30.08.2010 · Zweihundert Jahre lag sie im Altpapier: Vivaldis erste Oper „Ottone in villa“ wurde bei den Innsbrucker Festwochen aufgeführt. Die Kaiserkomödie aus dem Jahr 1713 zeigt Dauerbrennerqualitäten.
Von Dirk SchümerAuch lange nach seinem Tod erweist sich Antonio Vivaldi als klassischer Spätstarter. Hatte der umjubelte Geigensolist seine Karriere als Opernkomponist erst mit fünfunddreißig Jahren begonnen, so verschwand sein Schaffen von 1740 an für zweihundert Jahre in der Versenkung. Doch während inzwischen jedes Kind die Melodien der „Vier Jahreszeiten“ summen kann, holen Vivaldis immerhin rund sechzig Bühnenwerke erst nach und nach auf; noch immer sind längst nicht alle Opern des rothaarigen und asthmatischen Genies aus Venedig eingespielt.
Die römische Kaiserkomödie „Ottone in villa“ führte nun in Innsbruck vor, wie souverän und kundig der Maestro seine ersten Schritte 1713 auf die heiklen Bretter setzte, die ihm später eine Primadonna als Geliebte, ein aufregendes und ökonomisch schwieriges Theaterleben und am Ende einen traurigen Tod unweit des Wiener Kärntnertors einbringen sollten.
Umwuchert von bedrohlich projizierten Riesenblumen
Deda Cristina Colonnas Regie nimmt diesen - historisch komplett fiktiven - „Ottone“ nicht allzusehr von der burlesken Seite, die der Librettist Domenico Lalli hemmungslos bis zur Persiflage gesteigert hat. Statt den liebestrunkenen und arg begriffsstutzigen Kaiser Otto als seinen eigenen Hofnarren zu desavourieren und seine Favoritin Cleonilla als eher klinische Nymphomanin herauszuarbeiten, entführt Colonna das Publikum vor der Projektion eines Piranesi-Stichs in ein Fabel-Rom, wie es nur in den aberwitzigen Koloraturen und schmeichelnden Melodien der Barockoper existiert - Geschichte als Traumspiel. In diesem psychedelischen Szenario - mal von bedrohlich projizierten Riesenblumen umwuchert, mal in optische Irrgärten gelockt - darf das überschaubare Höflingspersonal seinen für alle unbefriedigenden Liebesreigen tanzen.
Leider konnte die Regie aber der außerwirklichen Szenerie keine handfeste Personenführung abgewinnen, allzu oft versandeten die Bewegungen vor einer öde geweißten Rauhfaserkulisse. Ob wenigstens der lebensgroße Papp-Vogelstrauß, der immer wieder quer über die Bühne rollt und auf dem die gelenkigsten Sängerinnen einige Bravourarien im Stil von Jockeys zu absolvieren haben, als Wappentier dieser welt- und politvergessenen Leisure Class dienen sollte?
Dem Sound fehlte die nötige Grundierung
Den Kopf steckten die Solisten glücklicherweise nicht in den Sand, sondern waren der anspruchsvollen Partitur, die seinerzeit nur im provinziellen Vicenza aufgeführt wurde, ziemlich gut gewachsen. Sonia Prina in der Kastraten-Titelrolle mimt dabei nicht nur den dämlichen Herrscher adäquat, sondern kontrolliert die roulierenden Koloraturen ohne arges Behauchen und ohne Forcieren staunenswert sicher. Neben ihr und dem warmen Alt von Lucia Cirillo in der grazilen Hosenrolle des Caio schafft es vor allem der polnische Tenor Krystian Adam, der heikel mensurierten Tenorpartie des Decio mit stupender Technik und fließender Stimmführung Kontur zu verleihen.
Wer mag bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik auf die Idee gekommen sein, das italienische Spezialensemble „Il Giardino Armonico“ als „das wohl berühmteste Barockmusikensemble unserer Zeit“ anzupreisen? Auch ein paar Etagen tiefer, auf dem Tummelplatz vorzüglicher, oft italienischer Spezialorchester mit Originalinstrumentenklang, hat dieser harmonische Giardino ein paar schmerzliche Lücken in den Rabatten. Dirigent Giovanni Antonini mag sich mit bewusst heller Orchesterfarbe am Violinenklang Vivaldis orientiert haben, doch fehlte dem Sound ohne Theorben, nur mit einer dünnen Barockharfe und mit einem über den Stimmen parlierenden Cembalo immer wieder die nötige Grundierung. Wirklich betörend wurde es erst, als der Blockflötist Antonini eine elegische Echo-Arie selbst solistisch aufpolierte und akrobatisch mit dem Flauto Dolce zu dirigieren vermochte.
Der Opernerstling glänzt schon mit Weltstadtmusik
Vivaldi, das hörte man diesem reizenden, aber noch nicht ausgereiften Opernerstling an, feilte damals vor allem bei den ungewohnten Gesangspartien an seinem Personalstil, der später oszillieren und funkeln sollte wie die Lagune von Venedig an einem Sonnentag. Unter Verzicht auf verwickelte Kontrapunktik, mit viel unisono begleiteten Melodien und rhythmischen Glanzlichtern schuf der „Prete Rosso“ so eine veritable Weltstadtmusik: nervös, schillernd und etwas versnobt - passend zu den libidinös hochgezüchteten und charakterlich degenerierten Aristokraten auf der Bühne (und gewiss auch im Parkett).
Der sensible Spätstarter Vivaldi, dessen Manuskripte zweihundert Jahre als Altpapier eher zufällig überdauert haben, erweist sich jedenfalls mit diesem Frühwerk als Dauerbrenner, an dem wir noch lange Spaß haben werden.