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Dienstag, 18. Juni 2013
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Vier „Zauberflöten“ Die Strahlen der Sonne

 ·  Vier neue Produktionen der „Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart halfen mit, den Jahreswechsel zu bewältigen, in Amsterdam, Meiningen, Straßburg und Berlin.

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Wer hat an den Feiertagen, die hinter uns liegen, wieder die „Zauberflöte“ gehört? Und zum wievielten Mal? Mit Mozart nämlich fing das sogenannte Verdi-Wagner-Jahr an. Fünf Opernhäuser brachten in den Wochen vor Weihnachten eine Neuinszenierung dieses alten Wunderrätselmärchens heraus: in Amsterdam, Antwerpen, Meiningen, Straßburg und Berlin. In Stuttgart wurde die Brecht-Bühnenfassung von Peter Konwitschny mit der vollalkoholisierten Nachtkönigin neu aufgelegt: ein Dauerbrenner.

In Wien, wo die „Zauberflöte“ vor 222 Jahren das Licht der Welt erblickt hatte, zeigt die Staatsoper zurzeit die Pappkarton-Lesart von Marco Arturo Marelli, die schon hundertfach gelaufen ist: ein Kassenschlager. Dieser Siegeszug, vermutet Wilhelm Sinkovicz von der Wiener „Presse“, sei wohl auf die zur Mozart-Zeit noch „unzeitgemäße Botschaft der Versöhnung der Geschlechter“ zurückzuführen: „Mann und Weib und Weib und Mann“. Stimmt. Doch es gibt, neben der Liebe, noch ein paar mehr Schlüssel zum Glück in diesem Stück. Zum Beispiel: göttliche Fügungen, einst „Zauberdinge“ genannt und heute eher unter dem Decknamen Zufall unterwegs. Oder: Sex.

Wasser

Amsterdam. Der Vogelhändler und seine Frau sind zwar einfache, aber doch erwachsene Leute. Sie fallen, kaum haben sie einander kennengelernt, sofort übereinander her. Da die „Zauberflöte“ weithin für eine jugendfreie Familienoper gehalten wird, hat es sich eingebürgert, beim „Pa-Pa-Pa“-Duett ein Dutzend Ballettratten auf die Bühne zu schicken, oder es rollen ein paar Kinderwägen an. Dabei handelt die Musik nicht von der Lust der Kinderaufzucht, sondern, ganz eindeutig, von der Lust des Kindermachens.

In Amsterdam hat der britische Film- und Schauspielregisseur Simon McBurney genau auf Mozarts orgiastisch stammelnde Musik gehört. Papageno und Papagena ziehen einander auf der Stelle aus (keine Sorge, sie haben zwiebelartig viel an). Sie küssen sich atemlos in jeder musiknotenfreien Sekunde, sie laufen davon, quer durchs Publikum, immerfort singend, kuschelnd und sich entschuldigend, dass sie leider nicht werden weiter mitspielen können: Sie haben jetzt Besseres zu tun.

Wunderbar frühlingsgrüne, junge Sänger gibt es in dieser „Zauberflöte“. Neben Thomas Oliemans als Papageno und Maximilian Schmitt als Tamino ist vor allem Christina Landshamers leuchtende Pamina-Stimme eine Entdeckung. Die Bühne ist noch sehr viel kahler als die von Brecht oder Konwitschny. Solange die Musik schweigt, ist überhaupt gar nichts zu sehen außer dem Gerüst für die Technik und einer flachen Spielfläche, die auch schweben und kippen, Berg, Tal und Höhle sein kann. Alles entsteht aus dem Stegreif, pointensicher, sekundengenau, sobald der Dirigent Marc Albrecht das Stöckchen aus der Fracktasche zieht und den Einsatz gibt. Er führt sein Nederlands Kamerorkest sicher, schnell und transparent.

Rechts neben der Bühne sieht man in einem Kabuff den Geräuschemacher am Werk, wie er an Blitz und Donner, Wind und Vogelpiep herumschraubt; links an einem Tischchen den Bildermacher. Alles, was er da zusammenpanscht und -zeichnet, das Gebirge, den Garten, die Wolken, Wasser, Feuer, wird abgefilmt und auf die diversen Gaze-Vorhänge projiziert, die blitzschnell aus dem Bühnenhimmel fallen. Als die Königin der Nacht hereinrollt, schüttet es wie aus der Gießkanne, im wahrsten Sinne des Worts. Die Wasserprobe, darin zwei Menschlein auf und nieder fliegen und zum Spielball des Elements werden, sah noch nie so lebensgefährlich aus wie hier. Am Ende verwandeln sich Pamina und Tamino und das ganze Theater in eine Sonne.

Nacht

Berlin. Auch in der Komischen Oper ist ein britisches Filmteam am Werk: Suzanne Andrade und Paul Barritt von der Trickfilmfirma „1927“. Sie lieben und kopieren die Ästhetik der Stummfilmzeit. Ihre „Zauberflöte“ wurde gleich nach der Premiere zu einem Kultstück hochgelobt und ist deshalb auf Monate hinaus ausverkauft. Für alle Eltern, Großeltern, Kinder und Kindeskinder empfiehlt sich diese Inszenierung gleichwohl, zunächst wegen des spielfilmkompatiblen Formats. Da die Dialoge wegfallen, ersetzt durch Stummfilmzwischentitel auf der Leinwand, ist diese „Zauberflöten“-Version eine gute halbe Stunde kürzer als bei Mozart und Schikaneder. Zweitens wegen ihrer popmusikkompatiblen Lautstärke. Da das „Bühnenbild“ aus einer starren weißen Wand besteht, wird alles, was da recht unsortiert aus den Mündern der Sänger kommt (die arienweise aus der Wand heraus- und hineintreten in die Zeichentrickwelt) oder aber flott krachend aus dem Orchestergraben auffliegt, nach vorn reflektiert. Drittens ist alles ein großer Spaß. Und es gibt nichts, was sich nicht von selbst erklärt.

Die Königin (Julia Novikova) balanciert ihren eiförmigen Marsmenschenkopf über einem Hornissenkörper mit langen Spinnenbeinen: jeder Spitzenton ein Stich. Pamina ist das Ebenbild von Louise Brooks. Papageno sieht aus wie Buster Keaton. Er wird herausragend dargestellt von Dominik Köninger, der als Einziger sauber intoniert. Alle Sänger sind kokainsüchtige Nachtschwärmer, Kreaturen der Anderswelt. Sie haben kajalschwarze Ränder um die Augen. Nur die kleine Zauberflöte fliegt ein in Libellengestalt, Funken und Töne sprühend wie Peter Pans hilfreiche Freundin Tinkerbelle. Ja, so funktionieren Zauberdinge!

Träume

Meiningen. Ein Traum wurde wahr in Meiningen, er ist jede Anreise wert, und sei sie noch so umständlich. Bienenstichgelb, quellwasserblau säumen die seidenbespannten Wandflächen das Parkett des historisch restaurierten Herzoglichen Hoftheaters von 1909, selbst die Messinglampen im Empirestil glänzen so märchenhaft, dass, wenn man sie reibt, sicher ein Dschinn erscheint. Es sind aber kaum Kinder zu sehen in dieser „Zauberflöten“-Vorstellung. Dafür etliche ältere Leute, die einander gut zu kennen scheinen. Man grüßt quer von einem Rang zum anderen. Man fühlt sich gut aufgehoben hier, wie gerahmt, wie in einem Bühnenbild. Tatsächlich singen einige Zuschauer leise mit, erst Taminos Auftrittslied „Zu Hilfe!“, dann das von Papageno, „Heißa hopsassa!“, aber niemand stört sich daran. Diese Lieder gehören uns allen. Diese Töne haben uns schon unser Leben lang begleitet, im Traum sicherlich sogar noch viel länger, wer sollte sie singen, wenn nicht wir?

Papageno (Francis Boyer) springt aus dem Schlafzimmerschrank mitten hinein in das spießbürgerlich vertrocknete Liebesleben von Herrn Tamino (Rodrigo Porras Garulo) und Frau Pamina (Sonja Freitag), die während der Ouvertüre zerstritten und maulig nach Haus kamen. Er trinkt noch rasch einen Whisky, sie schminkt sich ab, dann steigen sie ins kalte Ehebett und schlafen ein, jeder auf seiner Seite. Der junge Regisseur Robert Frey hat sich nämlich gedacht: Eine Oper, die mit einer tiefen Ohnmacht beginnt und mit dem Sonnenaufgang endet, die kann nur des Nachts spielen. Anschließend muss er bei Freud nachgeschlagen haben. Jedenfalls ist die Schlange, von der Tamino geweckt wird, ein Sextraum im Negligé, ausgestattet mit riesiger rosa Vulva und mit Mordsbrüsten. Und die drei ältlichen Damen, die sich zigaretterauchend auf dem Balkon herumdrücken, müssen die neugierigen Nachbarinnen sein, und die stolze Person, die da plötzlich aus dem Badezimmer kommt und Koloraturen speit, das kann nur die Schwiegermutter sein.

Das alles ist zugleich ulkig und trostlos, gut und böse, wie es von Mozart wohl gedacht war. Später, als Chöre dazukommen, bricht das schöne Regiekonzept leider entzwei. So ein Priestermännerchor passt nun mal in kein Elternschlafzimmer. Eine Drehbühne wird nötig, die von einem banalen Symbolraum in den nächsten switcht. Schade auch, dass die Dialoge von den passablen Sängern, die aus Spanien, Frankreich oder der Türkei kommen, so brutal falsch aufgesagt werden. Doch leistet der Generalmusikdirektor Philippe Bach Erstaunliches, er hat feine Holzbläser in seiner Meininger Hofkapelle und auch den Rest sehr gut im Griff.

Natur

Straßburg. Mozart komponierte Esperanto, man versteht die Sprache seiner Musik, wie es auch Haydn einmal von seiner eigenen behauptet hat, „in der ganzen Welt“. Auch an der Straßburger „Opéra national du Rhin“ singen Ungarn, Briten, Amerikaner, Franzosen, Dänen, Deutsche und so weiter. Tamino spricht die Dialoge französisch, Papageno antwortet deutsch. Ein fremder Prinz und ein Wiener Dalck, jeder nach seiner Natur, gleich sind die Fronten klar.

Dirigent Theodor Guschlbauer ist ein Wiener der alten Schule, lange her, dass er bei Hans Swarowsky und Herbert von Karajan studiert hat. Die Orchester im Dreiländereck aber hat er jahrzehntelang geprägt. Von Glanz in den Holzbläsern kann zurzeit nicht die Rede sein, auch dürfte den Freimaurern mehr Posaunenwucht guttun. Die Tempi bleiben behäbig, die Sänger schleppen, auch schön fokussierte Stimmen (etwa die der Pamina von Olga Pasnychik) wirken wackelig. Nur zwei Sänger in dieser neuen Straßburger „Zauberflöte“ singen wirklich punktgenau: Paul Armin Edelmann als Papageno und der Monostatos-Tenor von Adrian Thompson.

Ein Dalck und ein Mohr, die einander für den Teufel halten: „Huhu!“ Viel Mühe hat sich die Regisseurin Mariame Clément mit dieser Begegnung gemacht. Da steigt Papageno in einer müllübersäten flandrischen Dünenlandschaft aus einem abgestürzten, schon tief ins Schilf eingewachsenen Jagdflieger, und Monostatos, von scheußlichen Pickeln übersät, gehört zu dem Nachkriegsmenschenmüll, der in Erdlöchern überlebte.

Es gibt ja kaum eine „Zauberflöten“-Inszenierung mehr, die diesen Wicht, der als Einziger beizeiten exkommuniziert wird aus dem Sonnenparadies der Freundschaft, genau so zeigt, wie ihn Schikaneder und Mozart sahen: als einen Anderen. Einen Alien. Fremde Natur. Gehört nicht zu uns. Kann verprügelt werden, „weil ein Schwarzer hässlich ist“. Das Problem ist heute keineswegs aus der Welt, es darzustellen, mag Akne eine eher ärmliche Notlösung sein. Den zweiten Teil der „Zauberflöte“ hat Clément dann aus der freien Landschaft in die geschlossenen Räume eines naturwissenschaftlichen Instituts verlegt, wo das Schilf hinter Glas vegetiert und Sarastro seine wilde, schwarze Dünennachtkönigin am Ende so fest auf den Mund küsst, dass ihr alternatives Geranke stracks von ihr abfällt und etwas sehr Zivilisiertes, Blondiertes darunter zum Vorschein kommt.

Zur neuen Antwerpener „Zauberflöte“ von David Hermann haben wir es nicht geschafft, nicht, weil man viermal umsteigen muss, sondern, weil sie so unpraktisch selten auf dem Spielplan stand. Wird aber nachgeholt. Überhaupt wird viel qualifiziert weitergeflötet im Wagner-Verdi-Jahr. Zu Ostern dirigiert Simon Rattle in Baden-Baden die neue „Zauberflöten“-Inszenierung von Robert Carsen. Und im Sommer folgt Bregenz, mit einer „Zauberflöte“ auf dem See.

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Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin

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