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Veröffentlicht: 15.05.2017, 22:25 Uhr

„Der Fährmann“ in London Im blutroten Schatten des irischen Terrors

Ein Sittengemälde von Jez Butterworth: Sam Mendes brilliert mit der Uraufführung von „Der Fährmann“ am Londoner Royal Court Theatre. Ein naturalistisches Drama, das alle Facetten menschlicher Emotionen zeigt.

von , London
© Johan Persson Irische Wohnküchenvenus: Laura Donnely als Caitlin

Der greise Fährmann Charon, der die Toten über den Styx in die Unterwelt bringt, nimmt nur die Seelen der Bestatteten in sein Boot auf. Die Unbestatteten sind dazu verdammt, hundert Jahre lang ziellos umherumzuirren, bevor Charon sie ins Reich des Hades überführt. Das weiß der alte Onkel Pat Carney, der sich vor dem Frühstück schon ein Glas Whiskey einschenkt. In dem von drei Generationen der Carneys bewohnten nordirischen Gehöft pflegt der belesene Bauer die frühen Morgenstunden bei einem „Tropfen“ mit den Menschen der Antike zu verbringen, bevor die anderen aufstehen. Was wohl mit der Seele von Seamus geschehen sei, seines seit zehn Jahren vermissten Neffen, dessen Leiche gerade im Sumpf geborgen worden ist, will Onkel Pat vom Priester erfahren.

Gina Thomas Folgen:

In Jez Butterworths heiß erwartetem neuen Stück, „The Ferryman“ („Der Fährmann“), dessen Uraufführung am Londoner Royal Court Theatre von dem „James Bond“-Regisseur Sam Mendes jetzt meisterhaft inszeniert wurde, sind es nicht nur die Geister der Vergangenheit, sondern auch die Seelen von Seamus’ Verwandtschaft, die keine Ruhe finden. Das Auffinden der Moorleiche mit einer Kugel im Nacken bringt vor dem Hintergrund des Nordirland-Konflikts unterdrückte Wahrheiten, schwelende Spannungen, verborgene Gefühle an die Oberfläche des Großfamilienlebens in dem Bauernhaus, das Seamus’ Bruder Quinn und dessen Frau mit sieben Kindern und diversen Onkeln und Tanten teilen. Nach dem Verschwinden ihres Mannes hat auch Seamus’ Frau Caitlin mit Sohn Oisin dort Aufnahme gefunden.

46300977 © Johan Persson Vergrößern Leid der Vergangenheit: Quinn Carney (Paddy Considine) und Mary Carney (Genevieve O’Reilly)

In der Küche, dem Zentrum des Familienlebens, symbolisiert das Banner mit der irischen Harfe inmitten der an die Wand gehefteten Kinderzeichnungen, Fotos und Stundenpläne die enge Verstrickung der Carneys mit der Nationalgeschichte. Die Mythen, von denen sie sich nährt, dringen in das mit Whiskey getränkte Tohuwabohu des Familienlebens ein und vermengen sich mit den althergebrachten Ritualen des ländlichen Lebens. Es ist August 1981. Die Vettern sind aus der Stadt angereist, um das Getreide einzuholen; die Gans ist für das traditionelle Festmahl gemästet; im Haushalt herrscht höchste Aufregung. Derweil hungern sich IRA-Häftlinge zu Tode, um ihre Anerkennung als politische Gefangene durchzusetzen, die ihnen Margaret Thatcher verweigert, zum Zorn von Dearbhla Molloy als garstige Tante Pat, einer eingefleischten Republikanerin, die den Tod ihres Bruders beim Osteraufstand von 1916 nie verwunden hat.

Kettenrauchend lauscht sie den Nachrichten am Radio, stänkert gegen die verhassten Engländer, feuert mit spitzer Zunge Giftpfeile ab. Hingegen dämmert ihre Schwester im Rollstuhl vor sich hin, halb Seherin, halb Geist. In ihren hellen Momenten befragen die Kinder Bríd Brennans bizarre Tante Maggie Faraway wie ein Orakel. Sie ist die Stimme der Vergangenheit, die auch das Unglück wittert, auf das das Stück unweigerlich zusteuert.

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Im Hause Carney stoßen zwei patriarchalische Welten mit tragischem Ausgang aufeinander: die katholische Großfamilie, der Paddy Considines Quinn mit gütiger Autorität vorsteht, und die finstre Hierarchie der Irisch-Republikanischen Terrororganisation IRA, die wie die Mafia-Großfamilie operiert, indem sie ihre Mitglieder und deren Angehörige mittels Schutz und Einschüchterung zu unbedingter Loyalität verpflichtet. Quinn hat sich längst von der IRA losgesagt. Die Vergangenheit lässt ihn jedoch nicht los. In der politisch gespannten Lage kommt die Entdeckung von Seamus Carneys Leiche der IRA ungelegen. Sie will Schweigen erzwingen über den Vergeltungsmord.

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Mit filmischem Sinn für Details lotet Mendes in dem atmosphärisch aufgeladenen Sittengemälde alle Facetten menschlicher Züge und Emotionen aus, von kindlicher Unschuld über pubertäres Ressentiment und Imponiergehabe bis hin zu mörderischer Kaltblütigkeit und stechender Trauer. Grandios die wortlose Szene, in der die frisch geschlachtete Festgans, die gerade noch lebendig auf der Bühne zu sehen war, in der Küche aufgehängt wird, wo sie Oisin baumeln sieht, als sei sie die Leiche seines Vaters. Oder wie sich die Blicke von Quinn und seiner Schwägerin Caitlin über das Getümmel am Familientisch treffen. Sie haben sich ihre Liebe noch nicht eingestanden, doch liegt die gegenseitige Anziehung in der Luft, so dass Quinns Frau Mary sich mit vorgeschobener Krankheit ins Bett zurückzieht. Genevieve O’Reilly mimt mit aschfahlem Gesicht die Nervosität der still Leidenden, die umso gebrechlicher wirkt neben der feurigen, rotbäckigen Laura Donnelly in der Rolle ihrer Rivalin. Jede der dreiundzwanzig Figuren ist mit feinstem Pinselstrich gezeichnet, ob es der Äpfel und lebende Kaninchen aus seinem Mantel zaubernde Tom Kettle ist, dem der bärige John Hodgkinson ergreifende Unbedarftheit verleiht, oder Tom Glynn-Garneys glühender Shane, dessen jugendliche Inbrunst die IRA korrumpiert.

In einem Theater, das sich seit den sechziger Jahren als Schauplatz der Avantgarde geriert, haben Butterworth und Mendes es gewagt, ein großes, altmodisch-naturalistisches Drama auf die Bühne zu bringen. „The Ferryman“ war längst vor der Uraufführung die Übersiedlung ins West End garantiert. Der Vorschusslorbeer hat sich als berechtigt erwiesen. Mit einigen Feineinstellungen dürfte sich dieser mehr als dreistündige Wurf eines Engländers irischer Abstammung neben den Werken von Sean O’Casey, John Millington Synge, Brendan Brehan und Brian Friel unter die Klassiker des irischen Dramas einreihen.

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