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Veröffentlicht: 15.05.2017, 21:57 Uhr

450 Jahre Monteverdi Lieben, singen, beten, tanzen

Vor 450 Jahren ist der Komponist Claudio Monteverdi in Cremona getauft worden. Das feiert die ganze Welt: mit Psalmen, mit Bällen und mit Opern.

von Anja-Rosa Thöming

Die Lust an der lebensprallen, theatralischen Wirkung, die von Claudio Monteverdis „Marienvesper“ – einem geistlichen Werk immerhin – ausgeht, ist frappierend. Sie lässt einen unwillkürlich an Caravaggio denken. Ähnlich wie der Maler 1601 in seinem berühmten Gemälde „Das Nachtmahl in Emmaus“ mit hervorspringender Gestik das Erstaunen, ja das Erschrecken der Jünger über den Auferstandenen ins Bild setzt, so kraftvoll und raffiniert zugleich deutet Monteverdi die altbekannten Psalmtexte und liturgischen Formeln aus, die seit Jahrhunderten den Grundstock christlicher Andacht bildeten. Anders, als man vielleicht meinen könnte, steht diese gleichsam szenische Präsenz der Musik zum geistlichen Thema nicht im Widerspruch. Sie zeigt vielmehr, dass Monteverdi, dessen Tauftag heute genau 450 Jahre zurückliegt, ein gleichermaßen lebhaftes Interesse an Texten und Inhalten hatte, ob sie nun geistlich waren oder weltlich.

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Die Marienvesper von 1610 ist eines der großen Rätsel europäischer Musikgeschichte. Für welchen Aufführungsort wurde sie geschrieben? Ist sie ein zusammengehöriges Werk oder eine Sammlung einzelner Sätze? Und unter welchen Umständen hat Monteverdi dieses opus summum überhaupt komponiert? Schließlich war sein Leben unmittelbar vor Drucklegung von großer seelischer Anspannung geprägt, wie wir aus seinen Briefen wissen. Von großem Erfolg einerseits – 1607 geht die Oper „Orfeo“ über die Bühne, 1608, anlässlich der Hochzeit des mantuanischen Herzogs Gonzaga, die Oper „Arianna“ – von Schicksalsschlägen andererseits. 1607 stirbt Monteverdis Frau Claudia; die beiden Söhne sind sieben und drei Jahre alt. Als Zufluchtsort bleibt der Restfamilie nur Monteverdis Vaterhaus in Cremona, von wo er jedoch immer wieder ins ungeliebte Mantua zurückbeordert wird. Erst 1613, mit Antritt der höchst angesehenen Stelle des Domkapellmeisters von San Marco in Venedig, kann er befreit aufatmen.

© YouTube/Passion Baroque

Die prachtvolle Vespermusik ist Papst Paul V. gewidmet und laut Titel „für Kapellen und Fürstengemächer“ geeignet. In der Sixtinischen Kapelle war eine Aufführung undenkbar; hier wurde ein A-capella-Gesang gepflegt, der von weltlichen Einflüssen unberührt sein sollte. Aber Monteverdis Vertonung der Vesperpsalmen, des Magnificats und der Sologesänge ist durchdrungen von weltlicher Musiksprache: madrigalische Wortausdeutungen, dramatische Operneffekte, tänzerische Rhythmen, doppelchörig gebaute Architektur. Schon allein, wie die Ehrbezeugung am Ende jedes Psalms, „Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto…“, sieben Mal nahezu komplett seine Gestalt ändert, ist überwältigend.

46421516 © (Outhere/Note 1) Vergrößern Vespro della Beata Vergine (1610). Monteverdi Choir, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner. 1 DVD, 1 Blueray Alpha music 705 (Outhere/Note 1)

Mit einem bis heute gültigen Ergebnis hatte der britische Dirigent John Eliot Gardiner 1989 eine Aufführung der Marienvesper im Markusdom in Venedig „inszeniert“, die jetzt zum 450. Jubiläum als CD und DVD wieder aufgelegt wurde. Sein weltberühmter Monteverdi Choir – auch schon über fünfzig Jahre alt – wurde damals in kardinalrote Roben gesteckt und auf verschiedenen Emporen, Kanzeln sowie im Altarraum der Basilika postiert. Chor, Solisten und Orchester (verstärkt vom Ensemble „His Majesties Sagbutts and Cornetts“) agierten auf höchstem musikalischen Niveau, und die DVD ist ein sinnvolles Projekt, weil die Kameraführung den von Mosaiken durchwirkten Kirchenraum von San Marco in sorgfältiger, auf das geistliche Werk abgestimmter Regie erkundet.

46421517 © Universal Vergrößern Vespro della Beata Vergine (1610). Monteverdi Choir u. a., John Eliot Gardiner. 2 CDs, 1 DVD Deutsche Grammophon 00028947 971764 (Universal)

Ebenfalls von feinster Qualität, wenn auch in den Soloparts mit Hang zum Manierierten, ist Gardiners zweite Vesper-Produktion auf DVD, aufgezeichnet 2014 in der Schlosskapelle von Versailles. Doch sind hier einige Bedenken anzumelden: Gardiner hat unter seinen Fans einen Status erreicht, wie ihn einstmals Herbert von Karajan genoss. Das schlägt sich in der auf ihn zugeschnittenen Bildregie nieder, und die weißgoldene Ästhetik von Versailles präsentiert sich bei weitem nicht so zwingend wie die byzantinischen Schönheiten der venezianischen Basilika.

46422189 © Harmonia Mundi Vergrößern Vespro della Beata Vergine (1610). Dresdner Kammerchor u. a., Hans- Christoph Rademann. 2 CDs Raumklang 9605

Als Referenzaufnahme deutscher Provenienz überzeugt ein akustisch hervorragend gelungener Live-Mitschnitt der Vesper aus dem Meißner Dom, mit dem Dresdner Kammerchor unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann; schön aussingend, leichtfüßig, und zu gegebener Zeit – etwa im Magnificat – Ehrfurcht gebietend.

46422190 © Sony Vergrößern Vespro della Beata Vergine 1650. La Capella Ducale, Musica Fiata, Roland Wilson. 1CD Deutsche Harmonia Mundi 88985375132 (Sony)

Gegen die musikantische Freude und Fülle eines groß besetzten Chors hat ein Solistenensemble mit nur acht Stimmen wie die Capella Ducale es nicht leicht. Unter der Leitung des Zink-Spielers Roland Wilson präsentiert sie eine weitere Sammlung Monteverdischer Vesperpsalmen, die der Verleger Vincenti nach dessen Tod zusammengestellt hatte, und kombiniert sie mit Solomotetten venezianischer Komponisten. Ein „Salve Regina“, ungewöhnlich mit drei Männerstimmen besetzt, zeigt einmal mehr, wie sehr sich Monteverdis kompositorische Phantasie von dem ausdrucksvollen Text beflügeln ließ.

46421521 © Outhere/Note 1 Vergrößern Monteverdi, I 7 Peccati Capitali. Cappella Mediterranea, Mariana Flores u.a. Leonardo García Alarcón. 1CD Alpha Classics 249 (Outhere/Note 1)

Den Opernkomponisten Monteverdi porträtiert eine bemerkenswerte CD mit verschiedenen Auszügen unter dem leicht irreführenden Titel „I 7 peccati capitali“, „Die sieben Todsünden“, als da wären „Neid“, „Stolz“, „Zorn“ et cetera. Das eigentlich Besondere ist jedoch die dichte, intensive Theater-Atmosphäre, in die uns der argentinisch-schweizerische Dirigent Leonardo García Alarcón hineinführt. Die Sänger – zwei Soprane und ein Countertenor, zwei Tenöre und ein Bass – sind nicht nur stimmlich exzellent aufgelegt, sie erschaffen mit ihrem Gesang Musiktheater, szenische Wirklichkeit. Ob es das Streitgespräch zwischen der zur Macht aufstrebenden Poppea mit ihrer alten Vertrauten Arnalta ist – ein Tenor in Frauenkleidern, wie auf Shakespeares Bühne –, ob es die Freier der Penelope sind, welche die Ankunft des Odysseus fürchten, oder ob es Orpheus ist, der einsam, nur mit seiner Lyra bewehrt, vor dem Tor zur Unterwelt steht; es sind menschliche Charaktere, die im Gesang lebendig werden und in den dazugehörigen Instrumenten: Die grandiose Cappella Mediterranea gestaltet die Szenen gleichberechtigt mit.

46421522 © Outhere/Note 1 Vergrößern Claudio Monteverdi, Salomone Rossi: Balli & Sonate. Ensemble Clematis, Stéphanie de Failly. 1 CD Ricercar 377 (Outhere/Note 1)

Es ist ja auch passend, ein Jubiläum mit Tänzen zu feiern. „Balli & Sonate“ heißt eine neue Platte mit Instrumentalstücken von Monteverdi und dem nur wenig jüngeren Geiger Salomone Rossi. Sie spiegelt das höfische Flair Mantuas wider. Im Zentrum stehen der berühmte „Ballo delle Ingrate“ von Monteverdi sowie die vielen tänzerischen Ritornellsätze aus „Orfeo“. Ein erfrischend leichter Ton kommt durch mantuanische Lieder herein und durch fröhlich-virtuose Variationen über die Bergamasca, einem ostinaten Bassmodell. Das fabelhafte Ensemble „Clematis“ wird geleitet von der belgischen Barockgeigerin Stéphanie de Failly; nicht zufällig ist sie auch die führende Geigerin der Sammlung „I 7 Peccati capitali“. Musikern wie ihr verdanken wir das Erleben menschlicher Affekte durch eine Instrumentalmusik, die den Gesang nicht nur stützt, sondern anteilnehmend vielfach spiegelt, und damit genau Monteverdis Absichten umsetzt.

Glosse

Nackte Frauen reichen nicht mehr

Von Ursula Scheer

Alles außer Autoreifen: Es begann mit leicht bis kaum bekleideten Frauen, doch das ist längst kein Thema mehr. Der Pirelli-Kalender gibt sich immer bedeutsamer. Mehr 2 7

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