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Veröffentlicht: 10.11.2016, 18:13 Uhr

„Meistersinger“ in Weimar Sachs meint es gut

Vera Nemirova stellt mit ihrer Inszenierung von Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ in Weimar Fragen an die Kulturpolitiker. Kirill Karabits gibt dabei seinen starken Einstand als musikalischer Chef.

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© Foto Lutz Edelhoff Kein Orchester mehr da: Hans Sachs (Frank van Hove) trauert über den Niedergang der Kunst.

Als das Leben nach dem letzten Krieg in Deutschland langsam wieder in Gang kam, besang man die Auferstehung aus Ruinen hüben wie drüben am liebsten mit Richard Wagners „Meistersingern von Nürnberg“. Die Staatsoper Unter den Linden im Ostteil Berlins - damals „Deutsche Staatsoper“ genannt - wurde 1955 mit dem fanfarenglänzenden Volksfeststück ebenso eröffnet wie die Bayerische Staatsoper in München 1963, jenes Theater, an dem Wagners Werk knapp hundert Jahre zuvor seine Uraufführung erlebt hatte. Man feierte den raschen Wiederaufbau der zerbombten Traditionshäuser, zugleich aber auch die Einheit der staatlich getrennten Kulturnation, ganz im Sinne von Wagners Schlusschor: „zerging in Dunst das heil’ge röm’sche Reich: uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst!“. Ein Schuft, wer Arges dabei dachte.

Jan Brachmann Folgen:

Vera Nemirova erinnert nun in ihrer Inszenierung dieses Stücks am Deutschen Nationaltheater Weimar an den Pomp und die Umstände von damals. Die Chöre von Weimar und vom Theater Erfurt sitzen vereint in einem Saal, den der Bühnenbildner Tom Musch an das Haus des Rundfunks der DDR in der Berliner Nalepastraße angelehnt hat. Es laufen Schwarzweißfilmbilder von der Wiedereinweihung der Opern in Berlin und München über die Kinoleinwand, und die Staatskapelle Weimar liefert dazu die Kulturstaatsaktsmusik des „Meistersinger“-Vorspiels: satt, voll, in großen Streicherbögen, von den Bläsern weich gepolstert, anfangs noch recht großspurig, bald aber immer feiner, immer zierlicher, mit wachsender Zärtlichkeit für alle Details.

Vorbildliche Intimität und Präzision

Kirill Karabits, vor bald vierzig Jahren in Kiew geboren, inzwischen sehr gefragt in Großbritannien und seit September neuer Generalmusikdirektor in Weimar, steht am Pult. „Die Meistersinger“ sind seine erste Premiere - und er zeigt, was er kann: Sänger tragen, nicht zudecken, Pointen setzen, das Erzähltempo so steuern, dass auch bei vollen sechs Stunden Spieldauer (Pausen eingeschlossen) kein Gefühl von Leerlauf oder Stillstand aufkommt. In der Lehrstunde die der quicklebendige, herrlich frisch singende Jörn Eichler als David dem zunächst etwas plump wirkenden Heiko Börner als Walther von Stolzing gibt, prickelt, perlt und knistert es im Orchester, als wär’s ein Stück von Jacques Offenbach.

Aber dann, im Vorspiel zum dritten Aufzug, hört man auch Musik voll Nacht und Trauer, die allem Glanz erst Tiefe geben. Die Hoffnung und der Bürgerstolz auf das, „was wert die Kunst und was sie gilt“, sind erkauft mit Not und Verzicht, beim Einzelnen wie in der Gemeinschaft.

Die sängerische Qualität dieser „Meistersinger“ ist beachtlich, in zwei Fällen grandios: nämlich bei Frank van Hove als Hans Sachs und Bjørn Waag als Sixtus Beckmesser. Beide singen mit einer Leichtigkeit, Deutlichkeit und silbenschnell wechselnden Nuancen wie bei einem Liederabend. Van Hoves Stimme sitzt perfekt in der Maske, sein Sachs klingt hell, seine Konsonanten auf M und N sind so durchdringend klangvoll, dass er die Vokale wie im gesprochenen Deutsch färben kann, was dem Gesang hohe Textverständlichkeit sichert, ohne stimmliche Präsenz zu verlieren. Waags Beckmesser ist hochgradig sensibel, ein Kunstfanatiker von enormer Kompetenz, der zugleich Haare auf den Zähnen hat, schlagfertig ist - aber mit der maliziösen Schmallippigkeit einer boshaften alten Jungfer. Das Duett zwischen Sachs und Beckmesser über das gestohlene Preisgedicht im dritten Akt ist ein Höhepunkt dieser Aufführung, auch das wenig später folgende Quintett mit Sachs, Beckmesser, Magdalene (Sayaka Shigeshima), David, Stolzing und Eva (Larissa Krokhina) - Wagnergesang von einer Intimität und Präzision, die vorbildlich sind.

Kluge Bewegungsregie

Nemirovas große Begabung ist seit jeher die Bewegungsregie von Chören: Wie die Lehrbuben im ersten Aufzug die Saal-bestuhlung besorgen, wie die Prügelszene im zweiten Aufzug im Gegenstrom zweier Gruppen organisiert ist, wie die Volkstänze auf der Festwiese im dritten Aufzug die Bühne übersichtlich gliedern und nicht erstarren lassen - das ist nicht nur schön anzusehen, sondern zugleich so gemacht, dass zwischen Chor und Orchester nichts klappert und alle Abstimmung funktioniert.

Wer heutzutage die „Meistersinger“ in Deutschland inszeniert, von der oder von dem verlangen die Rituale des Betriebs erstens eine Umwertung Beckmessers vom reaktionären Spießer zum Mann des Fortschritts (schon gar nicht darf er, wie von Wagner beabsichtigt, als bösartige Judenkarikatur wirken) und zweitens die Distanzierung von der chauvinistischen Schlussansprache des Sachs, der die „heil’ge deutsche Kunst“ über den „welschen Tand“ stellt. Nemirova folgt diesen Regeln mit eigener Kreativität: Beckmesser, als Rockmusiker und sexueller Avantgardist, der Frauen wie Männer gleichermaßen mag, kommt nicht zu spät, sondern zu früh für diese Epoche der aufopferungsvollen Wiederverbürgerlichung der Welt nach dem katastrophalen Krieg. Und Sachs meint seine Ansprache wirklich nur gut, als Plädoyer für die Kunst, die uns trägt und stärkt. Entsetzt schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen, als er das nationalistische Gebrüll des Mobs hört, den die Kostümbildnerin Marie-Thérèse Jossen in völkische Reichsbürgerwehrtrachten gesteckt hat. Sachs wurde missverstanden, Wagner durch Nemirova freigesprochen vom Missbrauch seiner Gedanken.

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Der Satz des Sachs, „Uns dräuen üble Streich“, wird hier - durch leere Orchesterstühle auf der Bühne - kulturpolitisch gedeutet und auf die Fusionspläne bei der Theaterreform in Thüringen bezogen, zu der die Kooperation zwischen den Opern Erfurt und Weimar bei diesen „Meistersingern“ ein Pilotprojekt sein könnte. An die verantwortlichen Planspieler stellt Nemirovas Inszenierung die Frage, warum in die Theaterlandschaft so viel Mühe und Geld gesteckt wurde, als das Land arm und zerstört war, während nun, bei einer recht stabilen Grundversorgung, der Rückbau beginnt. Geltung und Kosten der Kunst sind offenbar doch zwei ganz verschiedene Dinge.

Weitere Aufführungen

Sonntag, 13. November, 16 Uhr
Sonntag, 4. Dezember, 16 Uhr
Sonntag, 25. Dezember, 17 Uhr
Samstag, 7. Januar, 17 Uhr

Glosse

Zurechtgerüttelte Menschenleiber

Von Hannes Hintermeier

Wer es pünktlich zur Leipziger Buchmesse schaffen will, der muss so einiges mitmachen – diesmal in der S-Bahn statt in der Straßenbahn. Mehr 0

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