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Verdis Mantel-und-Degen-Opern : Frauen können hier nur weinen, beten, sterben

In der Amsterdamer „Forza del destino“ sorgt sich Pater Guardiano (Vitalij Kowaljow, links) um die Seele von Leonora (Eva Maria Westbroek). Bild: Monika Rittershaus

In Amsterdam rettet Christof Loy Giuseppe Verdis Oper „La forza del destino“, in Frankfurt lässt David Bösch dessen „Il trovatore“ verrecken. Gesungen wird aber ganz schön.

          Die klügsten unter den Verehrern es Komponisten Giuseppe Verdi bemühen sich redlich, seine Mantel-und-Degen-Opern „La forza del destino“ (Die Macht des Schicksals) und „Il trovatore“ (Der Troubadour) als große Kunst zu rechtfertigen. Doch auch sie können nicht in Abrede stellen, dass die dramatischen Verläufe dieser Stücke hanebüchen sind und die Figuren nur Typen, keine Menschen darstellen. Von der feinen Psychologie eines Wolfgang Amadeus Mozart oder eines Peter Tschaikowsky ist Verdi weit entfernt; er fällt hier sogar zurück hinter die Ausleuchtung seelischer Intimität, die er in „La traviata“ schon einmal erreicht hatte. Wie in beiden Opern immer nur der Bariton zu verhindern sucht, dass der Tenor die Sopranistin bekommt, und dass diese Sopranistin – Hauptsache, sie heißt Leonora – immer nur fürs Weinen und Beten zuständig ist, um am Ende als Opfer vom Dienst und pures Objekt männlicher Gier sterben zu dürfen, das grenzt in der industriellen Kaltschnäuzigkeit der Machart an Schund.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Man sieht sehr deutlich, dass es Verdi nur ums Setzen publikumswirksamer Schlüsselreize ging: beim „Troubadour“ irgendetwas mit Zigeunern und Scheiterhaufen, bei der „Macht des Schicksals“ was mit Soldaten und Kloster. Im Jahrhundert planvoller Metropolenplanung kitzelt er seine Hörer mit spanischen Nomaden; zur Zeit der Stahlöfen und Mikroskope verhökert er, der doch nach Aussage seiner Lebensgefährtin Giuseppina Strepponi „an nichts“ glaubte, den tränenseligen Kunden noch etwas Transzendenz vom Trödelmarkt. Zynische Machwerke einer alteuropäischen Trashkultur.

          Eine Liebestat sondergleichen

          Der Regisseur Christof Loy allerdings, der „La forza del destino“ jetzt in Amsterdam herausbrachte, sagte selbst, er könne nicht anders, als ganz altmodisch das Stück ernst nehmen mitsamt der Verheißung von Sinn im Leben nach dem Tode, die hier durch Pater Guardiano gemacht werde. Es ist eine Liebestat sondergleichen, die er dem Stück erweist. Dadurch wird es gerettet. Bei ihm bleiben Soldaten weiterhin Soldaten und Mönche auch Mönche. Sogar Marchesa Leonora bekommt vom Bühnen- und Kostümbildner Christian Schmidt ein Kleid, wie es eine Marchesa auf alten Gemälden zu tragen pflegt. Aber Loy erfindet eine Geschichte, die alles plausibel macht: Leonora ist schon als Kind eine religiöse Ekstatikerin gewesen und fühlt sich schuldig am Tod ihres jüngeren Bruders. Ihr älterer Bruder Carlos hingegen hat sie inzestuös missbraucht – mit Duldung des eigenen Vaters. Das enthüllt sich erst ganz am Ende, aber der Anfang wird stumm erzählt schon während der Ouvertüre.

          Wie Michele Mariotti am Pult des Niederländischen Philharmonischen Orchesters diese Ouvertüre dirigiert – das lässt aufhorchen. Das An- und Abschwellen der Dynamik, die von Verdi vorgeschriebenen Akzente auf unbetonten Taktteilen, all das setzt Mariotti mit so viel Anteilnahme um, dass die Musik ihre maschinenhafte Mechanik verliert und zu leuchten, zu leben anfängt. Das As-Dur-Flimmern am Ende der Oper, die Vision der Ankunft der Toten bei Gott – das mag billiger Kandelaberkatholizismus aus dem Opernfundus sein, aber es hat unter Mariottis Händen echten Zauber.

          Schlachtfeldbespaßung

          Ganz großartig gelingen die Chorszenen in der Choreographie von Otto Pichler. Gut gebaute Männer formieren sich zur Girls-Reihe wie in alten Admiralspalastrevuen rund um Preziosilla, die Truppenbetreuerin im Feldlager. Die begnadete Veronica Simeoni kann diese Rolle nicht nur mit generösem Mezzosopran singen, sie kann auch tanzen: sich heben lassen, in zierlich schnellen Schritten laufen, Pirouetten drehen. Vergnügungssucht als Todesangst, die ganze Frivolität dieser Schlachtfeldbespaßung wird zum bewegt-bewegenden Bild in Amsterdam.

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