Home
http://www.faz.net/-gqz-75jt7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 07.01.2013, 14:11 Uhr

Vier „Zauberflöten“ Die Strahlen der Sonne

Vier neue Produktionen der „Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart halfen mit, den Jahreswechsel zu bewältigen, in Amsterdam, Meiningen, Straßburg und Berlin.

© Matthias Baus Ertrinken, Versinken: Tamino (Maximilian Schmitt) und Pamina (Christina Landshamer) kämpfen sich durch die Wasserprobe in Amsterdam.

Wer hat an den Feiertagen, die hinter uns liegen, wieder die „Zauberflöte“ gehört? Und zum wievielten Mal? Mit Mozart nämlich fing das sogenannte Verdi-Wagner-Jahr an. Fünf Opernhäuser brachten in den Wochen vor Weihnachten eine Neuinszenierung dieses alten Wunderrätselmärchens heraus: in Amsterdam, Antwerpen, Meiningen, Straßburg und Berlin. In Stuttgart wurde die Brecht-Bühnenfassung von Peter Konwitschny mit der vollalkoholisierten Nachtkönigin neu aufgelegt: ein Dauerbrenner.

Eleonore Büning Folgen:

In Wien, wo die „Zauberflöte“ vor 222 Jahren das Licht der Welt erblickt hatte, zeigt die Staatsoper zurzeit die Pappkarton-Lesart von Marco Arturo Marelli, die schon hundertfach gelaufen ist: ein Kassenschlager. Dieser Siegeszug, vermutet Wilhelm Sinkovicz von der Wiener „Presse“, sei wohl auf die zur Mozart-Zeit noch „unzeitgemäße Botschaft der Versöhnung der Geschlechter“ zurückzuführen: „Mann und Weib und Weib und Mann“. Stimmt. Doch es gibt, neben der Liebe, noch ein paar mehr Schlüssel zum Glück in diesem Stück. Zum Beispiel: göttliche Fügungen, einst „Zauberdinge“ genannt und heute eher unter dem Decknamen Zufall unterwegs. Oder: Sex.

22699349 © Matthias Baus Vergrößern Solisten des Knabenchors der Chorakademie Dortmund (3 Knaben), Christina Landshamer (Pamina) in Amsterdam.

Wasser

Amsterdam. Der Vogelhändler und seine Frau sind zwar einfache, aber doch erwachsene Leute. Sie fallen, kaum haben sie einander kennengelernt, sofort übereinander her. Da die „Zauberflöte“ weithin für eine jugendfreie Familienoper gehalten wird, hat es sich eingebürgert, beim „Pa-Pa-Pa“-Duett ein Dutzend Ballettratten auf die Bühne zu schicken, oder es rollen ein paar Kinderwägen an. Dabei handelt die Musik nicht von der Lust der Kinderaufzucht, sondern, ganz eindeutig, von der Lust des Kindermachens.

In Amsterdam hat der britische Film- und Schauspielregisseur Simon McBurney genau auf Mozarts orgiastisch stammelnde Musik gehört. Papageno und Papagena ziehen einander auf der Stelle aus (keine Sorge, sie haben zwiebelartig viel an). Sie küssen sich atemlos in jeder musiknotenfreien Sekunde, sie laufen davon, quer durchs Publikum, immerfort singend, kuschelnd und sich entschuldigend, dass sie leider nicht werden weiter mitspielen können: Sie haben jetzt Besseres zu tun.

Wunderbar frühlingsgrüne, junge Sänger gibt es in dieser „Zauberflöte“. Neben Thomas Oliemans als Papageno und Maximilian Schmitt als Tamino ist vor allem Christina Landshamers leuchtende Pamina-Stimme eine Entdeckung. Die Bühne ist noch sehr viel kahler als die von Brecht oder Konwitschny. Solange die Musik schweigt, ist überhaupt gar nichts zu sehen außer dem Gerüst für die Technik und einer flachen Spielfläche, die auch schweben und kippen, Berg, Tal und Höhle sein kann. Alles entsteht aus dem Stegreif, pointensicher, sekundengenau, sobald der Dirigent Marc Albrecht das Stöckchen aus der Fracktasche zieht und den Einsatz gibt. Er führt sein Nederlands Kamerorkest sicher, schnell und transparent.

Rechts neben der Bühne sieht man in einem Kabuff den Geräuschemacher am Werk, wie er an Blitz und Donner, Wind und Vogelpiep herumschraubt; links an einem Tischchen den Bildermacher. Alles, was er da zusammenpanscht und -zeichnet, das Gebirge, den Garten, die Wolken, Wasser, Feuer, wird abgefilmt und auf die diversen Gaze-Vorhänge projiziert, die blitzschnell aus dem Bühnenhimmel fallen. Als die Königin der Nacht hereinrollt, schüttet es wie aus der Gießkanne, im wahrsten Sinne des Worts. Die Wasserprobe, darin zwei Menschlein auf und nieder fliegen und zum Spielball des Elements werden, sah noch nie so lebensgefährlich aus wie hier. Am Ende verwandeln sich Pamina und Tamino und das ganze Theater in eine Sonne.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mozartwoche in Salzburg Wo das altmodische Zuhören geistige Arbeit ist

Eine Pastorale, drei Komponisten: Die Mozartwoche in Salzburg beharrt selbstbewusst auf der Autorität des Kunstwerks und vergleicht mit ruhiger Kompetenz Händel, Mozart und Mendelssohn. Mehr Von Jan Brachmann, Salzburg

01.02.2016, 09:00 Uhr | Feuilleton
Ehemann von Celine Dion René Angélil gestorben

Der Ehemann der kanadischen Sängerin Celine Dion, René Angélil, ist tot. Der ehemalige Sänger und Musikmanager starb nach langem Kampf gegen seine Speiseröhrenkrebserkrankung im Haus des Ehepaars in Las Vegas. Er wurde 73 Jahre alt. Mehr

15.01.2016, 10:18 Uhr | Gesellschaft
Safe-Harbor Einigung auf neues Datenschutzabkommen

Nach monatelangen Verhandlungen haben sich die EU-Kommission und die amerikanische Regierung auf neue Regeln beim Datenschutz geeinigt. Der EuGH hatte die bisherigen Regeln nach der Klage eines Internetaktivisten für nichtig erklärt. Mehr Von Hendrik Kafsack, Brüssel

02.02.2016, 17:16 Uhr | Wirtschaft
ESC-Vorentscheid Gebärdendolmetscher singt sich in Schwedens Herzen

Beim schwedischen Vorentscheid des Eurovision Songcontest stahl Tommy Krangh mit seiner barrierefreien Version der Wettbewerbsbeiträge sogar dem Sieger die Show. Mehr

01.02.2016, 15:54 Uhr | Feuilleton
Dirigentin Gražinytė-Tyla Endlich sind wir so weit

Die Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla ist noch keine dreißig Jahre alt und tritt jetzt in die Fußstapfen berühmter Kollegen wie Simon Rattle und Andris Nelsons – als künftige Chefdirigentin in Birmingham. Ein Gespräch. Mehr Von Eleonore Büning

06.02.2016, 13:35 Uhr | Feuilleton
Glosse

Die Jungs nebenan

Von Tilman Spreckelsen

Sie verkauft sich glänzend, heißt es aus dem Verlag. Dennoch hat Carlsen den Vertrag mit einer Autorin kündigen müssen – weil sie abgeschrieben hatte. Ausgerechnet aus einem Carlsen-Buch. Die Leser haben es gemerkt. Mehr 1 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“