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Renaissance für komische Oper : Die Natur als Ursprung aller Unruhe

  • -Aktualisiert am

Drehbühnenkarussell in Knallbunt: Der Maler Markus Lüpertz schuf das Bühnenbild und die Kostüme für die Regensburger Inszenierung. Bild: Foto: Martin Sigmund

Rarität in Regensburg: Vicente Martín y Solers „Una cosa rara“ hat seinerzeit Mozarts „Figaro“ von den Bühnen gefegt. Jetzt ist die einst so populäre komische Oper aufs Neue zu entdecken.

          Ein himmelblauer Himmel, auf dem sich Schäfchenwolken tummeln, fluffig-fedrig wie Pinselstriche – denn es sind Pinselstriche; Bäume, die beherzt, ja tatendurstig mit ihren knorrigen Ästen ausgreifen; zwei vor Leben prall berstende, halbnackte Pappkameradinnen an den Bühnenrändern, und auf dem grünen Rasen munter Drehbühnenkarussell fahrende Wollschäfchen, wahlweise auch Wildschweine oder lustig die Zähne fletschende Hirten: Diese ganze Hymne an das naturnahe Dasein gibt es derzeit im Theater Regensburg zu bestaunen, und sie stammt von keinem Geringeren als Markus Lüpertz.

          Wie auch immer diese Zusammenarbeit auf- und zustande gekommen sein mag, die Wahl von Markus Lüpertz als Ausstatter ist nicht nur ein oberflächlicher Marketingeffekt, sie gibt dem Stück, das da aufgeführt wird, tatsächlich etwas. Denn Vicente Martín y Solers „Una cosa rara o sia Bellezza ed onestà“ aus dem Jahr 1786, diese einst ungeheuer populäre komische Oper, stellt das Verhältnis von Natur und Kultur als den Zwiespalt von Ländlich-Sittlichem und zivilisierter Selbstentfremdung in den Mittelpunkt: also das große Thema der Aufklärung, nicht zuletzt in der komischen Oper. Bei Lüpertz spricht man gern von Dionysischem, die Oper selbst ortet in der Natur den Ursprung aller dramatischer Unruhe, denn der kreislaufhaften Stabilität der gesellschaftlichen Verhältnisse widerspricht die Unwillkürlichkeit des Sexualtriebs.

          Wie in Mozarts „Le nozze di Figaro“ geht es bei „Martini“ (wie Martín y Soler zu seiner Zeit meist genannt wurde) letztlich darum, eine attraktive Braut ins Bett zu bekommen, worum sich ihr Geliebter Lubino mit dem Bürgermeister, dem königlichen Oberstallmeister und sogar dem Infanten zanken muss. Und wie in Mozarts „Figaro“ beschämt die Treue der liebenden Frau den eifersüchtigen Gatten wie die sozial höherstehenden Anwärter. Das ist die rare Sache (cosa rara) des Titels: die Verbindung von Schönheit und Anständigkeit. Eine ziemlich misogyne Aussage also, die aber im Commedia-dell’arte-Schema gar nicht so selten ist, wie es uns Lorenzo da Ponte, der Librettist beider Opern, glauben machen möchte. Mozarts trickreiche und schlagfertige Susanna verhält sich freilich zu Martinis penetrant sittenreiner Lilla wie Pippi Langstrumpf zu Heidi, und in ähnlicher Weise ist Martinis melodisch überaus reizvolle Musik weit entfernt von Mozarts dramatisch beweglicher, so auffällig die Anklänge manchmal erscheinen, schöpfen doch beide aus dem stilistischen Fundus der Buffa-Tradition des späten achtzehnten Jahrhunderts.

          Der Erfolg war dennoch und zu Recht groß

          Gerade die Schlichtheit der Heldin trug neben der pastoralen Liedhaftigkeit vieler Arien zum nachhaltigen Erfolg des ganzen Schäferspiels bis in die ersten Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts bei. Die Legende will, dass „Una cosa rara“ nach ihrer Uraufführung den „Figaro“ von der Wiener Bühne gefegt haben soll. Und eine kaum weniger zweifelhafte Anekdote von Friedrich Rochlitz berichtet, dass Mozart über Martini abfällig gesagt haben soll: „Vieles in seinen Sachen ist wirklich sehr hübsch: aber in zehn Jahren nimmt kein Mensch mehr Notiz von ihnen.“ Ironischerweise war es Mozart selbst, der in der Tafelmusik des Don Giovanni das Finale des ersten Akts von „Una cosa rara“ zitierte und damit dem Stück die Unsterblichkeit sicherte.

          Soll die „Cosa rara“ aus dieser musikhistorischen Fußnotenfunktion befreit werden, braucht es Aufführungen wie die in Regensburg. Denn die von Ruth Groß gekonnt ins Theaterpraktische umgesetzten Entwürfe von Lüpertz werden auch zum dramaturgisch sinnhaften szenischen Ereignis: Zwar erscheinen die beiden Bäuerinnen Lilla und Ghita geschminkt wie verkleidete Damen des Hochadels, aber im lokal angemessenen Dirndl, das bei Ghita sogar die (Kunst-)Brust freilegt. Am oberen Ende der sozialen Skala spreizt sich die Königin (es ist Isabella von Kastilien, aber das spielt keine Rolle) zwar sehr selbstgefällig als penetrante dea ex machina, verrät aber in ihrer berührenden Arie „Chi mai diria“ die Sehnsucht nach dem so einfachen wie tugendhaften Landleben, wobei sie sich stracks ihres Hofkostüms entledigt. Zumindest für einen Moment will sie Mensch sein, bevor am nächsten Morgen die höfische Jagd weitergeht.

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          Auf eine ganz andere Jagd ist inzwischen ihr Sohn gegangen: Von der Begierde nach Lilla getrieben, hält er sich an die Standesgrenzen und versucht (mit der offenherzigen Ghita als Kupplerin), sich Lillas Liebe mit Geld und Geschenken zu erkaufen. Die Inszenierung von Andreas Baesler hält die schönste Mitte zwischen albernen Gangarten und befreiten Gesten, schmiegt sich dem leichtfüßigen Duktus von Martinis Musik komödiantisch an und veralbert doch die ernste Grundposition des Stücks nicht, das dem „Figaro“ an Adelskritik kaum nachsteht. Dass zum kastagnettenbewehrten Finale ein Teil des Bühnenbilds krachend umstürzt und die Drehbühne den Blick hinter die Kulissen gewährt, dieser Illusionsbruch erscheint angesichts des raffinierten Spiels zwischen Stilisierung und Naivität sogar allzu plakativ.

          Auf ein in Aktion wie Stimme hervorragendes Ensemble kann dabei gebaut werden, unter dem vor allem Sinéad Campbell-Wallace als Isabella, Angelo Pollak als der ausgesprochen lyrische Infant und Anna Pisareva als Lilla auch stimmlich herausragen. Frech und naseweis erscheint die Ghita der Sara-Maria Saalmann, deren klar fokussierte Stimme freilich etwas scharf klang, während die tumben Toren Lubino (Seymur Karimov) und Tita (Mario Klein) ihren meist polternden Partien durchaus gerecht wurden. Schade, dass das von Christoph Spering klar und stilsicher geleitete Philharmonische Orchester Regensburg nicht immer dem raschen Parlando auf der Bühne hinterherkam. Der Erfolg war dennoch und zu Recht groß, und er brandete auch gegen die Mittelloge, aus der Markus Lüpertz hoheitsvoll in die Menge grüßte – ein Fürst, der sein Volk reich beschenkt hat.

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