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Vom Film an die Oper Zum Teufel mit dem Wald

 ·  Ein Oscar-Preisträger macht noch keinen Bühnenerfolg: Das Theater an der Wien wollte mit Stefan Ruzowitzky als Opernregisseur glänzen. Doch sein „Freischütz“ blieb in Klischees stecken.

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Der Teufel bittet zum Tanz. In Stefan Ruzowitzkys „Freischütz“-Inszenierung am Theater an der Wien klären sich die Verhältnisse noch vor der Ouvertüre: In wackligem Stummfilm zeigt der Regisseur - immerhin einer der diversen aktuellen österreichischen Oscar-Preisträger - die krude Vorgeschichte von Carl Maria von Webers Jägerdrama. Als Begleiter am verstaubten Kinoklavier fungiert niemand anderes denn der diabolische Samiel, der auch danach auf der Bühne in Gestalt des amüsierten Karl Markovics und mit rotem Frack und Zylinder hollywoodesk die Szenerie der biederen und biedermeierlichen deutschen Provinz beherrschen wird - und am Ende dem Liebespaar die Gage vor die Füße wirft.

Ist also der „Freischütz“, dieses frömmelnde und obrigkeitstreue urdeutsche Schützenfest, in Wahrheit eine Ausgeburt der Hölle? Diese Frage zu beantworten, waren neben dem österreichischen Bundeskanzler in der Regieloge allerhand Exponenten des heimischen Kulturlebens und tout Wien gekommen. Doch Ruzowitzky, der mit seinem Film „Die Fälscher“ viel Renommee und mit dem Epos der „Siebtelbauern“ viel heimatfilmische Authentizität erworben hatte, holte im Verlauf des Abends nicht viel mehr Teuflisches aus dem Stück heraus. Bieder und vorhersehbar gerieten Personenregie und die Gestik der bewusst disparat ausgestatteten Protagonisten: schwarzes Jazzerhütchen zu roter Fasanfeder, Königin-Luise-Babydoll zu knappem Matronenkostüm, Lederweste zu Lackzylinder - so kostümiert würde man beim Wiener Jägerball von den tolerantesten Türstehern abgewiesen.

Sternschnuppe im kontrollierten Gallop

Dass es beim „Freischütz“ weniger um einen abstrusen Teufelspakt mit Goldenem Schuss als um verzweifelte, ums materielle Überleben kämpfende Diesseitsmenschen geht, klang eher aus dem Orchestergraben nach oben. Bertrand de Billy nahm Webers ohnehin schon pralle Partitur wie eine Einladung zum harten Rhythmisieren. Im kontrollierten Galopp trieb er das ORF-Radiosymphonieorchester durch die tänzerisch-wilden Passagen und ließ bei Bedarf chthonisch-metallische Ursubstanz aufheulen. Weniger der Regieneuling als die abgefeimten Musikprofis führten großartig vor, wie diese kompositorische Sternschnuppe Weber die Bühne jener Zeit mit unheimlichem Flackern und todeswehem Sehnen, mit erotischem Jauchzen und ersterbender Resignation erschüttert hatte.

Es passte zu Ruzowitzkys durch und durch gemütlicher Personenregie, dass nicht die beiden liebenden Hauptfiguren den größten Applaus einheimsten, sondern zu Recht Mojca Erdmanns stimmlich und körperlich graziles Ännchen sowie der imponierend sprach- und stimmgewaltige Falk Struckmann als Kaspar. Der etwas ridiküle Max, den Simon O'Neill imponierend dynamisch, aber zuweilen etwas gestemmt in Kurzhosen und rutschenden Kniestrümpfen als Dorftrottel darstellen musste, fiel dagegen leicht ab. Und auch Elza van den Heevers in den Koloraturen sichere, kraftvolle, aber darstellerisch blasse Agathe im weißen Wallegewand, die statt eines Jungfernkranzes ein scharfes Spitzenmieder in die hilflosen Hände bekommt, konnte weder romantische Irrsinnsliebe noch ihre abgründigen Schattenseiten sonderlich hör- oder gar sichtbar machen.

Keine Tannennadel weit und breit

Warum nur hatte sich der Satan für seinen Menschenversuch gerade diese beiden armen Teufelchen ausgesucht? Das Landleben, nach dessen lakonisch-harter Evokation auf der Leinwand Intendant Geyer den Filmer Ruzowsky erst für die Opernregie entdeckte und dessen Dünste ein Duftkino mit Latschenkiefern-Aroma nur für Momente ins Publikum pusten konnte, tauchte auf der Bühne als schwarz versengter Pfahlbau mit Treppendeck auf. Dieser unsinnliche Kahlschlagswald wie nach einem Vulkanausbruch negierte ersatzlos alle Mittelgebirgsromantik mit Tieren von der Roten Liste; abgeschossene Adler, Wiedehopf und Luchs, Wölfe und Sechzehnender gab es sowenig zu sehen wie eine einzige Tannennadel.

Statt inneren und äußeren Landschaften fielen dem Regisseur Opernklischees ein: Rampen-Arien, ein schwer verzottelter Eremit und ein unbeholfen gestikulierender Chor. Film und Bühne, Cut und Akt, Atmo und Arie sind offenbar denn doch getrennte Welten. Deutlich wurde an diesem Abend, dass Webers archetypische Romantikoper samt ihren dutzendweise genialen Ohrwurm-Nummern um Jungfernkranz und Jägervergnügen nicht im Vorbeigehen abzuliefern ist, sondern von Bild zu Bild als Irrwitz und Verrückung, Aggression und Verstörung aus der Partitur zu erarbeiten wäre. Nebenbei mit leichter Hand ist der „Freischütz“ nicht zu haben. Um die unfreiwillige Komik des furchtbar staats- und gottestreuen Librettos zu umgehen, bedarf es packender Bilder und glaubhafter Charaktere am Abgrund - nicht aber einer Wolfsschlucht aus Pappmaché, ein blutendes Lemurenballett und Platzpatronensalven. So aber singt Agathe innig weltentrückt empor zur stratosphärischen Asche: „Und ob die Wolke sie verhülle, die Sonne bleibt am Himmelszelt. Es waltet dort ein heil'ger Wille, nicht blindem Zufall dient die Welt.“ Ihr Wort in Teufels Ohr.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

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