Home
http://www.faz.net/-gs3-75jt7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Vier „Zauberflöten“ Die Strahlen der Sonne

Vier neue Produktionen der „Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart halfen mit, den Jahreswechsel zu bewältigen, in Amsterdam, Meiningen, Straßburg und Berlin.

© Matthias Baus Vergrößern Ertrinken, Versinken: Tamino (Maximilian Schmitt) und Pamina (Christina Landshamer) kämpfen sich durch die Wasserprobe in Amsterdam.

Wer hat an den Feiertagen, die hinter uns liegen, wieder die „Zauberflöte“ gehört? Und zum wievielten Mal? Mit Mozart nämlich fing das sogenannte Verdi-Wagner-Jahr an. Fünf Opernhäuser brachten in den Wochen vor Weihnachten eine Neuinszenierung dieses alten Wunderrätselmärchens heraus: in Amsterdam, Antwerpen, Meiningen, Straßburg und Berlin. In Stuttgart wurde die Brecht-Bühnenfassung von Peter Konwitschny mit der vollalkoholisierten Nachtkönigin neu aufgelegt: ein Dauerbrenner.

Eleonore Büning Folgen:  

In Wien, wo die „Zauberflöte“ vor 222 Jahren das Licht der Welt erblickt hatte, zeigt die Staatsoper zurzeit die Pappkarton-Lesart von Marco Arturo Marelli, die schon hundertfach gelaufen ist: ein Kassenschlager. Dieser Siegeszug, vermutet Wilhelm Sinkovicz von der Wiener „Presse“, sei wohl auf die zur Mozart-Zeit noch „unzeitgemäße Botschaft der Versöhnung der Geschlechter“ zurückzuführen: „Mann und Weib und Weib und Mann“. Stimmt. Doch es gibt, neben der Liebe, noch ein paar mehr Schlüssel zum Glück in diesem Stück. Zum Beispiel: göttliche Fügungen, einst „Zauberdinge“ genannt und heute eher unter dem Decknamen Zufall unterwegs. Oder: Sex.

22699349 © Matthias Baus Vergrößern Solisten des Knabenchors der Chorakademie Dortmund (3 Knaben), Christina Landshamer (Pamina) in Amsterdam.

Wasser

Amsterdam. Der Vogelhändler und seine Frau sind zwar einfache, aber doch erwachsene Leute. Sie fallen, kaum haben sie einander kennengelernt, sofort übereinander her. Da die „Zauberflöte“ weithin für eine jugendfreie Familienoper gehalten wird, hat es sich eingebürgert, beim „Pa-Pa-Pa“-Duett ein Dutzend Ballettratten auf die Bühne zu schicken, oder es rollen ein paar Kinderwägen an. Dabei handelt die Musik nicht von der Lust der Kinderaufzucht, sondern, ganz eindeutig, von der Lust des Kindermachens.

In Amsterdam hat der britische Film- und Schauspielregisseur Simon McBurney genau auf Mozarts orgiastisch stammelnde Musik gehört. Papageno und Papagena ziehen einander auf der Stelle aus (keine Sorge, sie haben zwiebelartig viel an). Sie küssen sich atemlos in jeder musiknotenfreien Sekunde, sie laufen davon, quer durchs Publikum, immerfort singend, kuschelnd und sich entschuldigend, dass sie leider nicht werden weiter mitspielen können: Sie haben jetzt Besseres zu tun.

Wunderbar frühlingsgrüne, junge Sänger gibt es in dieser „Zauberflöte“. Neben Thomas Oliemans als Papageno und Maximilian Schmitt als Tamino ist vor allem Christina Landshamers leuchtende Pamina-Stimme eine Entdeckung. Die Bühne ist noch sehr viel kahler als die von Brecht oder Konwitschny. Solange die Musik schweigt, ist überhaupt gar nichts zu sehen außer dem Gerüst für die Technik und einer flachen Spielfläche, die auch schweben und kippen, Berg, Tal und Höhle sein kann. Alles entsteht aus dem Stegreif, pointensicher, sekundengenau, sobald der Dirigent Marc Albrecht das Stöckchen aus der Fracktasche zieht und den Einsatz gibt. Er führt sein Nederlands Kamerorkest sicher, schnell und transparent.

Rechts neben der Bühne sieht man in einem Kabuff den Geräuschemacher am Werk, wie er an Blitz und Donner, Wind und Vogelpiep herumschraubt; links an einem Tischchen den Bildermacher. Alles, was er da zusammenpanscht und -zeichnet, das Gebirge, den Garten, die Wolken, Wasser, Feuer, wird abgefilmt und auf die diversen Gaze-Vorhänge projiziert, die blitzschnell aus dem Bühnenhimmel fallen. Als die Königin der Nacht hereinrollt, schüttet es wie aus der Gießkanne, im wahrsten Sinne des Worts. Die Wasserprobe, darin zwei Menschlein auf und nieder fliegen und zum Spielball des Elements werden, sah noch nie so lebensgefährlich aus wie hier. Am Ende verwandeln sich Pamina und Tamino und das ganze Theater in eine Sonne.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Frankfurt Genug vom nächtlichen Lärm durch Partyvolk

Im Frankfurter Nordend sind es die Feiern auf dem Friedberger Platz, in Bornheim sind es die Lokale auf der oberen Berger Straße, die Anwohnern die Nachtruhe rauben. In einem Brief an den Magistrat fordern sie Hilfe. Mehr Von Bernd Günther

18.12.2014, 16:13 Uhr | Rhein-Main
Dann muss es eben ohne Beatbox gehen

Vielleicht ist mittags um zwei auch einfach nicht die richtige Zeit für Cro. Auf der Bühne der Frankfurter Buchmesse jedenfalls musste sich der populäre Sänger erst einmal setzen. Und dann singen. Mehr

11.10.2014, 11:45 Uhr | Feuilleton
TV-Kritik Die Lichtenbergs Kleine Geschenke sind aller Laster Anfang

Der eine ist Politiker, der andere Taxifahrer. Im Scheitern sind die Brüder Lichtenberg unschlagbar. Das ZDF zeigt Axel Prahl in einer Verwechslungskomödie im Geiste Shakespeares. Mehr Von Michael Hanfeld

08.12.2014, 17:25 Uhr | Feuilleton
MTV Awards in Glasgow Newcomerin Ariana Grande räumt Preise ab

Vor allem die Jungen haben bei den MTV Europe Music Awards Preise abgeräumt. Die Newcomerin Ariana Grande setzte sich gegen Alt-Stars wie Beyoncé und Taylor Swift durch und erhielt zwei Preise. Abräumer des Abends waren die Boyband One Direction und Sängerin Katy Perry. Ein Urgestein der Musik wurde aber auch geehrt: Ozzy Osborn bekam einen Preis als Globale Ikone. Mehr

10.11.2014, 12:20 Uhr | Feuilleton
Tom Liwa in Das Bett Der Chansonnier aus dem Ruhrgebiet

Als Künstler sei er Hofnarr und Medizinmann, sagt Tom Liwa. Wie er mit der Gitarre auf Heimatsuche geht, ist heute im Frankfurter Das Bett zu hören. Mehr Von Norbert Krampf

18.12.2014, 18:24 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.01.2013, 14:11 Uhr

Bestimmt jetzt Nordkorea, was Hollywood macht?

Von Michael Hanfeld

Die Sony-Leaks und die Terror-Drohungen der „Guardians of Peace“ bekommen einen immer bittereren Beigeschmack: Nun wurde auch der zweite Film abgesagt. Das nennt man wohl vorauseilende Feigheit. Ein Kommentar. Mehr 8 37