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„Versetzung“ von Thomas Melle : Das ist dein Denken, das ist nicht die Welt

Birgit Unterweger, Daniel Hoevels und Judith Hofmann in „Versetzung“ Bild: F.A.Z.

Wir sind die Klasse, er ist das Opfer in dieser Schule: „Versetzung“ von Thomas Melle wurde am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt.

          Ein Muster von einem Lehrer. Er ist voll guten Willens, redet etwas viel und ziemlich normativ, versteht die Schüler mehr als Zwischenrufer zu seinem Text, und er weiß oft ein bisschen zu sehr Bescheid. Die Schule ist ihm eine moralische Anstalt. Der Klasse trägt er im Deutschunterricht – „morgen wieder Brecht“ – vor, weshalb es niederträchtig ist, das Wort „Opfer“ herabsetzend zu verwenden. Es scheint einen Vorfall gegeben zu haben, auch wenn ihn später Leon, der schwierige Schüler, belehrt, niemand sage mehr „Opfer“, das heiße jetzt „Jude“.

          Der Lehrer spricht ins Publikum. Wir sind die Klasse, er ist das Opfer. So sagt er es uns gleich zu Anfang: „Ich bin ein Opfer. Und jetzt versucht mal das Wort weiterhin so zu gebrauchen wie bisher. Versucht es ruhig. Wenn es euch nicht gelingt, sind wir ein Stück weiter.“ Thomas Melles Stück „Versetzung“, das jetzt am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt wurde, liegt zwischen uns und dem Weitersein. Dem Weitersein womit? Mit der Wahrnehmung einer ganzen Person. Denn das ist die Frage des Stückes: Was sieht man, wenn man eine Person sieht?

          „Ich habe alle meine Karten auf Sie gesetzt“

          Melle spielt die Antworten auf diese Theaterfrage nicht zufällig an einem Lehrer durch. Lehrer sind Menschen, die sich stundenlang der Wahrnehmung von anderen aussetzen. Und daraufhin beobachtet werden, wie sie ihrerseits die Schüler wahrnehmen. Sie arbeiten mit ihrem Charakter. In Melles Stück kreisen die Gespräche ständig darum, wer zu den Schülern einen Draht hat, wie sensibel man sein muss und wie sensibel man sein darf, welches Bild ein Lehrer abgibt und welches er abgeben darf. Unablässig geht es ums Verstehen: ob die Schüler, die Eltern, die Lehrer, die Kollegen sich verstanden sehen. Tun sie natürlich nicht. Sie alle sind einander eine Zumutung, eine Qual. Der Physiklehrer mit seinen Naturweisheiten ist es der Philosophielehrerin, für die kausales Denken einer Krankheit gleicht. Die Klassenbeste, deren vamphafte Mutter dem Lehrer nachstellt, ist es dem schwierigen Leon, der im Netz lebt und dessen wahnhaft auf Impfgegnerschaft, Epidemien und Verschwörungen fixierter Vater als Elternsprecher allen auf die Nerven geht. Die pubertierenden Schüler – Linn Reusse und Caner Sunar spielen sie sehr überzeugend – fallen nicht weiter auf, denn die Erwachsenen in diesem Psychotop sind nur älter, nicht stabiler. Man hält sich wechselseitig für Patienten ohne Arzt, aber da ist auch keiner, der mit sich selbst im Reinen wäre. Alle wären gern anders, alle sind übergriffig. In Berlin ist es den Schauspielern ersichtlich ein Vergnügen, unter der textnahen Regie von Brit Bartkowiak diese Typen zu geben, herausragend unter den vielen guten Helmut Mooshammer als Schuldirektor und Anja Schneider als Frau des Lehrers.

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          Sie berührt als Erste den Hintergrund des Geschehens, wenn sie sagt, sie könne ihn, ihren Mann, oft nicht sehen, sein Gesicht nehme sie seit jeher nicht als ein Ganzes wahr. Er wiederum sieht sich beobachtet, von allen. „Wo ist Ihr zweites Ich?“, fragt ihn der schwierige Schüler und trifft ihn damit. Denn zehn Jahre ist er her, der letzte Ausbruch seiner manischen Depression. Für sein Leiden an sich gibt es also einen Namen. Doch die Kontrolle, die er oder das Medikament seitdem über die Krankheit hat, ist lückenhaft. Zunächst sagt er einzelne Sätze, die er nicht gesagt haben will. Dann beginnt er Sätze zu hören, die niemand gesagt haben will, etwa „Ich habe die Falle im Garten schon aufgesetzt“, wo es heißen sollte: „Ich habe alle meine Karten auf Sie gesetzt“. Alles redet dann von ihm. Immer häufiger spricht er schließlich selbst in Reimen, zunächst für sich, später auf offener Szene. Was zunächst wie ein privater Rap klingt, erweist sich immer mehr als Zwangshandlung. Die Krankheit bricht wieder durch, das Gerücht, er habe sie, wird von ihr eingeholt. Danach hat die Schule und haben die Gespräche in ihr nur noch dieses Thema, weil alle von sich und der Welt Geplagten dankbar dafür sind, die Verrücktheit am Lehrer festzustellen. Erklärungen, Bekenntnisse, Aussprachen helfen auch darum nicht. Die Karriere des Lehrers ist am Ende, seine Ehe auch, die Liebe schien den Liebenden nur ein Halt.

          Mischung aus Identifikation und Distanz

          Krankheit als Metapher? In Thomas Melles Stück ist sie beides: eine Wirklichkeit und ein Bild der Unordnung, die dort, wo sie nicht ausbricht, keinesfalls abwesend ist, sondern nur im Hintergrund bleibt. Wir alle spielen Theater, so hieß es einst in der Soziologie des Rollenverhaltens. Sie bezog sich nicht nur auf jene Rollen, von denen man glaubt, sie würden einem von außen zugemutet: Lehrer, Kollegin, Direktor, Elternsprecher. Sondern auch auf Rollen, die ein Nahverhältnis beschreiben: Geliebter, Mann, Frau. Jede dieser Rollen erfordert Identifikation mit ihr, keine ist nur Zumutung, keine kommt nur von außen. Und jede erfordert zugleich einen Abstand, wenn das Individuum sich in der Rolle mitdarstellen will.

          Wenn der Lehrer am Schluss des Stückes nur noch in Reimen spricht, kollabiert diese Mischung aus Identifikation und Distanz zu sich selbst. Er hört nur noch sich, und die anderen Figuren treten zu einem Chor zusammen, von dem offen bleiben kann, ob er nur in der Einbildung des Kranken existiert, als Echo einer ihrerseits in Reimen sprechenden Welt. Denn dann gibt es ohnehin nur noch die Einbildung, und Dichtung ist nur ein anderer Name für die Hölle, in die der Unglückliche eingesperrt ist: „Das ist dein Denken, das ist nicht die Welt.“ Das Stück hört an dieser Stelle mehr auf, als dass es einen Schluss hätte. Den Epilog spricht die Frau des Lehrers, die ihn, man ergänzt unwillkürlich: Jahre danach, in einem Clochard in Paris wiedererkannt hat, aber weitergeht, in ein eigenes Leben. Eine Wendung, die besagen mag: in ein Leben diesseits der Unterscheidung von Opfern und Mittätern.

          Quelle: F.A.Z.

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