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450 Jahre Monteverdi : Lieben, singen, beten, tanzen

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Vespro della Beata Vergine (1610). Monteverdi Choir u. a., John Eliot Gardiner. 2 CDs, 1 DVD Deutsche Grammophon 00028947 971764 (Universal)
Vespro della Beata Vergine (1610). Monteverdi Choir u. a., John Eliot Gardiner. 2 CDs, 1 DVD Deutsche Grammophon 00028947 971764 (Universal) : Bild: Universal

Ebenfalls von feinster Qualität, wenn auch in den Soloparts mit Hang zum Manierierten, ist Gardiners zweite Vesper-Produktion auf DVD, aufgezeichnet 2014 in der Schlosskapelle von Versailles. Doch sind hier einige Bedenken anzumelden: Gardiner hat unter seinen Fans einen Status erreicht, wie ihn einstmals Herbert von Karajan genoss. Das schlägt sich in der auf ihn zugeschnittenen Bildregie nieder, und die weißgoldene Ästhetik von Versailles präsentiert sich bei weitem nicht so zwingend wie die byzantinischen Schönheiten der venezianischen Basilika.

Vespro della Beata Vergine (1610). Dresdner Kammerchor u. a., Hans- Christoph Rademann. 2 CDs Raumklang 9605
Vespro della Beata Vergine (1610). Dresdner Kammerchor u. a., Hans- Christoph Rademann. 2 CDs Raumklang 9605 : Bild: Harmonia Mundi

Als Referenzaufnahme deutscher Provenienz überzeugt ein akustisch hervorragend gelungener Live-Mitschnitt der Vesper aus dem Meißner Dom, mit dem Dresdner Kammerchor unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann; schön aussingend, leichtfüßig, und zu gegebener Zeit – etwa im Magnificat – Ehrfurcht gebietend.

Vespro della Beata Vergine 1650. La Capella Ducale, Musica Fiata, Roland Wilson. 1CD Deutsche Harmonia Mundi 88985375132 (Sony)
Vespro della Beata Vergine 1650. La Capella Ducale, Musica Fiata, Roland Wilson. 1CD Deutsche Harmonia Mundi 88985375132 (Sony) : Bild: Sony

Gegen die musikantische Freude und Fülle eines groß besetzten Chors hat ein Solistenensemble mit nur acht Stimmen wie die Capella Ducale es nicht leicht. Unter der Leitung des Zink-Spielers Roland Wilson präsentiert sie eine weitere Sammlung Monteverdischer Vesperpsalmen, die der Verleger Vincenti nach dessen Tod zusammengestellt hatte, und kombiniert sie mit Solomotetten venezianischer Komponisten. Ein „Salve Regina“, ungewöhnlich mit drei Männerstimmen besetzt, zeigt einmal mehr, wie sehr sich Monteverdis kompositorische Phantasie von dem ausdrucksvollen Text beflügeln ließ.

Monteverdi, I 7 Peccati Capitali. Cappella Mediterranea, Mariana Flores u.a. Leonardo García Alarcón.

1CD Alpha Classics 249 (Outhere/Note 1)
Monteverdi, I 7 Peccati Capitali. Cappella Mediterranea, Mariana Flores u.a. Leonardo García Alarcón. 1CD Alpha Classics 249 (Outhere/Note 1) : Bild: Outhere/Note 1

Den Opernkomponisten Monteverdi porträtiert eine bemerkenswerte CD mit verschiedenen Auszügen unter dem leicht irreführenden Titel „I 7 peccati capitali“, „Die sieben Todsünden“, als da wären „Neid“, „Stolz“, „Zorn“ et cetera. Das eigentlich Besondere ist jedoch die dichte, intensive Theater-Atmosphäre, in die uns der argentinisch-schweizerische Dirigent Leonardo García Alarcón hineinführt. Die Sänger – zwei Soprane und ein Countertenor, zwei Tenöre und ein Bass – sind nicht nur stimmlich exzellent aufgelegt, sie erschaffen mit ihrem Gesang Musiktheater, szenische Wirklichkeit. Ob es das Streitgespräch zwischen der zur Macht aufstrebenden Poppea mit ihrer alten Vertrauten Arnalta ist – ein Tenor in Frauenkleidern, wie auf Shakespeares Bühne –, ob es die Freier der Penelope sind, welche die Ankunft des Odysseus fürchten, oder ob es Orpheus ist, der einsam, nur mit seiner Lyra bewehrt, vor dem Tor zur Unterwelt steht; es sind menschliche Charaktere, die im Gesang lebendig werden und in den dazugehörigen Instrumenten: Die grandiose Cappella Mediterranea gestaltet die Szenen gleichberechtigt mit.

Claudio Monteverdi, Salomone Rossi: Balli & Sonate. Ensemble Clematis, Stéphanie de Failly.

1 CD Ricercar 377 (Outhere/Note 1)
Claudio Monteverdi, Salomone Rossi: Balli & Sonate. Ensemble Clematis, Stéphanie de Failly. 1 CD Ricercar 377 (Outhere/Note 1) : Bild: Outhere/Note 1

Es ist ja auch passend, ein Jubiläum mit Tänzen zu feiern. „Balli & Sonate“ heißt eine neue Platte mit Instrumentalstücken von Monteverdi und dem nur wenig jüngeren Geiger Salomone Rossi. Sie spiegelt das höfische Flair Mantuas wider. Im Zentrum stehen der berühmte „Ballo delle Ingrate“ von Monteverdi sowie die vielen tänzerischen Ritornellsätze aus „Orfeo“. Ein erfrischend leichter Ton kommt durch mantuanische Lieder herein und durch fröhlich-virtuose Variationen über die Bergamasca, einem ostinaten Bassmodell. Das fabelhafte Ensemble „Clematis“ wird geleitet von der belgischen Barockgeigerin Stéphanie de Failly; nicht zufällig ist sie auch die führende Geigerin der Sammlung „I 7 Peccati capitali“. Musikern wie ihr verdanken wir das Erleben menschlicher Affekte durch eine Instrumentalmusik, die den Gesang nicht nur stützt, sondern anteilnehmend vielfach spiegelt, und damit genau Monteverdis Absichten umsetzt.

Quelle: F.A.Z.

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