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Uraufführung in Mannheim : Jenseits von Gut und Löwe

  • -Aktualisiert am

G’schamigster Diener: Thorsten Danner als Kellner zum Jenseits in „Vor dem Gericht“ Bild: Florian Merdes

„Vor dem Gericht“ ist nach dem Katholikentag: Die Uraufführung von Sibylle Lewitscharoffs erstem Theaterstück im Nationaltheater Mannheim macht es sich diesseitig bequem.

          Zu den religiösen Dienstleistungen, die das Mannheimer Nationaltheater für den Katholikentag am Wochenende bereitstellte, gehörte der „Gebetomat“ eines Berliner Installationskünstlers, eine Kreuzung aus Beichtstuhl und Telefonzelle, in der gläubige Theaterbesucher dreihundert Gebete in 65 Sprachen abrufen konnten. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff ist studierte Religionswissenschaftlerin und hat ein feines Gespür für die Epiphanien und Ekstasen katholisch-barocker Gotteserfahrung und bildungsbürgerlich gefärbter Pop- und Drogentrips; in ihrem letzten Roman „Blumenberg“ erschien dem Philosophen in seinem Münsteraner Gehäus ein hauspossierlicher emblematischer Löwe als Gnade und Wunder. Ihr erstes Theaterstück „Vor dem Gericht“ ist allerdings weder ein Nachtgebet zum Katholikentag noch ein löwenhafter Prankenhieb, der metaphysische Schauer erregt, sondern nur ein ersichtlich nicht für die Ewigkeit gemachtes Auftragswerk.

          Was in Lewitscharoffs Prosa irrwitzig funkelt und tiefsinnig strahlt, funktioniert auf der Bühne noch lange nicht. In ihrem Roman „Consummatus“ hatte es morbiden Charme und mythologischen Witz, als ein Lehrer das Stuttgarter Café Rösler zur Unterwelt machte und wie ein besoffener Orpheus Totengespräche mit Popheiligen wie Jim Morrison und Andy Warhol führte. Wenn jetzt acht Menschen und ein Hund (darunter Isa, die man als Selbstmörderin schon aus Lewitscharoffs „Blumenberg“-Roman kennt), die aus verschiedenen Gründen aus dem Leben geschieden sind, Totengespräche in einem Wiener Gasthaus führen, ist der Schmäh ein fader Schwindel.

          Mit Gewalt zum Paternoster

          Der Tod ist ein Wiener, und so offenbart sich das gemütliche Beisl bald als Wartezimmer zum Jenseits, der Oberkellner als g’schamigster Diener des Jüngsten Gerichts und die saftigen Gerichte auf der Menükarte als leere Versprechungen. Die Gäste begreifen den Ernst der Lage nur langsam und widerwillig, obwohl es nicht an Hinweisen auf ihre prekäre Lage fehlt: Die Uhr an der Wand läuft rückwärts, der Kellner serviert statt Bier Wasser und statt Schnitzel nur Schnitzler-Zitate und grantelnde Frechheiten (die der Germanist Klaus Zeyringer vom Schwäbischen in ein schleiflackglattes Kunstwienerisch übersetzte).

          Totengespräche im Gasthaus: Reinhard Mahlberg als Heinrich Schäfer und Elke Twiesselmann als Ingrid von Malden
          Totengespräche im Gasthaus: Reinhard Mahlberg als Heinrich Schäfer und Elke Twiesselmann als Ingrid von Malden : Bild: dpa

          Thorsten Danners Kellner ist ein vielbeschäftigtes schmächtiges Männchen, das mit lauernder Höflichkeit und brummigem Charme wienert und dienert, auf- und abräumt. Er verteilt wie ein Heiliger der letzten Tage zwar Nummern für das Weltgericht, aber wenn die Zeit gekommen ist, führt er die Herrschaften notfalls mit Gewalt zum Paternoster; aufwärts geht’s in den Himmel, abwärts in die ewige Verdammnis.

          Ein Frosch, ein Rabe, ein Hund

          Der kleine Hansi, die türkische Putzfrau und der weise alte Mann dürfen - gerettet, nicht gerichtet - auffahren. Für Erwin dagegen, den Motorradfahrer aus Pirmasens, und Isa, die studentische Elfenkönigin, die aus dem Leben schied, weil ihr unordentlicher Professor ihre ordentliche Liebe nicht erwiderte, ist der Fahrstuhl zur Hölle reserviert. Für die anderen war schon das Leben Hölle und Tod genug.

          Ingrid, die forsche Diplomatengattin, die jeden Satz mit „Hach, Kindchen“ beginnt, wurde von ihren Kindern im Stich gelassen. Gertrud, die streitsüchtig-emanzipierte „Kulturfrau“, schleppte ihren Heini siebzehn Jahre lang nach Bayreuth, obwohl er Wagner und das Theater im Allgemeinen hasste. So gibt Sibylle Lewitscharoff jedem Gast in ihrem Wirtshaus zur letzten Station ein Schicksalspackerl und eine kleine kulturelle Idiosynkrasie mit auf den Weg, und wer Glück hat, bekommt noch einen Frosch, einen Raben oder einen Hund als Wappentier und Gesprächspartner.

          Aufwärts in den Himmel, abwärts in die ewige Verdammnis: Ralf Dittrich als alter Mann, Elke Twiesselmann als Ingrid von Malden und Michael Fuchs als Erwin Benz
          Aufwärts in den Himmel, abwärts in die ewige Verdammnis: Ralf Dittrich als alter Mann, Elke Twiesselmann als Ingrid von Malden und Michael Fuchs als Erwin Benz : Bild: dpa

          „Gustostückerl“ aus der Vorhölle

          Das alles klingt wie ein makabrer Spaß, aber auf der Bühne des Mannheimer Nationaltheaters herrscht ungefähr so viel Leben wie bei einem Leichenschmaus auf dem Wiener Zentralfriedhof: Tote sitzen herum, kauen mürrisch an unsichtbaren Schnitzeln und erzählen einander mit allerlei Kalauern, Allgemeinplätzen, Seufzern und bildungsbürgerlicher Folklore ihre missglückten Biographien. Thorsten Danners Oberkellner sorgt mit rabiatem Humor und Slapstickeinlagen für ein bisschen Auf und Ab im Fahrstuhl zur Hölle; die Kim-Jong-il-Frisur von Reinhard Schäfers Heinrich und der matronenhafte Dutt von Anke Schubert sind beeindruckend; aber der Rest ist Routine. Dascha Trautweins Isa ist nur ein engelhaftes Blondchen, Elke Twiesselmanns abenteuerlustige Ingrid eine mümmelnde Leni-Riefenstahl-Karikatur.

          Der Regisseur und Schauspielchef Burkhard C. Kosminski versucht der dramatischen Windstille im Totenreich mit angedeuteten Grotesken zu begegnen, aber meist verdoppelt er nur den altbackenen Realismus der Vorlage. In den Totengesprächen der Studenten von „Blumenberg“ löste Lewitscharoff den blöden „Absolutismus der Wirklichkeit“ am Ende in gebenedeitem Nonsens und deliranter Sprachzerrüttung auf. In ihrem „Gustostückerl“ aus der Vorhölle, das ihr so viel Spaß beim Schreiben gemacht haben soll („Es lief wie geschmiert“), herrscht der Absolutismus dagegen ungebrochen, und Kosminski gießt noch Schmieröl ins Fegefeuer. Die Aussicht, dass das Leben nach dem Tode nicht viel anders als davor ist und die Dialoge drüben so mechanisch-vorhersehbar wie ein Gebetomat oder Paternoster im „Schnürlregn des Hierdaseins“ abschnurren, mag zwar einmal beim friedlichen Hinübergehen helfen, aber im Theater hier und heute kaum ein Trost sein.

          Die nächsten Vorstellungen von „Vor dem Gericht“ am Nationaltheater Mannheim finden statt am 26. Mai, 8. Juni, jeweils um 20.00 Uhr, sowie am 14. Juni 2012 um 19.30 Uhr.

          Quelle: F.A.Z.

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