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„Volksfeind“-Gastspiel zensiert : Keine Stimme für niemand

Zensiert: Christoph Gawenda (l) und Thomas Bading in einer Aufführung von Ibsens „Ein Volksfeind“ in der Schaubühne Berlin. Bild: Arno Declair/Schaubühne Berlin/dpa

Beifall für die falsche Seite: Die Inszenierung von Ibsens „Volksfeind“ in Peking sorgte für Aufruhr im Publikum. Nun wurde die China-Tournee der Berliner Schaubühne ganz abgesagt.

          Erst wurden zwei Aufführungen der Berliner Schaubühne von Ibsens „Volksfeind“ in Peking nach der Premiere „angepasst“, sprich: zensiert. Dann wurden die letzten beiden geplanten Aufführungen in Nanjing ganz abgesagt. Aus „bühnentechnischen Gründen“, hieß es offiziell. Falls dies eine gesichtswahrende Lösung sein sollte, so wurde sie am Donnerstag ad absurdum geführt, als auch noch das Begleitprogramm gekippt wurde. Ein Gespräch zwischen Florian Borchmeyer, dem Dramaturgen des Stücks, und dem Literaturprofessor Lü Xiaoping, veranstaltet vom Goethe-Institut und der Universität Nanjing, durfte nicht stattfinden. Lü wollte sich dazu gegenüber dieser Zeitung lieber nicht äußern. Der Eklat hatte da längst die höchste politische Ebene erreicht und die Bundesregierung am Mittwoch ihr Bedauern darüber an das chinesische Kulturministerium übermittelt.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Vergangenen Donnerstag war Premiere im Nationalen Zentrum für Darstellende Künste. Es liegt neben dem Tiananmen-Platz und ist deshalb ein politisch aufgeladener Ort. Auch das mag eine Rolle gespielt haben. Was die Zensoren in Peking beunruhigte, war nicht der Text, den die Berliner Schauspieler vortrugen, sondern die Reaktion der Zuschauer: Die Inszenierung der Schaubühne sieht von jeher einen Dialog mit dem Publikum vor, hier über die Frage, ob es auf der Seite des Badearztes Stockmann steht, der die Öffentlichkeit davor warnen will, dass das Kurbad verseucht ist, oder auf der Seite „der Mehrheit“, die ihn als Volksfeind diffamiert.

          Klar markierte Leerstelle

          Es dauerte eine Weile, bis die Pekinger Zuschauer begriffen, dass ihre Meinung gefragt war. Doch dann brach es aus ihnen heraus: In China würden auch Umweltskandale vertuscht. Die Medien würden nicht die Wahrheit sagen. Es gebe keine Redefreiheit. „Es ist das erste Mal, dass ich ein Publikum gesehen habe, das sich so politisch äußert“, sagt ein chinesischer Theaterkritiker, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Die Zuschauer haben das Stück nicht wirklich verstanden. Sie machten einfach ihrer Unzufriedenheit über die Regierung Luft.“

          Die Zensoren hatten offenbar nicht erwartet, dass ein mehr als 130 Jahre altes Stück eine solche Reaktion hervorrufen würde. Wie üblich, hatte die Schaubühne nicht nur den Text des Stücks, sondern auch ein Video der Inszenierung eingereicht. Es wurde durchgewunken. Vielleicht hielten die Zensoren Ibsen auch für sicher. Der Norweger mit seiner Kritik an der frühkapitalistischen Gesellschaft gilt als wichtiger Bezugspunkt der 4.-Mai-Bewegung von 1919, dem Gründungsmythos des modernen Chinas. Dass die Aufführung so kein zweites Mal möglich sein würde, war wohl jedem klar, der am Donnerstag im Saal saß. „Ich hatte befürchtet, dass es am nächsten Tag gar keine Aufführung mehr geben würde“, sagt der Theaterkritiker. „Der Verantwortliche des Theaters stand unter extrem hohem Druck.“

          Doch stattdessen wurde bis in die frühen Morgenstunden ein Kompromiss ausgehandelt: kein Dialog, aber eine klar markierte Leerstelle. „Hier sollte eigentlich ein Dialog mit Ihnen stattfinden“, sagt Stockmann bei der zweiten Aufführung. „Aber der Herr Verleger hat keine Stimme mehr.“ Man habe keine „verbrannte Erde hinterlassen“ und keinen Skandal produzieren wollen, der nur in Deutschland, nicht aber in China hätte offen diskutiert werden können, sagte Direktor Tobias Veit.

          Die Auswirkungen möglichst begrenzen

          In Chinas sozialen Netzwerken verbreitete sich die Kunde von der explosiven Veranstaltung schnell, doch genauso schnell wurden die Beiträge wieder gelöscht. Karten für die zweite Aufführung waren, obwohl noch etliche Plätze frei waren, nur noch auf dem Schwarzmarkt zu erhalten. Und die chinesischen Rezensenten hielten sich zurück: „Wir einigten uns mit dem Nationaltheater darauf, nicht allzu viel zu sagen“, sagt der Kritiker. Dahinter stand die Sorge, dass der Eklat die Spielräume für internationale Theaterkooperationen, die unter Präsident Xi Jinping ohnehin kleiner geworden sind, weiter verringern könnte. Man war sich einig, „die Auswirkungen möglichst zu begrenzen“, sagt der Kritiker; das Theater habe mehr Funktionen als die offene Konfrontation mit der Regierung. Er fürchtet, dass die Absage reflexhaft in bekannte Deutungsmuster gepresst werde – in das Bild von den Chinesen, die keine Möglichkeit hätten, ihre Meinung zu äußern: „Ich denke nicht, dass es in China unmöglich ist, ein Stück zu zeigen, das die Realität widerspiegelt.“ Die Zensur in China sei ein komplexer Prozess, in dem es auch Menschen gebe, die darum ringen, möglichst viel Wahrheit auf die Bühne zu bringen. In kleineren Theatern würden Aufführungen oft als „nur für Mitarbeiter“ deklariert, das werde stillschweigend geduldet.

          Bei der Premiere saßen Mitarbeiter des Jiangsu Center for the Performing Arts im Publikum, in dem die letzten beiden Aufführungen hätten stattfinden sollen. Es gehört zum Wesen der chinesischen Zensur, dass niemand genau weiß, warum und von wem etwas verboten wird, was anderswo erlaubt ist. So ist unklar, ob die Entscheidung zum Abbruch auf lokaler Ebene getroffen wurde oder in Peking, womöglich vom Theater in Nanjing selbst. „Das wäre nachvollziehbar, wenn nicht gar zu erwarten“, sagt der Kritiker. Schließlich müsse das Theater auch künftig noch mit der Lokalregierung zusammenarbeiten.

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