das Orchester unsichtbar. Erst seine unmittelbaren Erben, Cosima und Winifred, haben dieses Theater in einen Tempel verwandelt und die Festspiele in ein Ritual. Und natürlich konnte Richard Wagner selbst, als er 1850 seine Brandschrift gegen die Kollegen Meyerbeer und Mendelssohn („Das Judentum in der Musik“) verfasste, nicht ahnen, dass Adolf Hitler siebzig Jahre später aus dieser Schrift ausgiebig zitieren würde. Er konnte nicht voraussehen, dass eines Tages unter denen, die den Völkermord an den europäischen Juden organisierten, etliche bekennende Wagnerianer sein würden.
Die Gewalt der Musik und die Gewalttätigkeit der Ideologie
Lässt sich also Wagners Musik freisprechen von dieser ihrer Wirkung? Können wir seine Schriften und sein musikalisches Werk getrennt betrachten? Dürfen wir diese Musik lieben, ihr verfallen, ohne ein schlechtes Gewissen? Obwohl sie uns betört, verstört, uns trunken macht und uns um den Verstand oder zumindest öfters um den Wortschatz bringt?
Jens Malte Fischer, der Wagners „Judentum in der Musik“ neu herausgab, kommentierte und mit einer Auswahl der zeitgenössischen Repliken ergänzte, sagt dazu klar: nein. „Wagner hat mit dem Gewicht seiner weltweiten Berühmtheit einer schändlichen Gesinnung Umriss und Stimme gegeben, er hat eine Bierkellerideologie zur Salon- und Kulturfähigkeit geadelt. Von dieser Verantwortung können ihn auch jene nicht entlasten, die die unbezweifelbare Größe und Macht seiner Musik verspüren. Die Verbissenheit der Wagner-Verteidiger bis heute rührt aus der menschlich verständlichen Unfähigkeit, beides zugleich auszuhalten. Die Gewalt der Musik und die Gewalttätigkeit der Ideologie. Das eine ist aber ohne das andere nicht zu haben.“
„Die Wucht traf ins Allerheiligste“
Das ist die sozusagen typische Feststellung eines deutschen Wagner-Fans. Frau Lasker-Wallfisch mag Wagners Musik nicht besonders, aber sie sieht das deutlich entspannter. Sie weiß, dass selbst Robert Schumann, dessen „Träumerei“ sie vor Mengele spielte, antisemitische Ansichten vertrat; sie weiß sicherlich auch, dass Offenbach, dessen „Barcarole“ sie in der Lagerkapelle spielte, wie viele der den Nationalsozialisten genehmen „Unterhaltungsmusiker“, kein Arier war. Vielleicht ist ihr auch bekannt, dass die klare, zuverlässige, kraftvolle Durch-Nacht-zum-Licht-Musik Beethovens sehr viel öfter zur Dekoration nationalsozialistischer Selbstdarstellungen benutzt wurde als die harmonisch unzuverlässige Wagnersche Weltuntergangsmusik. Aber sie sagt: „Die Musik steht über allem. Sie ist nur für mich da. Die Musik ist nie beschmutzt, von gar nichts. Warum sollten wir den Deutschen nachträglich erlauben, dass sie noch mehr zerstören?“
Auch Fry kommt am Ende seines Films „Wagner&Me“ zu dem Schluss, dass er Wagners Musik mit allem Herzblut gegen Hitlers Missbrauch verteidigen müsse, weil sie unschuldig sei und „auf der Seite der Engel“. Und auch von französischer Seite wird Wagners Musik mit Aplomb freigesprochen von aller Schuld. Nächste Woche bringt der französische Philosoph Alain Badiou seine „Fünf Vorlesungen über Wagner“ in deutscher Übersetzung heraus. Er hielt sie an der Pariser Ecole Normale Supérieure, in einer Ringvorlesung gemeinsam mit dem Komponisten François Nicolas und dem slowenischen Psychoanalytiker Slavoj Žižek, der die Bezeichnung „protofaschistisch“ für Wagner erfand. Dass zumal Frankreich große Verdienste darum habe, das wahre Wesen Wagners zu enthüllen, das ist für Badiou eine ausgemachte Sache. Beweis dafür ist ihm erstens der Paradigmenwechsel in der Wagner-Rezeption, die durch das Team Pierre Boulez und Patrice Chéreau mit dem Bayreuther „Jahrhundert-Ring“ 1976 erzielt worden war: „Die Wucht dieser französischen Produktion traf sozusagen ins Allerheiligste.“
Bayreuth ist wieder einmal Schlusslicht
Der zweite Beweis ist er selbst. Badiou: „Ich will versuchen, mich zum Verteidiger in einem neuen Prozess in Sachen Wagner zu machen.“ Wagner habe sich selbst mit der Figur des Ewigen Juden identifiziert, erläutert Badiou, und seine Musik verwandele „das Leiden zu einer Form des Daseins“. Alles geht also auf Wagner zurück, alles wird neu aus seiner Musik entwickelt in Badious großspuriger Theorie über die Erneuerung großer Kunst, die heute fällig sei, mit der zugleich Wagner entnazifiziert wird und für die der Autor allerdings etliche musikalische und historische Tatsachen flexibel handhaben muss.
Vergleichsweise bescheiden steht neben diesem philosophischen Getöse die Ausstellung „Verstummte Stimmen“, die von der Verfolgung jüdischer Sänger in Bayreuth berichtet und seit vergangenem Sonntag in einigen Stelltafeln auf dem Grünen Hügel und im Rathaus von Bayreuth zu besichtigen ist. Kuratiert von dem Historiker Hannes Heer unter Beratung des Sängerspezialisten Jürgen Kesting, war sie zuvor schon 2006 in Hamburg zu sehen, 2008 in Berlin und Stuttgart, 2009 in Darmstadt und 2011 in Dresden. Es ist nötig, sich diese Daten vor Augen zu führen, um zu begreifen: Bayreuth ist wieder einmal Schlusslicht, wo es mit leuchtendem Beispiel hätte vorangehen können.
Wagner und ich - seine Opern inszenieren Muster, nach dem der
Evolutionsprozess sich organisiert
Rüdiger Kalupner (Ruediger_Kalupner)
- 27.07.2012, 12:55 Uhr
Tja, alle Jahre wieder die inszenierte Publikumsbelehrung in Bayreuth
Volker Mueller (MrVo)
- 26.07.2012, 18:01 Uhr
"Warum hören wir Wagner am liebsten in Bayreuth?"
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 26.07.2012, 02:07 Uhr
@ Herr Roberts,wie wahr ...
Volker Mueller (MrVo)
- 26.07.2012, 00:00 Uhr
Wagner ist einen Artikel wert
Thomas Lindenmeyer (ThLindenmeyer)
- 25.07.2012, 21:55 Uhr